Nach dem schweren Zugunglück in Frankreich haben wilde Spekulationen über die Schuldfrage begonnen. Bahnverantwortliche konnten zwar bereits am Samstag erste Ermittlungsergebnisse präsentieren. Sie liessen aber viele Fragen offen. «Wir sollten uns hüten, einen böswilligen Akt auszuschliessen», sagte der Bahntechnik-Experte Michel Chevalet im französischen Fernsehen und sprach von «Schattenzonen». Er habe so etwas noch nie gesehen.
Metallstück blockierte Weiche
Mit dem «nie gesehen» spielte Chevalet auf die ersten offiziellen Erklärungen der Bahn an. Demnach entgleiste der mit 385 Menschen besetzte Intercity-Zug, weil an einer Weiche 200 Meter vor dem Bahnhof von Brétigny-sur-Orge ein Verbindungsteil aus Stahl fehlte.
Dieses lag ein Stück weiter mitten in der Weiche und verursachte so offensichtlich die Katastrophe mit sechs Toten und Dutzenden Verletzten. Pierre Izard, zuständig für das Schienennetz bei den Staatsbahnen SNCF, erklärte, das Metallstück habe die Weiche blockiert.
Es handle sich um eine längliche Metallplatte, die zwei aufeinanderfolgende Schienenstücke zusammenhalte. Das Metallstück wiege etwa 10 Kilogramm und sei mit vier grossen Schrauben seitlich am Gleis befestigt.
Inspektion eine Woche vor dem Unglück
«Es erscheint mir merkwürdig, dass sie sich alle zur gleichen Zeit gelöst haben», heizte auch der für die Unglücksstelle zuständige Regionalratsvorsitzende Jean-Paul Huchon die Gerüchteküche an. Als merkwürdig galt auch, dass kurz vor der Katastrophe ein anderer Zug die Weiche problemlos passiert hatte. Nach Angaben der SNCF war die Weiche erst vor einer Woche inspiziert und für in Ordnung befunden worden.
Vertreter von Bahngewerkschaften machten unterdessen deutlich, dass sie einen Materialdefekt für am wahrscheinlichsten hielten. In das französische Schienennetz werde seit Jahren zu wenig investiert. Auch die von Paris ins 400 Kilometer entfernte Limoges führende Unglücksstrecke gehöre in die Kategorie Problemfälle. Im Bereich des Bahnhofs Brétigny-sur-Orge stammt das älteste Stellwerk aus dem Jahr 1910, das neueste aus dem Jahr 1960. Auch viele Weichen sind veraltet.
Keine weiteren Opfer gefunden
Just vor wenigen Tagen hatte die Regierung beschlossen, die veralteten Anlagen zu sanieren und zu modernisieren. Die Untersuchung muss nun aber zeigen, ob der Unfall allenfalls noch andere Ursachen hat.
Der kleine Bahnhof von Brétigny-sur-Orge war auch am Samstag noch immer ein riesiges Trümmerfeld.
Bei den Bergungsarbeiten sind keine weiteren Leichen mehr gefunden worden. «Wir sind uns jetzt sicher, dass es keine weiteren Opfer gibt», sagte der zuständige Präfekt Michel Fuzeau am Samstagabend an der Unglücksstelle in Brétigny-sur-Orge.
In allen französischen Bahnhöfen und Zügen wurde am Samstagmittag in einer Schweigeminute der Opfer gedacht.
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Bild 1 von 8Legende: Um das Zugwrack am Bahnhof von Brétigny-sur-Orge von den Geleisen zu schaffen, wird es wohl einige Zeit dauern. Reuters
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Bild 2 von 8Legende: In der Nacht liefen die Arbeiten auf Hochtouren. Bis am Morgen konnten alle Überlebenden aus dem Zug geborgen werden. Keystone
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Bild 3 von 8Legende: Mindestens sechs Tote und viele Verletzte: Das ist die vorläufige Bilanz des Zugunglücks 30 Kilometer südlich des Pariser Zentrums. Twitter/France3
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Bild 4 von 8Legende: Die Behörden lösten «Alarmplan Rot» aus. Hunderte Rettungskräfte waren im Einsatz. Keystone
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Bild 5 von 8Legende: 385 Menschen befanden sich in dem Zug, als dieser verunfallte. Instagram/tgorguet
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Bild 6 von 8Legende: Einige Waggons wurden aus den Schienen gehoben und krachten auf die Perrons. Keystone
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Bild 7 von 8Legende: Die Aufnahmen aus Brétigny lassen erahnen, mit welcher Wucht die Waggons sich ineinander verkeilten. Keystone
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Bild 8 von 8Legende: Als Ursache des Unglücks gilt eine defekte Weiche. Ein Verbindungsstück war nicht mehr an seinem Platz. Nun gibt es Spekulationen über einen Anschlag, Schlamperei oder Materialermüdung. Instagram/tgorguet