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Grosse Kinderarmut in Grossbritannien
Aus 10 vor 10 vom 27.08.2020.
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Kinderarmut in Grossbritannien Schule bedeutet warme Mahlzeiten

Nach bis zu sechs Monaten Unterbruch beginnt in Grossbritannien die Schule wieder. Für einige Kinder eine echte Erlösung, denn die Schule bedeutet nicht nur Hausaufgaben, sondern warme Mahlzeiten, weniger Gewalt und Stress.

Danielle ist zehn Jahre alt, wenn man sie fragt, was sie mit 100 Pfund kaufen würde, nennt nicht etwa Spielsachen, sondern sagt: «Essen und Kleider».

Danielle ist eines von vier Millionen britischen Kindern, die in Armut aufwachsen. Der Lockdown hat sie besonders stark getroffen. Eine Untersuchung der britischen Hilfsorganisation Buttle UK, Link öffnet in einem neuen Fenster kommt zum Schluss, dass fast die Hälfte der armen Familien während des Lockdowns Probleme hatte, genügend Essen auf den Tisch zu bringen.

«Ich habe manchmal nichts gegessen»

Das spürte auch Jean Cameron, die Grossmutter von Danielle: «Für die Kinder hat's immer gereicht, aber ich habe manchmal nichts gegessen.» Die Grossmutter erzieht Danielle und ihre Brüder, denn die Eltern sind drogenabhängig. Weil das Sozialhilfegeld nicht reicht, geht sie regelmässig zu einer Foodbank, dort wird kostenlos Essen abgegeben. Während des Lockdowns waren die Foodbanks aber geschlossen und das führte bei Cameron, wie bei so vielen anderen auch, zu Engpässen.

Die Schule als sicherer Ort

Wenn nicht klar ist, wie Nahrungsmittel und Rechnungen bezahlt werden sollen, ist das belastend für die ganze Familie. Buttle UK schätzt, dass drei Viertel aller bedürftigen Kinder seit der Pandemie mehr Stress, Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben.

«Die Schulschliessungen waren problematisch, denn die Schule ist für einige einfach ein sicherer Ort, fernab vom Streit und dem Stress zu Hause», erklärt der Lehrer Zane Powles aus der englischen Stadt Grimbsy.

Lehrer bringt Essen statt Hausaufgaben

Als der Lockdown anfing, hat Powles sofort reagiert. Die kostenlosen Mittagessen, welche die Kinder in der Schule einnehmen, hat er kurzerhand verpackt und zu Fuss vorbeigebracht. Rund 80 Lunches waren es täglich. «So konnte ich zudem mit den Familien reden und überprüfen, ob die Kinder sicher waren.» Einige Familien hätten kaum Möbel im Haus gehabt, bei anderen waren die Gewaltausbrüche nicht mehr tragbar. Was er sah, berührte den Lehrer so stark, dass er auch während der Sommerferien Geld für die Kinder von Grimbsy sammelte.

Die ärmsten Kinder trifft es doppelt

Längst nicht alle bedürftigen Minderjährigen im Land hatten eine zusätzliche Unterstützung. Joseph Howes von Buttle UK befürchtet, dass diese Kinder nun noch zusätzliche Erschwernisse haben: «Genau jene, die durch den Stress zu Hause beim Lernen sowieso schon mehr Mühe haben, trifft die Pandemie zusätzlich.» Bei wohlhabenderen Familien gab es Laptops, Internetanschluss, Möglichkeiten für Fernunterricht. All das fehlt vielen ärmeren. Howes erklärt die Folgen davon: «Diese Kinder könnten schulisch zurückfallen. Sie haben nicht die gleichen Chancen wie andere.»

