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Vertrauen die Briten Boris Johnson noch?
Aus Rendez-vous vom 26.08.2020.
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Corona und Brexit In Grossbritannien läuft gerade einiges schief

Der Brexit brachte Boris Johnson an die Macht. Die Britinnen und Briten haben ihn im Dezember gewählt, weil er sie davon überzeugt hat, dass er den Austritt aus der EU endlich umsetzen wird.

Niemand konnte damals ahnen, dass der Premierminister einige Wochen später um sein Leben kämpfen und der Brexit völlig nebensächlich sein würde. Boris Johnson hat das Coronavirus überlebt, aber die euphorische Aufbruchsstimmung ist auf der Strecke geblieben.

Vertrauen in Johnson wird kleiner

Die Zeiten, in denen Johnson mit grossen Verheissungen wie «get Brexit done» oder «take back control» bei seinem Publikum punkten konnte, sind vorbei. Seit die Pandemie die Welt heimsucht, ist nüchternes, politisches Krisenmanagement gefragt.

Das war für keine Regierung der Welt einfach. In schwierigen Zeiten laufen immer Dinge schief, aber in Grossbritannien jüngst so häufig, dass dem Premierminister droht, sein wichtigstes Kapital verloren zu gehen: das Vertrauen der Britinnen und Briten.

Das Debakel begann bereits zu Beginn der Pandemie: Die britische Regierung reagierte zögerlich und verspätet – obwohl das europäische Festland hätte Warnung sein können: Die Schulen, Läden und Büros waren dort längst geschlossen, als in Grossbritannien immer noch in vollen Stadien Fussball gespielt und gefeiert wurde.

Tracing-App funktioniert nicht richtig

Später versprach der Premierminister den Britinnen und Briten das «weltbeste Track-and-trace-System», um Neuinfektionen rechtzeitig verfolgen zu können. Die App, welche den Kontakt mit Infizierten registrieren sollte, hat ein kleines Problem: Sie funktioniert bis heute nicht richtig. Die Mitarbeiter des nationalen Callcenters können nur einen Bruchteil der Menschen erreichen, die sich potenziell mit dem Virus angesteckt haben.

Noch grösser war das Debakel mit den Schulabschlussprüfungen. Diese konnten der Pandemie nicht in den Schulen durchgeführt werden, deshalb liess die Regierung die Matura-Noten von einem Computer berechnen. Die schlechten Resultate, die dabei herauskamen, führten zu einem Aufschrei in der Bevölkerung.

Bewertet wurde nämlich vom behördlichen Algorithmus mehr die geografische Herkunft als die individuelle Leistung der Schülerinnen und Schüler. Die Regierung musste einmal mehr eine Kehrtwende vollziehen. Es gelten nun doch die Bewertungen der Lehrkräfte aufgrund von Erfahrungsnoten.

Brexit als bedrohliche Blackbox

Hinter den Kulissen des täglichen Chaos tickt zudem immer noch die «Brexit-Uhr». Bis Ende Jahr möchte London mit Brüssel einen Freihandelsvertrag abschliessen. EU-Chefunterhändler Michael Barnier klagte aber vergangene Woche einmal mehr, dass die Verhandlungen eher rückwärts- als vorwärtsgehen würden. Der Brexit ist deshalb für die britische Wirtschaft längst nicht mehr eine gelobte Verheissung, sondern eine bedrohliche Blackbox.

Es ist in Grossbritannien kein Geheimnis, dass sich Boris Johnson eher weniger für die Details und Feinheiten der Regierungsarbeit interessiert. In den vergangenen Wochen hat man jedoch zunehmend den Eindruck, dass er ebenso das grosse Ganze aus den Augen verloren hat.

Patrik Wülser

Patrik Wülser

Grossbritannien-Korrespondent, SRF

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Patrik Wülser arbeitet seit Ende 2019 in London als Grossbritannien-Korrespondent für SRF. Wülser war von 2011 bis 2017 Afrikakorrespondent und lebte mit seiner Familie in Nairobi. Danach war er Leiter der Auslandredaktion von Radio SRF in Bern.

Rendez-Vous, 26.8.2020, 12:30 Uhr

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Ernst von Allmen  (MEVA)
    Der Brexit war ein wichtiger und Richtigen Entscheid von England. Was vielmals verschwiegen wird, ist dass die EU mit allen Mitteln versucht diesen Entscheid zu Torpedieren. Brüssel hat Angst dass andere Länder folgen können. Die EU wird zur Zeit von Deutschland und Frankreich Regiert, und diese beiden wollten schon immer, obwohl getrennt, die Herrschaft über Europa. Übrigens funktioniert auch in der Schweiz die Tracing App, nicht zu voller Zufriedenheit.
    1. Antwort von Max Wyss  (Pdfguru)
      Wieso soll die EU diesen Entscheid torpedieren wollen.

      Wo die EU blockt ist dort, wo die Briten mehr wollen, als EU-Mitglieder haben, und das ist absolut legitim.
    2. Antwort von Ernst von Allmen  (MEVA)
      @ Wyss
      Weil die EU verhindern will, dass andere EU Staaten auch austreten wollen. Um so schwieriger sie es den Engländern machen, um so mehr werden andere Länder abgeschreckt das gleiche zu versuchen.
  • Kommentar von Bruno Bär  (Wahrheitssucher)
    Die Sturheit, Selbstüberschätzung und Ignoranz von BJ werden die Briten noch heftig zu spüren bekommen. Aber es gilt seit jeher: Das Volk hat die Regierung, die es verdient!
    Es sollte uns Schweizern im Hinblick auf die SVP-Zwängerei am 27.9.20, die die gleichen Merkmale aufweist, eine Lehre sein!
  • Kommentar von Detlef Brügge  (Useful)
    @jazz
    Das mag ja sein, aber bei den noch ausstehenden Zahlungsverpflichtungen in Richtung EU von ca 60 Mrd aus der noch laufenden Mitgliedschaft bleibt nicht mehr viel übrig davon. Zusätzlich ist das BIP seit dem Referendum schon jetzt um mind. 6 % eingebrochen u. wird bei den noch anfallenden Kosten i. R. des Brexit u. den Kapitalabgängen durch den Brexit diese Nichtzahlung an den EU-Fond bei weitem übersteigen
    1. Antwort von Roger Stahn  (jazz)
      Wir werden sehen, wie die Folgen des Brexit ebenso zu einer Verschiebung der inneren Machtverhältnisse (Entscheidungen Ministerrat) in der EU führt. Bei einem Gesamthaushalt (GB) von umgerechnet 900 Milliarden Euro, sind die Einsparungen ca. 7%. Die zweitgrösste Volkswirtschaft Europas (GB) ist so gross, wie die 19 kleinsten der 27 EU-Länder zusammengenommen. Für die Mehrkosten in der EU, wird wohl Deutschlands Steuerzahler aufkommen müssen, was ebenso nicht unbemerkt, die Wirtschaft belastet...
    2. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      jazz. GB ist Netto-Zahler, einverstanden. Das heissta aber nicht, dass dieses ganze Geld nur in den anderen Mitgliedsstaaten ausgegeben wird. Da werden regionale Projekte, z.B. in Wales, Nordirland, Schottland usw bezahlt. Da werden britische Wissenschafter in EU-Studien (Horizon) entlöhnt. Da werden britische EU-Beamten und Parlamentarier entlöhnt. Nur um zu erklären, dass nicht der ganze britische Beitrage durch andere ersetzt werden muss.
    3. Antwort von Ernst von Allmen  (MEVA)
      Bravo für den Brexit!
      Lieber ein Ende mit ein wenig Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.