Im Dorf Qilipu stehen ein halbes Dutzend Anwohner um einen Gaszähler. Sie sind wütend. Die Temperaturen sind tief, bis zu minus 10 Grad, und die Gasrechnungen sind hoch – so hoch, dass Bauer Tang Yingxian nur eine Erklärung dafür hat: Das Gerät muss kaputt sein.
Zur Umstellung gezwungen
«Niemand kümmert sich darum», ruft er wütend. Er fummelt am Kasten herum. Anrufe bei der offiziellen Nummer führen ins Leere, sagen seine Nachbarn. Man solle doch einfach die Gasfirma verklagen, ruft eine ältere Frau.
Sie alle stehen vor demselben Problem: Im Rahmen einer mehrjährigen Kampagne, «Kohle zu Erdgas» genannt, hat der Staat im Norden Chinas Dörfer gezwungen, ihre Kohleöfen aufzugeben. Laut offiziellen Daten haben das bis Ende 2024 mehr als 40 Millionen Haushalte gemacht. Das ist eine Einsparung von 80 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr.
Die Hauptstadt Peking liegt rund 200 Kilometer vom Dorf Qilipu entfernt. Dort sind die positiven Folgen deutlich zu spüren. Im Winter ist ein blauer Himmel heute Alltag. Noch vor zehn Jahren lag über Chinas Hauptstadt im Winter oft dichter Smog mit toxischen Luftwerten. Heute kann man in der Hauptstadt wieder atmen.
Dafür frieren jetzt die Bauern in den Dörfern. Denn in den letzten fünf Jahren sind die Gaspreise um bis zu 50 Prozent gestiegen. Und anfangs gab es noch Subventionen für die neuen Gasöfen. Die sind mittlerweile ausgelaufen.
Fast dreimal so teuer
Zurück in Qilipu gibt Tang Yingxian seinen Kampf mit dem Gaszähler auf. Er führt uns an einem gelben Rohr entlang zu seinem Haus. Er zeigt die Räume, alle kalt, und zeigt den Ofen, den er seit 2022 praktisch nicht mehr eingeschaltet hat.
Nur fürs chinesische Neujahr Mitte Februar macht Tang eine Ausnahme, weil ihn seine Kinder aus der Stadt besuchen. Er rechnet vor: Früher hätte er einfach für 230 Franken zwei Tonnen Kohle gekauft. Heute kostet ihn ein Winter mit Gasheizung knapp 600 Franken, das ist mehr, als er übers ganze Jahr mit seinen Maisfeldern verdient.
Keine Lösung in Sicht
Tang Yingxian schläft jetzt mit einer elektrischen Heizdecke. Nicht nur er, sondern Millionen Menschen frieren für die saubere Luft. Der Unmut ist zu gross, um ihn noch zensieren zu können. Auch Reporter der Volkstageszeitung, des Parteiorgans der Kommunistischen Partei Chinas, sind kürzlich ausgezogen und haben die Situation ausführlich beschrieben.
Doch eine Lösung gibt es bisher nicht. An einigen Orten zahlen die lokalen Behörden nun wieder Subventionen. Zur Diskussion steht auch eine bessere Isolation der Häuser – doch auch das kostet. Eine weitere Idee sind Solarpanels auf den Dächern.
Wir leben Tag für Tag und nehmen es, wie es kommt.
In Qilipu leben 500 Familien. Meistens lebt die jüngere Generation nicht mehr im Dorf, sondern in der Stadt. Wie bei Tang Yingxian, der 60 Jahre alt ist. Sein Sohn schickt ihm regelmässig Geld. «Wir leben Tag für Tag und nehmen es, wie es kommt», klagt er.
Er verstehe die Idee der Kampagne. Er bevorzuge Erdgas ebenfalls, weil es sauber sei, und mache das gerne für sein Land. Er könne es einfach nicht bezahlen.