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Auf dem Balkan lebt die alte Kriegsrhetorik weiter
Aus Echo der Zeit vom 08.06.2021.
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Kritik von Chefankläger Mladic und Co. werden trotz Verurteilung weiter verehrt

Serge Brammertz ist Chefankläger des Jugoslawien-Tribunals und kritisiert die Verherrlichung der Kriegsverbrecher.

Man nennt ihn den Schlächter vom Balkan, Ratko Mladic, den ehemaligen General der bosnischen Serben im Bosnienkrieg der 90er-Jahre. Seit heute Nachmittag ist klar: Mladic bleibt lebenslang im Gefängnis.

Viele Menschen in Bosnien-Herzegowina aber dürfte das heutige Urteil aus Den Haag kaum interessieren. Kriegsverbrecher gelten da bei vielen noch als Helden.

Heldenempfänge in der Heimat

«Wenn ich vergleiche zwischen heute und vor 10 Jahren, stellen wir fest, dass sich Politiker weniger scheuen, die Straftaten zu verneinen und die Straftäter zu verherrlichen», erklärt Chefankläger Serge Brammertz.

Es legt eine Hypothek auf die neuen Generationen, wenn man ein Studentenheim nach Karadzic benennt oder Mladic zum Vorsitzenden der Veteranen-Organisationen ernennt.
Autor: Serge BrammertzChefankläger

Die Verärgerung ist Brammertz gut anzumerken. Noch vor ein paar Jahren sei die Bevölkerung mit verurteilten Kriegsverbrechern härter ins Gericht gegangen, sagt er. Heute gebe es Heldenempfänge für jene Verurteilten, die ihre Strafe abgesessen haben und in ihre Heimat zurückkehren.

Die veränderten Umstände haben auch mit der politischen Macht zu tun. Seit 2012 sind in Serbien wieder jene Kräfte am Ruder, die auch während der Kriege eine wichtige Rolle gespielt hatten.

Erschwerte Arbeit des Chefanklägers

In Bosnien befeuert Milorad Dodik, der wohl mächtigste Politiker der bosnischen Serben, die Rhetorik der kriegerischen Neunzigerjahre. Noch am Wochenende hatte er erklärt, es sei für das serbische Volk inakzeptabel, dass die Richter aus Mladic einen Kriminellen machten.

Solche Aussagen erschwerten die Arbeit des Gerichts ungemein, sagt Brammertz: «Das ist extrem bedauerlich, denn es legt eine Hypothek auf die neuen Generationen, wenn man ein Studentenheim nach Karadzic benennt oder Mladic zum Vorsitzenden der Veteranen-Organisationen ernennt.»

Mann.
Legende: Ratko Mladic und andere verurteile Kriegsverbrecher geniessen auf dem Balkan bei manchen Bevölkerungsgruppen nach wie vor grosse Unterstützung. Keystone

Die Geschichte des Jugoslawien-Tribunals galt bisher als Erfolgsgeschichte der internationalen Strafjustiz. Zwar dauerten die Verfahren meist lange, aber am Ende landeten die Kriegsverbrecher im Gefängnis. Danach aber gerieten sie in Vergessenheit.

Das hatte Folgen, wie zwei Wissenschafter der Freien Universität in Amsterdam in ihrer Untersuchung über die Rehabilitierung von Kriegsverbrechern feststellten. Für islamische Terroristen gebe es im Gefängnis De-Radikalisierungsprogramme, für Pädophile Therapien.

Keine Therapien für Kriegsverbrecher

Für Kriegsverbrecher jedoch gebe es nichts, erklärten die Wissenschafter in der niederländischen Zeitung «De Volkskrant». Diese würden einfach ihrem Schicksal überlassen. Im Krieg verübten diese Männer die schrecklichsten Verbrechen, im Gefängnis jedoch benahmen sie sich hochanständig und hielten sich an die Regeln. So erfüllten sie die Kriterien für eine frühzeitige Freilassung. Einmal zurück in der alten Heimat, leugneten sie ihre Taten aber und hielten an ihren Ideologien fest, so die Forscher.

Das Jugoslawien-Tribunal hatte vom UNO-Sicherheitsrat nicht nur den Auftrag bekommen, die Balkankriege juristisch aufzuarbeiten. Sondern auch zur Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen beizutragen. Unter diesen Umständen ist das sehr schwierig bis unmöglich.

Mann.
Legende: Chefankläger Serge Brammertz sieht die Verherrlichung der Kriegsverbrecher kritisch und fordert neue Gesetze. Keystone

Brammertz fordert deshalb eine gesetzliche Lösung: «Wenn Politiker sich nicht verantwortungsvoll genug zeigen, einzusehen, dass dies inakzeptabel ist, denke ich, dass man hier eine Gesetzeslücke schliessen sollte. Man sollte strafrechtlich Gesetze schaffen, die die Verneinung von Völkermord und die Verherrlichung von Straftätern unter Strafe stellt.»

Echo der Zeit, 8.6.2021, 18:00 Uhr

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Heinz Michel  (Joshuatree)
    Ich finde das Urteil gerechtfertigt, Mladic wie auch Karazic haben mit hilfe der extremen Bosnischen Serben diese Massaker begangen daran gibt es keine Zweifel, und ich war kurz nach dem Krieg in Banja Luka da wurden von vielen diese beiden Massenmörder als Helden bezeichnet! Dazu kommt noch das in Bosnien Herzegovina eine „Srbska Republik“ toleriert wird ich war viel in Bosnien unterwegs und habe wunderbare Menschen kennengelernt aber die Massenmörder haben ihre Strafe verdient!
  • Kommentar von Iv Ko  (Ivkos)
    Schande was mit Serbische Volk gemacht wird. Wieso werden nur Serben verurteilt, und nicht andere Mörder aus Bosnien, Kroatien, und den Kosovo*. