Klitschko kämpft sich an die Spitze der Opposition

Bei den Protesten in der Ukraine spielt Oppositionsführer Vitali Klitschko eine wichtige Rolle. Stefan Meister von der europäischen Denkfabrik «European Council on Foreign Relations» (ECFR) kennt und erforscht osteuropäische Länder. Welchen Einfluss hat der Boxer auf die politische Bewegung?

Vitali Klitschko in der Menge beim Handschlag mit einem Demonstranten in Kiew. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein «unverbrauchter» Oppositionsführer: Boxweltmeister Vitali Klitschko. Reuters

Kein Tag vergeht ohne eine weitere Grossdemonstration von Regierungsgegnern in Kiew. Doch wie stark ist die Opposition in der Ukraine tatsächlich? «Sie wirkt im Moment stärker, als sie wirklich ist», sagt Politikwissenschaftler Stefan Meister.

«In der Vergangenheit war sie politisch zersplittert. Einzelne Figuren haben sich gegenseitig bekämpft.» So habe man es beispielsweise nicht geschafft, gemeinsame Kandidaten für die Parlamentswahl aufzustellen. «Im Moment sieht es zudem so aus, als ob man das auch für die Präsidentschaftswahlen nicht schaffen wird.»

Laut Meisters Einschätzung könnte die aktuelle Entwicklung im Land dies allerdings ändern: «Die Entscheidung Janukowitschs, kein Freihandelsabkommen mit der EU zu unterzeichnen, sowie die Gewalt, die die Polizei am vergangenen Wochenende gegen Demonstranten ausgeübt hat, führen dazu, dass die Opposition momentan durch die Bevölkerung gestärkt und durch die Anti-Janukowitsch-Bewegung getragen wird.»

Klitschko als «Gesicht der Demonstrationen»

Eine zentrale Figur des Aufstands ist der amtierende Boxweltmeister Vitali Klitschko. Wie gross ist sein politisches Gewicht? «Es wächst zurzeit mit den Demonstrationen», sagt Meister. Bisher habe Klitschko keine grosse politische Bedeutung gehabt. Doch nun trete er als das Gesicht der Demonstrationen auf: «Er ist einer der zentralen Redner und auch einer der zentralen Antreiber dieser Demonstrationen.»

Sicher ist: Klitschko kann mobilisieren. Und: «Er ist sicher einer der charismatischsten Oppositionsführer von allen, seit Julia Timoschenko im Gefängnis sitzt», sagt Meister.

Dass der prominente Boxer so gut ankommt, erklärt der Thinktank-Mitarbeiter so: «Er ist einer der wenigen Politiker, die noch relativ unverbraucht sind. Wenn wir uns die anderen Oppositionskandidaten ansehen, dann waren diese zum Teil mit der inzwischen abgewählten orangenen Koalition verbunden – oder mit Janukowitsch.»

Kann er die zersplitterte Opposition einen?

Ist Klitschko der Brückenbauer, der die Opposition einen könnte? «Im Moment sieht es so aus, wir müssen aber abwarten», sagt Meister zurückhaltend. «Wenn dies einer schaffen könnte, dann Klitschko. Zuzutrauen ist es ihm.»