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Erste Ernüchterung in Grossbritannien nach Brexit-Einigung
Aus Echo der Zeit vom 28.12.2020.
abspielen. Laufzeit 43:34 Minuten.
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Komplizierte Nachverhandlungen Nach dem Brexit: Grossbritannien könnte «zweite Schweiz» werden

Nervenzehrende Dauerverhandlungen mit Brüssel? Britische Experten fürchten helvetische Verhältnisse nach dem Brexit.

«Ich habe ein Geschenk für alle, die nach dem Weihnachtsessen vor sich hindösen», sagte der britische Premierminister Boris Johnson an Heiligabend. Und hielt einen Stapel Papier hoch: den Handelsvertrag mit Brüssel, der einen geordneten Austritt aus dem Binnenmarkt und der Zollunion mit der EU erlauben soll.

«Der Deal», so Johnson weiter, «ist die Basis für eine glückliche und stabile Partnerschaft mit unseren Freunden in der EU».

Die Weihnachtsgans ist längst verdaut. Mittlerweile haben sich die Sachverständigen im Königreich über das 1246 Seiten starke Abkommen gebeugt. «Dick, kompliziert, aber doch nicht so umfassend und genial, wie Johnson dies am Weihnachtsabend dem Publikum suggerieren wollte», erklärt SRF-Korrespondent Patrik Wülser.

Stellvertretend dafür steht die Einschätzung der Rechtsprofessorin Catherine Barnard von der Cambridge-Universität: «Es ist ein extrem komplizierter Deal. Der Text ist voller Regeln und Querverweise. An vielen Stellen erkennt man, dass er in aller Eile fabriziert wurde.»

In vielen Fragen hat man den Ball erst ins hohe Gras gespielt. Man lässt die Dinge ruhen, lässt sie offen oder verhandelt später.
Autor: Patrik WülserSRF-Korrespondent in London

Während Brexit-Befürworter oft und gerne Vergleiche zur souveränen Schweiz im Herzen Europas heranzogen, zieht Barnard ganz andere Parallelen: «Der Deal läuft auf viele weitere bilaterale Abkommen heraus, wie sie die Schweiz mit der EU hat.»

Für Wülser hat der britische Premier zwar Wort gehalten: Grossbritannien behält mit dem Abkommen seine Souveränität. «Das müssen seine Kritiker neidlos anerkennen. Johnson hat in Rekordzeit geliefert, was er versprochen hat.»

Kurz: Ein Freihandelsvertrag und Kontrolle über Grenzen, Geld und Gesetze. «Die Personenfreizügigkeit ist beendet, es gibt keine Zahlungen mehr nach Brüssel und der Europäische Gerichtshof ist für Grossbritannien irrelevant geworden», fasst Wülser zusammen.

Weniger Pflichten – weniger Rechte

Für diese Souveränität bezahle Grossbritannien aber einen hohen Preis. «Das Abkommen ist dünn. Es regelt eigentlich nur den Zoll und quotenfreien Güterverkehr.» Will heissen: Viele Fragen bleiben noch offen.

Wülser zählt eine ganze Reihe gewichtiger Bereiche auf, in denen sich London und Brüssel noch einigen müssen: gemeinsame Datenschutzbestimmungen, die gegenseitige Anerkennung der Finanzplätze und Berufsqualifikationen, die Teilnahme britischer Studierender am Erasmus-Programm.

Unweigerlich werden Erinnerungen an zähe Kämpfe von Generationen von Bundesräten und Chefunterhändlern in der EU-Zentrale wach.

Juncker küsst Sommaruga auf die Wange
Legende: Für manchen Lacher war die Schweizer Verhandlungsodyssee mit der EU zwar gut. Doch britische Experten sorgen sich, dass auch Grossbritannien jahrzehntelang in Brüssel nachjustieren muss. Keystone

Wülsers Fazit zum Vertragswerk: «In vielen Fragen hat man den Ball erst ins hohe Gras gespielt. Man lässt die Dinge ruhen, lässt sie offen oder verhandelt später.» Dies, so die Befürchtung britischer Experten, wird weiterhin viele Kräfte binden. «Verbunden mit grossen Reibungsverlusten und Planungsunsicherheiten», sagt Wülser.

Grossbritannien braucht die EU

Strapaziösen Nachverhandlungen eine Absage zu erteilen, ist keine Option. An Heiligabend war Premier Johnson denn auch sichtlich bemüht, die Nähe der britischen Inseln zum europäischen Kontinent zu betonen. Geradezu poetisch zitierte er die gemeinsame Geschichte und Werte, und machte sogar Ausflüge in die Geologie.

«Das war nicht nur freundlich, sondern auch geschickt», bilanziert Wülser. Denn: Die EU bleibe der grösste Markt für Grossbritannien und Brüssel sitze auch künftig geografisch und handelspolitisch am längeren Hebel. «Es lohnt sich also, die EU bei zu Laune zu halten.»

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Aus dem Archiv: Der lange Weg zum Brexit
Aus Tagesschau vom 24.12.2020.
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Echo der Zeit vom 28.12.2020, 18 Uhr;

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34 Kommentare

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  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    GB war nur der Erste, der ging. Früher oder später werden weitere folgen. (Warten wir mal die finanzielle Aufräumarbeit nach der Coronakrise ab.)
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    1. Antwort von Charles Morgenthaler  (ChM)
      An welche Staaten die gehen möchten denken Sie Frau Müller? An Polen, Ungarn Rumänien oder andere Länder die ungemein von der EU profitieren? In den westeuropäischen Staaten ist nigendwo eine nennenswerte Bewegung erkennbar welche einen Austritt anstrebt. Langsam scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass ein Zusammengehen der Länder in Europa mehr Erfolg verspricht als die Zersplitterung. Kritiker, um nicht zu sagen Stänkerer, gibt es halt trotzdem immer, besonders hier bei uns.
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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Ein Teil Grossbritanniens wird in dem Brexit-Vertrag, über den das Parlament heute abstimmt, nicht erwähnt: Gibraltar. Dort hofft man auf ein Last-Minute-Abkommen, um den unkomplizierten Grenzverkehr aufrecht zu erhalten. Die Grenze zwischen Gibraltar und Spanien, über die jeden Tag mehr als 15.000 Menschen pendeln. Es sind vor allem Spanier, die in Gibraltar arbeiten. Morgens fahren sie auf die Halbinsel, abends wieder zurück. Denn zwischen Gibraltar und Spanien entsteht eine EU-Aussengrenze.
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  • Kommentar von Guido Casellini  (CAS)
    Wir, CH, können uns nicht mit GB vergleichen.....waren ja NIE in der EU.....sind auch keine Insel...
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