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Afghanistan-Geberländer misstrauen der Taliban
Aus Echo der Zeit vom 24.11.2020.
abspielen. Laufzeit 03:09 Minuten.
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Kein Frieden in Sicht Afghanistan: der unendliche Konflikt

Der Hintergrund, vor dem heute in Genf die Uno-Geberkonferenz für Afghanistan stattfand, könnte kaum düsterer sein: Die Friedensgespräche mit den radikalislamischen Taliban stocken. Die Gewalt im Land nimmt seit September wieder zu. Und der von US-Präsident Donald Trump angekündigte forcierte Truppenabzug ermuntert die Taliban erst recht zum Kämpfen und dazu, die Macht im Land zu erobern. Was wiederum in vielen Ländern die Spendenbereitschaft dämpft.

Wenig Hoffnung, kaum Spenden

Die Zuversicht hatte auf der Afghanistan-Konferenz an einem kleinen Ort Platz. Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis versuchte, mit einem afghanischen Sprichwort etwas Hoffnung zu schüren: «Ein Freund ist, wer einem in Zeiten des Leids und der Ohnmacht die Hand reicht.»

Die Freunde Afghanistans waren - zwar mehrheitlich virtuell - gut vertreten: 66 Länder, 32 internationale Organisationen. Doch die bei der letzten Afghanistan-Geberkonferenz vor vier Jahren zugesagte Gesamtsumme von gut 15 Milliarden Dollar wurde diesmal deutlich unterboten. Zwölf Millionen wurden zugesagt für die kommenden vier Jahre. Gewiss: Solche Zahlen sind ohnehin keine harte Währung. Versprochen wird stets mehr als am Ende bezahlt. Diesmal war jedoch die Spendenmüdigkeit offenkundig.

Ein Land als unlösbares Dauerproblem

Sie hat mit der Corona-Krise zu tun, aber ebenso mit Afghanistan. Das Vertrauen in die gewählte Regierung von Aschraf Ghani ist im Land selber und im Ausland gering. Die afghanische Armee droht auseinanderzufallen, zumal sie dieses Jahr schon tausende von Opfern zu beklagen hat, was nicht eben motivationsfördernd ist. Die Friedensverhandlungen im qatarischen Doha mit den Taliban stocken. Noch immer redet man über Formalitäten; die Substanz wurde noch nicht mal angetippt.

Dazu kommt: Je stärker sich die Streitkräfte der Nato-Staaten aus dem Hindukusch abziehen, desto weniger befindet sich Afghanistan in all diesen Ländern überhaupt noch auf dem Radar. Nach vierzig Jahren Bürgerkrieg, davon bald zwanzig mit Nato-Beteiligung, gilt das Land als unlösbares Dauerproblem. Die Frustration ist gross. Auf allen Seiten.

Misstrauen in die Taliban

Dazu kommt das tiefe und berechtigte Misstrauen in die Taliban. Mächtige Teile der radikalislamischen Bewegung wollen lieber kämpfen als verhandeln. Und erst recht keine Zugeständnisse machen. Deshalb machen nun zahlreiche Geberländer ihre Zahlungen abhängig von der Entwicklung in Afghanistan, um so die Taliban in die Pflicht zu nehmen: Kanada, die Niederlande oder die EU sagten das besonders deutlich.

Dass US-Präsident Donald Trump noch ganz schnell vor seinem Abgang die Hälfte seiner ohnehin nur noch 5000 US-Soldaten heimholen will, schwächt die afghanische Regierung erst recht und verschafft den kampfwilligen Hardlinern unter den Taliban Oberwasser. Zumal der US-Abzug zahlreiche weitere Nato-Streitkräfte nach sich zieht, da sie logistisch und bezüglich Sicherheit auf die USA angewiesen sind.

Frieden in weiter Ferne

Die Grosskonferenz von Genf zeigte deshalb: Es ist nicht mal sicher, ob das Minimalziel der westlichen Anstrengungen erreichbar ist - nämlich zu verhindern, dass Afghanistan je wieder zum Ausgangspunkt von Terrorattacken in aller Welt wird.

Ganz zu schweigen von der einst versprochenen Sicherheit, der Demokratie, dem Wohlstand für die afghanische Bevölkerung. Das Ziel Frieden in Freiheit für Land und Volk liegt in weiter Ferne.

Fredy Gsteiger

Fredy Gsteiger

Diplomatischer Korrespondent, SRF

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Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».

Echo der Zeit, 24.11.2020; 18 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Monika Mitulla  (momi)
    In Afghanistan wird erst Ruhe einkehren, wenn der letzte ausländische Soldat das Land verlassen hat. Das hat der Ältestenrat in Afghanistan so beschlossen- und dafür die Blutfehde so lange vergraben.
    Man kann versuchen zu verstehen, wenn man die Situation anders denkt. Wie wäre das für uns, wenn wir von fremden Soldaten besetzt wären? Beispielsweise von der Afghanischen Armee? Zur Erinnerung: Die Nato hatte den 1.Bündnisfall überhaupt ausgerufen (nach 9/11) und ist in Afghanistan einmarschiert.
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff  (Charly)
    Als erstes sollte man den ausländischen Unterstützern der Taliban aufs Dach steigen. Dann sollte eine schlagkräftige internationale Allianz inkl. Russland und China aufgestellt werden, welche sich auch dem Thema Opium annimmt. Vorfälle wie von den Australiern, gehen natürlich garnicht! Einfach sagen, "sollen die Afghanen selber regeln" ist ebenfalls ein no go.
    Schwierig, aber notwendig.:-(((
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    1. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Ja grundsätzlich sollte die ganze Welt ein Interesse haben, Terrororganisation wie Taliban, IS usw. zu eliminieren. Leider funktioniert das nicht, weil sich immer wieder verschiedene Länder und Organisationen dieser Banden bedienen, wie aktuell die Türkei. Ohne ausländische Hilfe hätten Taliban, IS und weitere zu keiner Zeit Waffen und Mittel für ihr miserables Tun gehabt.
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  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Ich befürchte dass in 3 Jahren in Afghanistan wieder die Taliban das Sagen haben mit entsprechenden Auswirkungen auf die umgebenden Ländern. Dass bei solchen Aussichten keine grosse Bereitschaft für Geldspenden besteht, ist verständlich. Weniger verständlich hingegen, dass weder die Russen noch die Amerikaner und schon gar nicht die Europäer Wege gefunden haben, um mit diesem Gesindel fertig zu werden.
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