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Neue Spannungen zwischen China und Indien
Aus Tagesschau vom 17.06.2020.
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Kaschmir-Grenzkonflikt «An einem Flächenbrand ist weder China noch Indien interessiert»

In der Grenzregion Ladakh am Himalaya ist es zwischen indischen und chinesischen Soldaten zu einer Auseinandersetzung mit Schlagwaffen gekommen. Indien spricht von mindestens 20 getöteten eigenen Soldaten, China macht keine offiziellen Angaben zu Opfern. Beide Nachbarn weisen die Schuld für den tödlichen Zwischenfall dem jeweils anderen zu. Für Asienexperte Christian Wagner stehen aber beide Konfliktparteien in der Verantwortung.

Christian Wagner

Christian Wagner

Asien-Experte

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Christian Wagner forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin zu aussen- und sicherheitspolitischen Fragen in Südasien. Sein Forschungsschwerpunkt ist Indien.

SRF News: Wie kann die aktuelle Auseinandersetzung eingeschätzt werden?

Christian Wagner: Der Konflikt zwischen Indien und China im Kaschmir-Gebiet geht bis auf die Kolonialzeit zurück. Seit jeher gibt es unterschiedliche Interpretationen über die Grenzverläufe in der Region, was immer wieder zu kleineren Konfrontationen geführt hat. Mit dem direkten Zusammenstoss der Konfliktparteien ist aber eine neue Dimension erreicht.

Was ist der Auslöser für die Zusammenstösse im Kaschmir-Gebiet?

Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen hat Indien im letzten Jahr den Status des Bundesstaates Kaschmir geändert. Jetzt ist die Region Unionsterritorium Indiens ohne Souveränität. In der Folge hat Indien die Grenzbefestigungen zu China ausgeweitet. China beobachtet diese Entwicklung sehr kritisch und will das nicht einfach so hinnehmen. Zum anderen nutzt China nun auch die Coronakrise, um die Gebietsansprüche in der Region auszuweiten.

Mit welcher Begründung erhebt China überhaupt Anspruch auf das Gebiet?

Das hat historische Gründe. China hat bereits im Jahr 1962 Teile des Grenzgebiets besetzt. Seither herrscht Unklarheit über den Verlauf der Grenzen. Nun fühlte sich China offenbar bedroht von der Agenda der indischen Regierungspartei. Diese hat mit der generellen Abschaffung der Sonderprivilegien für die Bundesstaaten indirekt ihren Einfluss in der Kaschmir-Region ausgeweitet. Das hat sicherlich zu dieser Konfrontation beigetragen.

Was ist daran so gefährlich?

Es ist die grösste Krise zwischen den beiden Ländern in den letzten Jahrzehnten. Zum ersten Mal seit langem sind wieder Tote zu beklagen. In der Vergangenheit kam es zwar immer wieder zu Grenzübertretungen von beiden Seiten. Nun passierte dies aber gleich in mehreren Zonen. Das heisst, wir haben eine unübersichtlichere Konfliktlage als bisher. Ich denke aber trotzdem nicht, dass es nun zu einem Flächenbrand kommt. Daran können weder China noch Indien interessiert sein.

Der Grenzkonflikt zwischen China und Indien: Eine Chronologie

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Ein Checkpoint mit Sandsäcken und einem bewaffneten Grenzsoldaten
Legende:keystone

September 1962: Der Grenzkrieg beginnt, nachdem China Aksai Chin (Nordost-Kaschmir) besetzt und im Osten im heutigen indischen Unionsstaat Arunachal Pradesh weit vorrückt. China gewinnt den kurzen Krieg, die Beziehungen beider Länder verschlechtern sich und sind seither von Misstrauen geprägt.

1993: China und Indien unterzeichnen ein Grenzabkommen, das einen Waffenstillstand beider Nationen besiegeln soll.

11.4.2005: Eine Vereinbarung über eine «Road Map» zur Beendigung des Grenzkonflikts tritt in Kraft. Beide Seiten sprechen von einer strategischen Partnerschaft.

06.07.2006: Mit der Wiederaufnahme des Grenzhandels am Nathu-La-Pass nach 44 Jahren besiegelt China zugleich die Anerkennung der Eingliederung von Sikkim als indischer Bundesstaat, der an Bhutan, Tibet und Nepal grenzt.

