«Das Erste, was ich sah, als ich ausgestiegen bin, waren zwei hohe Kamine, aus denen schwarzer Rauch quoll. Es stank schrecklich nach verbranntem Fleisch. Wir waren in Auschwitz». Egon Holländer war ein kleiner Junge, als die Nazis seine Familie im Herbst 1944 ins grösste Konzentrations- und Vernichtungslager deportierten.
Zuvor hatten seine Eltern versucht, sich dem Transport zu entziehen. Sie wussten, was auf sie zukam, wollten sich und ihrem einzigen Kind viel Leid ersparen. «Darum haben wir am Tag, an dem man uns holen kam, Gift eingenommen. Wahrscheinlich hat man uns den Magen ausgepumpt, und wir waren ‹gerettet›».
Die sterbende Mutter um Essen angefleht
Der Deportation entkamen sie nicht. Egon Holländer erinnert sich, wie sie fünf Tage lang in einem stickigen Viehwaggon nach Osten rollten. Zusammengepfercht mit 80 bis 100 Schicksalsgenossen, die sich einen Kübel für die Notdurft teilen mussten. Viele kamen tot in Auschwitz an.
Im Herbst sei das KZ komplett überfüllt gewesen. Die Nazis waren daran, mehr als 400'000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn zu «verarbeiten», drückt es der 88-Jährige sarkastisch aus. Die SS habe deshalb ihren Zug von Auschwitz nach Ravensbrück umgeleitet.
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Bild 1 von 6. Dieses Foto wurde im Januar 1945, kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, aufgenommen und zeigt einen Blick auf das sogenannte «Tor des Todes». Bildquelle: KEYSTONE/AP/CAF PAP/Str.
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Bild 2 von 6. Die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen durch alliierte Truppen im April 1945. Bildquelle: imago images.
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Bild 3 von 6. Egon Holländer wuchs als Einzelkind in der Slowakei auf. Eine frühe Aufnahme zeigt ihn mit seiner Mutter Elsa in Zipser Neudorf. Bildquelle: zvg.
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Bild 4 von 6. Dieses Bild des jungen Egon Holländers aus dem Jahr 1946 wurde wahrscheinlich in Schweden aufgenommen. Bildquelle: zvg.
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Bild 5 von 6. Drei Jahre später (1949) in Neusohl, wiederum in der Slowakei. Bildquelle: zvg.
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Bild 6 von 6. In den 1950er-Jahren studierte Egon Holländer in Bratislava. Bildquelle: zvg.
Als die Rote Armee von Osten näher rückte, mussten Egon und seine Mutter auf einen Todesmarsch nach Bergen-Belsen, wo Elsa Holländer mit 34 Jahren an Typhus starb. Er war «ein Gerippe mit Haut», von Hunger gepeinigt. Die letzte Begegnung mit der Mutter hat sich ihm tief eingebrannt. «Sie lag auf dem Totenbett. Und ich habe sie angeschrien, sie solle mir Essen geben.»
Im Frühling 1945 befreiten britische Truppen das KZ Bergen-Belsen. Mit Bulldozern schoben sie Leichenberge in Massengräber. Ein Kinderarzt päppelte Egon auf, anschliessend konnte er in der Obhut des Schwedischen Roten Kreuzes genesen.
Gegen Extreme, für die Demokratie
Nach dem Krieg kehrte er in die Tschechoslowakei zurück und wuchs bei einer Tante und deren Mann auf. In Bratislava studierte Egon Holländer Chemie und machte Karriere als Ingenieur. Als die Sowjets 1968 den «Prager Frühling» blutig niederschlugen, floh er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in die Schweiz, wo er sich später einbürgern liess.
Die Pole, ob links oder rechts, sind menschenfeindlich. Junge Menschen sollten sich das gut überlegen, wenn sie in eine Bewegung hineingeraten.
Zwei Diktaturen hat er also überlebt. Solange die Kräfte reichen, will er Jugendliche warnen vor Extremismus und sie ermutigen, für humane, demokratische Werte einzustehen. Der Holocaust dürfe sich niemals wiederholen. «Der Antisemitismus ist nur eine Manifestation der Unmenschlichkeit. Die Pole, ob links oder rechts, sind menschenfeindlich. Junge Menschen sollten sich das gut überlegen, wenn sie in eine Bewegung hineingeraten. Es gibt kein besseres System als die Demokratie.»
Persönliche Begegnungen wirken mehr als Bücher
Holländer hält regelmässig Vorträge. In einer Maturaklasse in Schaffhausen hören ihm Jugendliche mucksmäuschenstill zu. Der 19-jährige Mykyta, ein ukrainischer Flüchtling, findet: «Es ist unglaublich wichtig, an das alles zu erinnern und zu wissen, dass wir eine Verantwortung dafür tragen, was in der Zukunft passieren kann».
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Bild 1 von 2. In der Schweiz baute Egon Holländer ein neues Leben auf – hier abgebildet mit seinen beiden Töchtern. (Aufnahme: zirka 1970). Bildquelle: zvg.
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Bild 2 von 2. Egon Holländer und seine Ehefrau (2019). Bildquelle: zvg/Frédéric Diserens.
Lia hat sich vorgenommen, «alles kritisch zu hinterfragen, egal, wie schön etwas tönt» und sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu sein.
Annika plädiert für politisches Engagement. «Wir sollten uns aber nicht von Parolen verleiten lassen, sondern uns selbstkritisch reflektieren, uns der eigenen Werte bewusst sein und dafür einstehen.»