Das Bild eines israelischen Soldaten, der ein heruntergerissenes, lebensgrosses Kruzifix traktiert, schockiert nicht nur Christinnen und Christen.
Der prominente jüdisch-orthodoxe Rabbiner und ehemalige israelische Minister Michael Melchior findet für sein Entsetzen darüber kaum Worte.
«Das Bild ist verheerend. Nicht nur weil jemand etwas Heiliges verletzt, sondern wie er es tut: mit dieser Axt. Das gibt Israel nicht nur ein schlechtes Image, die ganze Handlung ist einfach nur schlecht, böse.»
Folge des langen Krieges
Der Rabbiner sieht in dem Bild des Soldaten, der eine Jesus-Figur im südlibanesischen Dorf Debel beschädigt, viel mehr als nur die rohe Gewalt eines Einzelnen. Diese Tat sei eine Folge dieses langen Krieges.
«Ein so langer Krieg hat gezwungenermassen Konsequenzen: das israelische Trauma nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, die vielen Israeli, welche in den Krieg ziehen müssen und kein normales Leben mehr führen können, die ständige Angst: all das verändert auch die Beziehung zu den anderen, also zu Unschuldigen in Gaza, im Westjordanland.»
Wir sehen hier ein Bildungsproblem in Israel: viele Israeli glauben, sie stünden über anderen, und könnten andere respektlos behandeln.
Die Menschen würden abstumpfen, ihre Werte verlieren, und würden gar nicht mehr darüber nach denken, wer wir seien, und worfür der jüdische Staat eigentlich stehen solle, so Melchior.
Der Rabbiner, der sich in Jerusalem für Frieden unter den Religionsgemeinschaften und Bevölkerungsgruppen einsetzt, fordert ein Ende der Gewalt. Und von der israelischen Armee die Vermittlung von klaren Regeln und die Bestrafung von Regelverstössen.
Das fordert auch der israelisch-palästinensiche Christ Wadie Abunassar. Der Politologe und Medienberater der katholischen Bischöfe war einer der ersten, der auf das Bild aus dem Südlibanon aufmerksam machte.
Allerdings sei dies nicht der erste Fall von von respektlosem Verhalten israelischer Soldaten gegenüber der christlichen Gemeinschaft im Libanon, sagt Abunassar.
«Wir sehen hier ein Bildungsproblem in Israel: viele Israeli glauben, sie stünden über anderen, und könnten andere respektlos behandeln. Sie werden nicht von solchem Verhalten abgeschreckt und nur sehr selten dafür bestraft.»
Verhaltene internationale Reaktionen
Dafür mache er nicht nur den israelischen Staat verantwortlich, so Abunassar, sondern die internationale Gemeinschaft, auch Kirchenoberhäupter, welche kaum protestieren oder Konsequenzen für solches Verhalten einfordern würden.
In der Tat, die internationalen Reaktionen waren verhalten – was auf den sozialen Medien kritisiert wurde. Erst am Montagnachmittag schrieb Premier Netanjahu so etwas wie eine Entschuldigung und betonte, als jüdischer Staat achte und wahre Israel die jüdischen Werte der Toleranz und des gegenseitigen Respekts zwischen Juden und Gläubigen anderer Konfessionen.
Angriffe auf Christen nehmen zu
Seinen Post verfasste der Premier auf Englisch, nicht auf Hebräisch: was der Politologe Wadie Abunassar kritisierte. Er fordert eine bessere Information des israelischen Publikums über solche Taten, die keine Einzelfälle sind. Angriffe auf Christen haben in Israel in den letzten Jahren stark zugenommen.
Abunassar ist skeptisch, ob der Soldat, der im Südlibanon die Jesus-Figur beschädigte, wirklich bestraft wird. Auch wenn das Premier Netanjahu in diesem Fall klar fordert.