Die Hoffnung auf Frieden in Kolumbien war selten so greifbar wie nach dem Abkommen mit den Guerillakämpfern der Farc im Jahr 2017. Die Waffenruhe sollte Kolumbien nach Jahrzehnten der bewaffneten Konflikte in den Frieden führen. Doch heute, fast acht Jahre später, eskaliert die Gewalt erneut.
Besonders in Catatumbo, der Grenzregion zu Venezuela, kämpfen die zweitgrösste Guerilla des Landes, die ELN, und eine Farc-Splittergruppe blutig um Territorien und Einnahmen. Die Friedensgespräche der Regierung von Gustavo Petro liegen auf Eis.
Der zuversichtliche Friedensforscher: «Es ist die Schlussphase des Konflikts»
In Bogotá treffen wir Camilo González, ehemaliger Minister und Leiter des Friedensforschungsinstituts Indepaz. Er erklärt ruhig: «Kolumbien befindet sich in der Schlussphase eines langen Konflikts.»
Die Guerillas seien nicht mehr stark genug, um ernsthaft die kolumbianische Regierung zu bekämpfen, auch wenn sie immer noch ein grosses Störungspotenzial haben. «Die Rebellengruppen kämpfen heute mehr gegeneinander, als gegen die Regierung», sagt González. Er sieht darin einen Fortschritt für die kolumbianische Demokratie.
Die nüchterne Analystin: «Die Guerillas werden immer mehr zu Mafias»
Auch Laura Bonilla von der Stiftung Paz y Reconciliación, einer der grössten Friedens-NGOs des Landes, sagt, der bewaffnete Konflikt in Kolumbien habe sich verändert und mit ihm auch die zweitgrösste Guerilla im Land, die ELN: «Diese Guerilla ist eine Art Übergangsgruppe zwischen zwei Gewaltzyklen. Die ELN war Teil der ideologisch motivierten Rebellionen in den 1970er- und 1980er-Jahren und heute entwickelt sie sich zunehmend zu einer kriminellen Organisation.»
-
Bild 1 von 3. Kolumbianische Soldaten stehen Wache, während Mitglieder einer humanitären Gruppe sich nach ELN-Rebellenangriffen mit Einwohnern treffen (4. Februar 2025). Bildquelle: REUTERS / Carlos Eduardo Ramirez.
-
Bild 2 von 3. Militär und Polizei patrouillieren gemeinsam in Catatumbo (Januar 2025). Bildquelle: Imago / Yay Images.
-
Bild 3 von 3. Viele Menschen wurden wegen der Gewalt aus der Region Catatumbo vertrieben. (19.1.2025). Bildquelle: Keystone / AP Photo / Fernando Vergara.
Auf der venezolanischen Seite unterstütze die Regierung von Nicolás Maduro die ELN, da der Drogenhandel Einnahmen für den Staat generiere. Der Konflikt in Catatumbo ist auch ein Stellvertreterkrieg mit Venezuela.
Die Situation vor Ort sei gefährlich, sagt Bonilla: «Das Risiko ist hoch, die kolumbianische Armee allein nicht stark genug, um die Rebellen zu besiegen.» Kolumbiens Präsident Gustavo Petro reagierte auf die Eskalation in Catatumbo mit Luftangriffen, bei denen innerhalb weniger Tage Dutzende Guerilleros getötet wurden.
Gleichzeitig erhöhen die USA den Druck: Rund 15'000 Soldaten sind in der Karibik stationiert, um den Drogenhandel zu bekämpfen und den Druck auf das Maduro-Regime zu erhöhen. Doch die strukturellen Probleme in Kolumbien bleiben und der Konflikt in Catatumbo destabilisiert eine ohnehin schon fragile Region noch weiter.
Die hoffnungsvolle Verhandlerin: «Frieden scheitert nie»
In ihrer Wohnung in Bogotá erzählt Vera Grabe Löwenherz, 73 Jahre alt, warum sie trotz allem nicht vom Scheitern sprechen will: «Frieden scheitert nie. Nach Jahrzehnten von Rebellenkämpfen wissen wir, wie Gewalt funktioniert, welchen Regeln sie gehorcht. Aber Frieden? Das ist eine ganz neue Herausforderung.»
Grabe leitete die Friedensverhandlungen mit der ELN-Guerilla für die Regierung und vertrat dabei die Interessen von Gustavo Petro. Unter ihrer Führung kam es erstmals zu einem sechsmonatigen Waffenstillstand – ein Fortschritt, auch wenn die ELN die Gespräche abbrach.
Neben wirtschaftlichen Interessen sind es auch Ängste, die die Guerilleros davor abschrecken, Frieden zu schliessen mit der Regierung. Denn Hunderte Ex-Guerilleros von der Farc wurden Opfer von Selbstjustiz der Bevölkerung: Nachdem sie ihre Waffen niedergelegt hatten, wurden sie erschossen.
Es brauche mehr Garantien für einen nachhaltigen Frieden, sagen ehemalige Rebellen deshalb. Die Regierung schaffe es nicht, sie zu schützen und den Frieden somit attraktiv zu machen. «Frieden wird als grosses Risiko empfunden», sagt Grabe dazu: «Aber der Krieg ist das doch auch! Für die Kämpfer und für die Zivilbevölkerung.» Es brauche dringend ein Umdenken in Kolumbien.
Ein Ex-Rebell blickt zurück: «Sie verurteilten mich zu 22 Jahren Haft»
In Chapinero, einem Trendquartier Bogotás, treffen wir Carlos Velandia. Auf den ersten Blick sieht der 73-Jährige aus, wie ein gewöhnlicher älterer Herr – wäre da nicht der Bodyguard, der ihn auf Schritt und Tritt begleitet.
35 Jahre lang war Velandia Mitglied der ELN – und nicht nur als Fusssoldat: Velandia war einer der Anführer der Guerilla. Sein Werdegang klingt wie aus einer Netflix-Serie: 1994 wurde Carlos Velandia verhaftet und wegen Rebellion verurteilt – von anonymen Richtern, die damals in Kolumbien nur mit voll verhüllten Gesichtern die Gerichtssäle betraten. So gross war die Angst vor Vergeltungsmassnahmen.
«Sie verurteilten mich zu 22 Jahren Haft – 10 davon sass ich tatsächlich im Gefängnis. Und in dieser Zeit ernannte mich die ELN zu ihrem Unterhändler für die Friedensgespräche mit der Regierung. Also verhandelte ich mit der Regierung – aus dem Gefängnis heraus, 10 Jahre lang», erzählt Velandia.
Durch diese Gespräche habe er verstanden, dass der bewaffnete Kampf nicht der richtige Weg sei, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen, sagt er. Nach seiner Freilassung brach er öffentlich mit der ELN. Sich für den Frieden einzusetzen, ist für den Ex-Guerillero zur neuen Lebensaufgabe geworden, trotz der Gefahr, der er sich damit aussetzt, in einem Land, wo jährlich immer noch über hundert Aktivisten getötet werden oder verschwinden.
Velandia glaubt nicht, dass die Rebellen an einem baldigen Frieden interessiert sind: «Die ELN hat keine Eile, diesen Konflikt zu beenden. Die Regierung hat jeweils nur vier Jahre Zeit, denn anders als Guerillas haben Regierungen ein Ablaufdatum, wie Joghurt». Schon mit acht verschiedenen kolumbianischen Regierungen hat die ELN Friedensgespräche geführt. Die Guerilla versuche jedes Mal etwas für sich herauszuholen, sagt Velandia. Und Petro läuft die Zeit davon: Schon in sechs Monaten stehen Neuwahlen an, in Kolumbien.