Sommer 2017: Ein Strassenbau-Projekt Chinas auf Territorium, das auch von Bhutan beansprucht wird, ruft Bhutans Verbündeten Indien auf den Plan. Zwei Monate lang stehen sich indische und chinesische Truppen bei der Hochebene Doklam mit entsicherten Waffen gegenüber, bevor sich beide Seiten in einer Reihe informeller Gipfel auf einen Abzug der Truppen einigen.

31. Oktober 2019: Indien wandelt das Hochplateau Ladakh, das Indien lange Zeit als Teil Kaschmirs beanspruchte, in ein Unionsterritorium um, das nun von Neu-Delhi verwaltet wird.

Mai 2020: Es kommt zu ersten militärischen Zwischenfällen in der Grenzregion Sikkim, weil China eine indische Armeepatrouille an der Nordseite des Pangong-Sees als Provokation auffasst. Bei den Prügeleien und Steinwürfen werden rund 250 Soldaten Chinas und Indiens verletzt.

15. Juni 2020: Tausende Soldaten stehen sich in der Region Ladakh im Himalaja gegenüber. Der Grenzkonflikt eskaliert erneut und endet in einem Gefecht zwischen indischen und chinesischen Soldaten. Das indische Militär erklärt, ranghohe Militärvertreter der beiden Streitkräfte träfen sich, um die Situation zu entschärfen.

16. Juni 2020: Zum ersten Mal seit 1967 kommen im Grenzkonflikt zwischen den zwei bevölkerungsreichsten Ländern der Welt wieder Menschen zu Tode: mindestens 20 indische Soldaten sterben. Auch 43 chinesische Soldaten seien schwer verletzt oder getötet worden, schreibt die indische Nachrichtenagentur ANI. Die Angaben werden von China jedoch nicht bestätigt.

(NZZ, Munzinger, BBC, Wikipedia)

Welche Interessen verfolgen denn die beiden Länder?

China hat einen Hegemonie-Anspruch für Asien, auch wegen der neuen Seidenstrasse. Indien auf der anderen Seite sieht sich seit jeher als gleichwertige Macht und will die eigenen Interessen nicht hinten anstellen. Das Risiko eines offenen Konflikts mit Indien will China dennoch nicht eingehen.

Weshalb nicht?

Man will kaum riskieren, dass Indien sich weiter den USA annähert. Deshalb gehe ich davon aus, dass man wie jeweils in der Vergangenheit eine Lösung finden wird.

Das Gespräch führte Marco Schnurrenberger.

Tagesschau, 17.6.2020, 19:30 Uhr;

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Reto Blatter  (against mainstream)
    China ist die grösste Bedrohung für alle die für Freiheit und Demokratie stehen. Das Regime in Peking schreckt vor nichts zurück, um seine Macht- und Expansionsgelüste durchzusetzen. Kriegerische Auseinandersetzungen werden in der Region massiv zunehmen. Sollte Biden neuer US Präsident werden, wird es für das kommunistische Regime kein Halten mehr geben, leider.
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    1. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Den letzen Satz hätten Sie sich sparen können. Auch unsere Experten verweisen immer wieder auf die Angeblichen Interessen von China. China wird Niemals das oder dies tun. Es lassen sich viele Parallelen ziehen zu den 30er Jahren. Wie manche rote Linie muss dieses Regime noch überschreiten, bis die Welt handelt?
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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    China will kein Präzedenzfall, denn das könnten Taiwan, HongKong und Tibet für sich nutzen. Darum kämpft das Regime erbittert mit allen Nachbarstaaten über Gebietsansprüche an künstliche Inseln, Felsen im Ozean oder Grenzverläufe über Vereiste Berggipfel. Gerechtfertigte Ansprüche hat China fast nie, doch China nutzt die Coronakrise um Fakten zu schaffen. Vor ein paar Tagen drangen Chinesische Militärschiffe in Japanisches Hoheitsgebiet ein und attackierten Fischerboote.
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  • Kommentar von Kurt Baumgartner  (kubaum)
    Ziemlich schwach, was dieser angebliche Experte sagt. „Historische Gründe“ ? Ist das alles ?
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    1. Antwort von Marc Kilchenmann  (marckilchenmann)
      Nein, das ist nicht alles, die historischen Gründe werden dargestellt, so weit dies der Platz zulässt. Ich verstehe die Kritik nicht.
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