- In Polen ist die rechtskonservative Oppositionspartei PiS nach einem Richtungsstreit zerbrochen. Die Partei war vor 2023 jahrelang an der Macht.
- Der ehemalige Ministerpräsident Mateusz Morawiecki muss die Partei nach einem Machtkampf gegen Parteichef Jaroslaw Kaczynski verlassen.
- Zusammen mit Morawiecki gehen nach dessen Angaben 40 Abgeordnete.
Ob Morawiecki eine eigene Partei gründen will, liess er offen. Die einst mächtige PiS-Partei regierte zweichen 2015 und 2023 in Polen, baute das Land nach ihren Vorstellungen um und stand in einem Dauerclinch mit der EU.
Richtungsstreit: Noch weiter nach rechts – oder mehr zur Mitte?
Kern des Konflikts war die Frage nach der künftigen Ausrichtung der Partei. Im März hatte Kaczynski den rechten Hardliner Przemyslaw Czarnek zum Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten bei der im Herbst 2027 anstehenden Parlamentswahl gekürt. Damit will er die PiS für Wähler rechtsradikaler Parteien attraktiv machen.
Der wirtschaftsliberale Ex-Banker Morawiecki, der von 2017 bis 2023 Regierungschef war, fühlte sich durch die Nominierung Czarneks düpiert. Mit anderen gemässigten PiS-Politikern gründete er eine Gruppe mit dem Namen «Entwicklung Plus». Die PiS müsse wieder «zu einem grossen Lager der polnischen Rechten und der Mitte-Rechts-Parteien» werden, forderte Morawiecki.
Doch Kaczynski stellte ein Ultimatum: Die Gruppe müsse sich auflösen, alle Mitglieder sollten eine Loyalitätserklärung unterzeichnen. Morawiecki liess das Ultimatum verstreichen. «Wir konnten nicht zulassen, dass man uns zwingt, Loyalitätserklärungen zu unterschreiben», sagte er jetzt. Damit war der Rauswurf besiegelt.
Generationenkonflikt: Das Ende des «Sonnensystems Kaczynski»
Der Widerstand Morawieckis gegen Kaczynski hat vielen Polen deutlich gemacht: Der 77-Jährige «Prezes», der die PiS 2001 mit seinem Zwillingsbruder Lech gegründet hatte, hat seine Partei nicht mehr im Griff. «Die PiS war ein Sonnensystem, in dem sich alle um Kaczynski drehten. Er verteilte Prestige, Listenplätze und materielle Vorteile», analysiert der Journalist Rafal Kalukin vom Magazin «Polityka».
Doch dieses Modell habe ausgedient. «Einzelne Gruppen sind auf sich selbst fokussiert und warten auf den Moment, wo Kaczynski in die politische Geschichte Polens eingeht.» In einer Zeit, in der Politiker morgens auf Trends in sozialen Medien reagieren, achte niemand mehr auf die Anweisungen des Parteichefs.
Rechtsradikale Parteien im Aufwind
Was der PiS ausserdem zu schaffen macht: Sie wird gerade von rechts überholt. Ihre Umfragewerte liegen bei 23 Prozent – das sind 12 Prozentpunkte weniger als bei der Parlamentswahl 2023. Fast genauso viel holen zusammen die rechtsradikale Konfederacja des jungen Unternehmers Slawomir Mentzen (12.4 Prozent) und die Formation des Antisemiten Grzegorz Braun (9.6 Prozent). Beide sind vor allem bei jungen männlichen Wählern auf dem Land populär.
Zwar gelang der PiS ein grosser Erfolg, als bei der Präsidentenwahl 2025 der von ihr unterstützte parteilose Karol Nawrocki gewann. Doch der 47-jährige Ex-Boxer ist mittlerweile bei jungen Rechten so populär, dass viele von ihnen eher Nawrocki als Führungsfigur sehen als den alternden Kaczynski oder seine Günstlinge.