Seit Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran sind in den Vereinigten Arabischen Emiraten mehr iranische Drohnen und Raketen eingeschlagen als irgendwo sonst. Das ist kein Zufall. Die Emirate sind in vielerlei Hinsicht ein ideales Ziel für Irans Vergeltungsschläge.
Die kürzeste Distanz zwischen den beiden Ländern beträgt nur gut 60 Kilometer. Die Emirate beherbergen eine grosse Militärbasis der USA und unterhalten gute Beziehungen zu Israel. Vor allem aber folgen die Angriffe Irans Kalkül, den Krieg für die USA teuer zu machen: Wer die Weltwirtschaft trifft, treibt die Kosten in die Höhe und setzt die amerikanische Regierung unter Druck.
Gerade dafür bieten sich die Emirate an. Aus einer kargen Küstenregion haben sie innert weniger Jahrzehnte ein Wirtschaftswunder geformt – und eine Traumwelt mit globaler Strahlkraft geschaffen. Eine Traumwelt, die der Iran-Krieg nun auf ihre grösste Probe stellt.
Der autoritäre Deal
Dubai und Abu Dhabi, die beiden grössten Städte der Emirate, ziehen seit Jahrzehnten Reiche und Prominente, Expats und Touristen aus aller Welt an. Von den rund zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sind fast 90 Prozent zugezogen, nur gut 1.3 Millionen sind Emirati. Die Emirate verheissen Luxus und Glamour, vor allem aber Sicherheit und Stabilität mitten im Nahen Osten.
Mit Milliarden aus der Öl- und Gasförderung haben die Herrscherfamilien hochmoderne Städte bauen lassen und in neue Wirtschaftszweige investiert: Logistik, Banken, Tourismus, Künstliche Intelligenz. Heute sind die Emirate ein Knotenpunkt der Weltwirtschaft – mit einem der grössten Flughäfen, mit Freihandelszonen und gigantischen Investmentfonds.
Private zahlen keine Einkommenssteuer. Geld hat der Staat trotzdem genug – auch für einen hocheffizienten Sicherheits- und Überwachungsapparat. Alltagskriminalität ist in Dubai kaum sichtbar. Die Rechtsordnung ist von der Scharia geprägt. Wer gegen Gesetze verstösst, kann hart bestraft werden. Ebenso, wer öffentlich die Emire kritisiert. Zumal die sechs Herrscherfamilien die politische Macht unter sich aufteilen. Der Deal lautet: Wohlstand und Sicherheit statt Freiheit und Demokratie.
Risse im Modell
Der Iran-Krieg ist für dieses Erfolgsmodell ein Stresstest auf allen Ebenen. Schon lange gibt es im Innern Differenzen über den richtigen Umgang mit dem Iran. Abu Dhabi, das grösste und mächtigste Emirat, setzt auf Härte. Die nördlichen Emirate bevorzugen Handel und Diplomatie.
Auch die Spannungen mit Saudi-Arabien treten offener zutage. Im Krieg fühlen sich die Emirate von Saudi-Arabien im Stich gelassen und setzen noch stärker auf Eigenständigkeit. In diese Logik passt auch der angekündigte Austritt aus der Opec, dem Kartell erdölexportierender Staaten.
Zugleich wankt das alte Vertrauen in die USA. Die Partnerschaft mit den USA war stets die wichtigste Sicherheitsgarantie. Nun aber macht die amerikanische Militärpräsenz die Emirate auch zur Zielscheibe. Abu Dhabi reagiert mit einer Doppelstrategie: noch engere Zusammenarbeit mit den USA – und gleichzeitig neue Partner und Waffenlieferanten.
Die bangste Frage aber ist die nach der Zukunft der Emirate als Magnet für Reiche, Prominente und gute Geschäfte. An die Stelle des alten Sicherheitsversprechens ist die Warnung vor Drohnen- und Raketeneinschlägen getreten. Sollte sich der Krieg über Jahre hinziehen oder wieder mit voller Wucht aufflammen, könnte sich der emiratische Traum seinem Ende zuneigen.