Rund 200'000 Christinnen und Christen leben in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten, sie machen ein bis zwei Prozent der Bevölkerung aus. Ihre Lebensumstände könnten unterschiedlicher nicht sein, sagt der Politologe Wadie Abunassar aus der israelischen Hafenstadt Haifa.
«Als palästinensische Christen leben wir in mindestens vier unterschiedlichen Realitäten: Ein Teil lebt in Israel und hat die Staatsbürgerschaft. Ein Teil lebt in Jerusalem und hat keinen israelischen Pass. Der dritte Teil lebt im Westjordanland unter der Palästinensischen Autonomiebehörde. Und der vierte Teil, oder was davon übriggeblieben ist, lebt im Gazastreifen unter der Hamas.»
In Israel selbst seien zwar 80 Prozent der Christen palästinensischer oder arabischer Herkunft. Aber damit identifizierten sich nicht alle, sagt Wadie Abunassar. «Die einen sagen: Wir sind keine Palästinenser mehr. Wir sind Israeli. Eine zweite Gruppe sagt: Wir werden diskriminiert, weil wir Palästinenser sind.» Weil sie sich als Bürger zweiter Klasse fühlten, unterstütze diese Gruppe vor allem patriotische arabisch-israelische Parteien.
«Die dritte Gruppe will, besonders seit dem 7. Oktober 2023, weder mit Palästina noch Israel etwas zu tun haben. Sie sagen: ‹Lass mich in Frieden, ich bin einfach nur Christ.›»
Nur mit Hoffnung können wir als Christen hier überleben.
Und zur vierten Gruppe gehört der Politologe Wadie Abunassar selbst: «Hundert Prozent Palästinenser, hundert Prozent Israeli und hundert Prozent Christ.» Für ihn kein Widerspruch. Etwas hätten alle diese Christinnen und Christen gemeinsam: Angst, dass sie keine Zukunft haben im Heiligen Land.
«Jesus gab den Menschen Hoffnung. Das brauchen die Menschen jetzt. Denn sie leben in hoffnungsloser Angst. Nur mit Hoffnung können wir als Christen hier überleben.»
Shireen Abu Akleh, die Journalistin aus Jerusalem (1971 – 2022)
«Viele waren erstaunt zu erfahren, dass sie eine Christin war. Denn sie war als die Stimme Palästinas bekannt», sagt Tony, Shireen Abu Aklehs Bruder.
«Sie berichtete immer über das Leiden der Palästinenser unter israelischer Besatzung. Wenn sie aus der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem sendete, trug sie ein Kopftuch. Viele dachten wohl deshalb, sie sei Muslimin.»
Seine Schwester hatte aber auch einen amerikanischen Pass. Das rief sogar den damaligen US-Präsidenten Joe Biden auf den Plan. Eine Untersuchung begann und fand Hinweise, dass die israelische Armee die christliche US-Bürgerin erschossen hatte. Seither stockt die Untersuchung.
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Bild 1 von 3. Betende Besucherinnen in der Grabeskirche in Jerusalem: Diese zählt zu den grössten Heiligtümern des Christentums. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Die Grabeskirche befindet sich in der Altstadt Jerusalems. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Das christliche Viertel liegt im Nordwesten der Jerusalemer Alstadt. Bildquelle: SRF.
«Wir wissen nicht, warum die Untersuchung gestoppt wurde. Sie sagen uns nichts. Die USA müssten doch dafür sorgen, dass diejenigen, die sie erschossen haben, zur Verantwortung gezogen werden.»
Bashar Fawadleh, Priester in Taybeh, Westjordanland
Taybeh ist das letzte vollständig christliche Dorf im Heiligen Land. Hier soll Jesus mit seinen Jüngern Zuflucht gesucht haben, kurz bevor er in Jerusalem gekreuzigt wurde. Jetzt suchen immer mehr Einwohner Taybehs anderswo Zuflucht.
Die Angriffe gewalttätiger Siedler auf das Dorf nehmen stetig zu. Im vergangenen Sommer legten diese wiederholt Feuer in der Nähe der historischen Sankt Georgskirche. Taybeh ist umgeben von mehreren israelischen Siedlungen: Laut Völkerrecht sind diese illegal, was Israel jedoch bestreitet. Die Siedler gehen laut Pater Bashar systematisch vor.
«Zuerst legen sie Feuer, dann bringen sie ihr Vieh aufs Land und besetzen es. Danach zünden sie im Dorf Autos an und sprayen rassistische Parolen an Hausmauern», sagt der Priester. «Später zerschlagen sie Autoscheiben mit Eisenstangen, und schliesslich töten sie Menschen.»
Die Christen hier seien buchstäblich vom Aussterben bedroht. «Schau, wie schön unser Friedhof ist. Wir kümmern uns um unsere Toten, und renovieren ständig. Leider liegen hier mehr Menschen begraben als heute in unserem Dorf leben, weil so viele wegziehen. Stell dir das vor. Das ist sehr hart.»
