Nach unruhigen Jahren mit einem «Klima der Angst» hat das Berner Inselspital eine neue Direktorin. Nun gibt Jennifer Diedler ihr erstes Interview und spricht über Fehlerkultur, den Skandal am Unispital Zürich und ihre Vision für eine moderne Führung im Gesundheitswesen.
SRF News: Am Unispital Zürich kam es in der Herzchirurgie zu einer Übersterblichkeit, es wurden schwere Fehler begangen. Als Sie gestern davon hörten, was ging Ihnen durch den Kopf?
Jennifer Diedler: Das ist unglaublich bedrückend. Natürlich fragt man sich sofort für das eigene Spital: Wo müssen wir besser hinschauen? Die Medizin kommt traditionell aus einem sehr hierarchischen Umfeld. Es ist zwar bereits ein Umdenken im Gange, aber wir müssen dieses Umdenken dringend weiter fördern. Menschen kommen in Notsituationen zu uns und müssen sich zu hundert Prozent auf uns verlassen können.
Wie wichtig ist in einem Spital eine gute Fehlerkultur?
Extrem wichtig. Man vergleicht uns oft mit der Luftfahrt, die da deutlich weiter ist. Fehler können allen passieren. Es ist darum zentral, Fehler anzusprechen, daraus zu lernen und die Fehler von den Personen zu trennen. Wir müssen als Organisation ein Netz schaffen, damit ein Fehler nicht zu einem fatalen Ereignis führt.
Ich höre genau hin, wenn Dinge angesprochen werden, die verbessert werden sollen.
Dabei darf man sich auch nicht vom Renommee eines Arztes oder einer Ärztin blenden lassen. Wir müssen stets nüchtern prüfen: Stimmt die Qualität? Stimmt die Leistung? Nur daran dürfen wir uns orientieren.
Das Inselspital hat bewegte Zeiten hinter sich. Mitarbeitende sprachen von Mobbing und einem «Klima der Angst». Ihr Vorgänger wurde entlassen. Was reizte Sie daran, dieses Spital zu leiten?
Das Inselspital hat international einen guten Ruf. Manchmal kommt es mir vor: Je näher man dran ist, umso schlechter ist der Ruf. Als ich hierher kam, sah ich vor allem das wahnsinnige Potenzial: Das neue Bettenhochhaus, die Investitionen, die getätigt wurden. Von dem Unmut in der Belegschaft habe ich weniger gespürt, als ich erwartet hatte. Ich nehme die Mitarbeitenden als motiviert und engagiert wahr, höre aber auch genau hin, wenn Dinge angesprochen werden, die verbessert werden sollen.
Ein offener Diskurs, fernab von Hierarchien, ist entscheidend.
Was ist für Sie eine gute Unternehmenskultur?
Das ist vielschichtig. Wichtig ist, dass gemeinsame Werte nicht nur auf Folien stehen, sondern von der Führung vorgelebt werden. Bei uns sind das «Respekt», «Exzellenz» und «Verantwortung». Es braucht einen Austausch darüber auf allen Ebenen.
Als ich meine Karriere als Assistenzärztin begann, hiess es, als ich eine Frage stellte: «An einem Universitätsklinikum stellt man keine Fragen.» Genau das ist es für mich nicht. Ein offener Diskurs, fernab von Hierarchien, ist entscheidend. Wir brauchen die Ideen aller Mitarbeitenden.
Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem die Leute gerne arbeiten und bei uns bleiben.
Nach Jahren mit Millionenverlusten schrieb die Inselgruppe letztes Jahr schwarze Zahlen. Die Leistungen wurden gesteigert, die Personalkosten gesenkt. Geschah dieser Sanierungsplan auf Kosten des Personals?
Die Belastung hat zugenommen, die Medizin ist schneller geworden. Die Einsparungen beruhen aber auch auf Effizienzsteigerungen, gerade in der Verwaltung. Es ist für uns wichtig, dass wir wirtschaftlich arbeiten, damit wir auch in Zukunft in unsere Mitarbeitenden investieren können. In Zeiten des Fachkräftemangels müssen wir ein Umfeld schaffen, in dem die Leute gerne arbeiten und bei uns bleiben.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.