Schule gibt Tagesstruktur

Jean Cameron kümmert sich liebevoll um ihre Enkel und hat sich bemüht, mit ihnen die Hausaufgaben zu machen. Doch nicht immer hatte sie die Energie dafür: «Ich habe ihnen manchmal stattdessen gezeigt, wie man kocht oder wäscht.» Cameron hofft, dass die Schulen bei einer zweiten Welle nicht mehr so rasch geschlossen werden: «Die Schule gibt den Kindern eine wichtige Tagesstruktur, sie bewegen sich mehr und sehen Freunde.»

Die Pandemie und insbesondere der Lockdown haben ein Schlaglicht auf das Ausmass von Kinderarmut geworfen, aber auch auf die Bedeutung des Unterrichts für das Wohlbefinden der Kinder.

10vor10, 27.08.2020; 21:50 Uhr

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38 Kommentare

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  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Sagt mal, kann denn hier keiner mehr anständig kommentieren?!? Seitenhiebe für oder gegen Brexit, gegen Boris Johnson, gegen Drogenabhängige, Lockdown, Kolonialismus ... das ist einfach nur noch geschmacklos.
    Hier geht es um Folgen von Corona für Kinder in der britischen Unterschicht. Das ist ein aktuelles Thema in GB, einem Land mit einer sehr sozialen Gesellschaft. Und wer nicht weiss, dass es in jedem Land Menschen am bzw unter dem Existenzminimum gibt, der sollte sich mal informieren!
    1. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Vollkommen richtig. Solche Meldungen gibt es auch aus vielen Ländern in Europa. Aber nicht erst seit Corona. Das Virus verstärkt das Elend noch.
      Durch die LD überall wird es noch mehr Verlierer geben.
      Und Leidtragende sind immer Kinder zuerst.
      Fast in allen Ländern, u. a. auch in reichen Ländern der EU gibt es spezielle Mittagtische für Kinder, damit sie eine warme Mahlzeit am Tag haben. Es gibt vor Schulbeginn Frühstück usw.
      Es gibt Armentafeln für Bedürftige usw. Nicht erst seit Corona.
    2. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Schön, haben Sie ausgerufen gegen herzlose MitbürgerInnen. was ist denn Ihr Lösungsvorschlag zugunsten dieser Kinder?
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Fortsetzung: Das neoliberale Wirtschaftssystem ist an sein Ende gekommen; der Thatcherinsmus u.ä. bewähren sich nicht mehr.Im Eiltempo geschieht die Finanzierung von unten nach oben.Der Mittelstand und unten werden durch das Ansaugen des Geldes Vermögender und sehr Vermögender ausgehungert,vorsätzlich.Schlimmerweise wollen das viele Bürger verdrängen und lehnen -durch Empfehlung meist Rechtskonservativer - Sozialvorlagen ab - wie z. B. Kapitalbesteuerung. Wachen wir endlich auf - international!
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Zitat: "Danielle ist eines von vier Millionen britischen Kindern, die in Armut aufwachsen."-
    Das ist beschämend für ein Land, das sich als modern und humanitär bezeichnen möchte. Was ist da los? Weshalb duldet die Regierung und wohl auch die Mehrheit der Bürger solche Armut? Ich vermute, dass hier auch nur einige wenige Prozente der Bevölkerung die Hälfte aller Güter hat, die anderen müssen sich in den Rest teilen. Da versagen der Staat und das neoliberale Wirtschaftsystem aufs Schändlichste.
    1. Antwort von Reto Frischknecht  (refrisch)
      @uvk vermutlich war die Mehrheit der ärmsten Bevölkerung nicht an der Urne oder hat Boris Johnson gewählt. Dass Populisten an die Macht kommen liegt daran, dass in fast allen Demokratien die wählerstärkste Partei den Auftrag für die Regierungsbildung erhält. Die Schweiz ist, mit seinen 7 Bundesräten und einem Präsidenten nach dem "Primus inter pares"-Prinzip, eine Ausnahme. Ohne diese Regelung wäre in der Schweiz seit vielen Jahren die wählerstärkste Partei die Regierungspartei.