Ibrahim Gildan, «Smile DJ» aus Gaza-Stadt
Vor Beginn des Gaza-Krieges vor zwei Jahren lebten noch etwas über tausend Christinnen und Christen im Gazastreifen, heute noch etwa die Hälfte.
Mit 24 kam Ibrahim Gildan vom Gazastreifen ins Westjordanland, kurz bevor die Hamas 2006 die palästinensischen Wahlen gewann und die Kontrolle im Gazastreifen übernahm. Sein Bruder wurde am ersten Tag des Gazakrieges am 7. Oktober 2023 getötet, seine Schwester und sein Cousin überlebten.
«Mein Cousin und seine Kinder haben in der griechisch-orthodoxen Sankt Porphyrius-Kirche Unterschlupf gefunden – bis heute. Gottseidank leben sie noch, auch meine Schwester.» Bitter fügt er hinzu:
«Es heisst immer, wir Christen würden besser behandelt als die Muslime. Aber die Israeli machen da keinen Unterschied. Weil für sie alle Palästinenser das Problem sind.»
Makhoul Makhoul, der Tourguide aus Kafr Bir’im
In einer kleinen Kirche im Norden Israels beten rund zwei Dutzend Christinnen und Christen. Die Kirche im Dorf Kafr Bir'im befindet sich neben den Ruinen des palästinensischen Dorfes ihrer Eltern und Grosseltern, die bei der Staatsgründung Israels 1948 vertrieben wurden. Heute ist das Gelände ein Nationalpark und sie sind israelische Bürgerinnen und Bürger.
Auch Makhoul Makhouls Eltern und Grosseltern stammen aus Kafr Bir’im. Nach ihrer Vertreibung bekam die einstige palästinensische Bevölkerung vor israelischen Gerichten wiederholt Recht und die Erlaubnis, in ihr Dorf zurückzukehren. Keine israelische Regierung hat die Gerichtsentscheide umgesetzt: zu gross war die Angst, dass Kafr Bir’im allen 1948 vertriebenen Palästinenserinnen und Palästinensern ein Rückkehrrecht in ihre Dörfer geben könnte.
Die Gläubigen, die heute alle israelische Bürger sind und in anderen Städten und Dörfern wohnen, sind dankbar, dass ihre alte Kirche noch steht, und dass sie sich dort wöchentlich zum Gottesdienst treffen können. Der Traum von der Rückkehr sei jedoch geblieben, sagt Makhoul Makhoul, der jahrelang als Tourguide arbeitete und Besucherinnen und Besucher durchs Heilige Land führte. Seine Botschaft an diese war stets: «Wir sind alle von diesem Land, Juden, Christen und Muslime.»
Nabil Totry, der Organisator aus Nazareth
Am meisten Christinnen und Christen in Israel leben in Nazareth, wo Jesus aufwuchs. Heute sind 80 Prozent der Einwohner Muslime, 20 Prozent sind Christen, und der Bürgermeister ist jüdisch. Hier lebt Nabil Totry, der christliche Geschäftsmann, der den Weihnachtsumzug nach Nazareth gebracht hat. Er scheut sich nicht, über seine Identität zu reden.
«Bin ich Israeli oder Palästinenser? Mein Vater war Palästinenser, ich bin Israeli. Ich habe Verwandte im Westjordanland. Aber fühle ich mich als Teil der Gesellschaft, die im Westjordanland oder im Gazastreifen lebt? Ganz ehrlich: Nein.»
«Immer mehr Christen verlassen die Stadt: Sie ziehen in andere israelische Städte oder wandern ganz aus», sagt Nabil Totry weiter.
Um das vernachlässigte Nazareth als heilige Stadt aufzuwerten, gründete Nabil Totry in den 1980er-Jahren den Verein «Il Mawkeb»: Dieser veranstaltet jährlich eine grosse Weihnachtsparade mit Weihnachtsmarkt. Vom Staat gibt es dafür kein Geld, die Festlichkeiten finden nur dank Spenden statt. Nach einer längeren Pause wegen Corona und dem Gazakrieg fand die Weihnachtsparade letzte Weihnachten wieder statt.
«Alle kamen nach Nazareth: Muslime, Christen, selbst die Jüdinnen und Juden, die sich sonst fürchten, nach Nazareth zu kommen. Aber jetzt haben sie Angst nach Europa zu reisen, aus Angst vor negativen Reaktionen wegen des Gazakriegs. Also besuchten sie lieber den Weihnachtsmarkt in Nazareth, statt irgendwo in Europa.»
Solche gemeinsamen Erlebnisse sind rar geworden im Heiligen Land, in dem Extremisten und Fundamentalisten für ein Klima der Angst und des gegenseitigen Misstrauens sorgen.