Lodhi Hotel, Neu Delhi. Im Kraftraum des Luxus-Hotels geben sich all abendlich die Reichen und Schönen der Hauptstadt ein Stelldichein. Mitten unter ihnen: Rahul Gandhi, 43-jährig, gut aussehend, potentieller Premierminister Indiens.
Das Handtuch um den Nacken gelegt stemmt Rahul mit kurzen Atemstössen Gewichte. Sein Bodyguard sitzt auf dem Sofa neben dem Pool und schützt ihn vor der Welt ausserhalb der Hotelmauern. Diese betritt der Politiker vor allem, um für seine Partei zu werben.
Hölzern und anbiedernd
Aber es wirkt hölzern und anbiedernd, wenn Gandhi verspricht, Armut und Ungerechtigkeit zu bekämpfen und wenn er Sozialprogramme und Subventionen lobt. Tatsächlich hat seine Kongresspartei seit 2004 Unsummen in solche populistischen Programme gesteckt. Gleichzeitig aber stieg die Inflation, das Wirtschaftswachstum schrumpfte um mehr als die Hälfte, ein Korruptionsskandal jagte den andern.
Der 81-jährige Premierminister Manmohan Singh schaffte es nicht, das Land mit den 1,2 Milliarden Einwohnern aus der Krise zu führen. Sowieso war er nur Platzhalter. Sonia Gandhi, die Mutter Rahuls und Chefin der Kongresspartei, hatte den Ökonomen Singh ins Amt gehievt. Als gebürtige Italienerin wollte sie selbst nicht Premierministerin werden und ihr Sohn Rahul war noch zu jung für das Amt.
Der heute 43-jährige Rahul wollte eigentlich gar nie in die Politik gehen. Er hatte in Harvard und Cambridge studiert, in London als Unternehmensberater gearbeitet und 2002 in der Wirtschafts-Metropole Mumbai seine eigene IT-Beratungsfirma gegründet.
Politik als Familienerbe
Die Politik ist für ihn nicht Berufung, sondern Familienerbe. Rahuls Vater Rajiv, seine Grossmutter Indira und sein Urgrossvater Jawaharlal Nehru waren allesamt Premierminister des Landes. Als Rahul Gandhi 2004 offenbar widerwillig im Wahlkreis seiner Mutter kandidierte, erstaunte das deshalb niemanden. Als er am Parteikongress vor einem Jahr zum Vizepräsidenten gekürt wurde, auch nicht. Damit war die Sicht aufs Amt des Premierministers frei.
Seither trinkt Rahul Gandhi landauf landab unermüdlich Tee mit Unterprivilegierten, Bauern und Unberührbaren. Von Fernsehteams begleitet, in traditioneller Kleidung und mit Stoppelbart, schleppt er gemeinsam mit Bauern schwere Eimer – immer im Dienste seiner Kongress-Partei.
Die Regionalwahlen im vergangenen Jahr hat diese trotzdem beinahe alle verloren. In der Hauptstadt Delhi, wo die Kongresspartei seit 15 Jahren regiert, wurde sie von der jungen Aam-Aadmi-Partei – der Partei des gewöhnlichen Mannes – geschlagen. Diese versprach, die Korruption zu bekämpfen und lockte damit viele junge Wähler zu sich.
Die Zeit der Parteien-Dynastien sei vorbei, sagt der 27-jährige Student und Aam Aadmi-Wähler Mohammad Khan. «Rahul Gandhis Partei hat lange genug über das Land regiert. Die Korruption in dieser Zeit war unglaublich», resümiert Khan. «Deshalb hoffe ich, dass die Aam-Aadmi-Partei bei den Parlamentswahlen gewinnen wird. Ihr Chef soll neuer Premierminister werden, nicht Rahul Gandhi.»
Tatsächlich gräbt die Aam-Aadmi-Partei Ghandis Kongress-Partei das Wasser ab, profitieren wird wohl die grosse hindu-nationalistische Oppositionspartei BJP, wie Umfragen zu den kommenden Parlamentswahlen zeigen.
Worte und Wirklichkeit
Gandhi selbst reagierte mit Selbstgeisselung auf die bisherigen Niederlagen seiner Partei. «Wir müssen mehr tun, als nur über gute Regierungsführung zu sprechen», sagte er kürzlich. «Wir müssen dem Mann der Strasse mehr Macht geben und mit den politischen Traditionen brechen.»
Meint er das ernst, dürfte sich Gandhi eigentlich nicht zum Kandidaten für das Premierminister-Amt ernennen lassen. Tut er es doch, setzt er die lange Tradition der Familien-Dynastie fort. Zu einem Wahl-Sieg wird das seiner Partei kaum verhelfen.
(krua; zila)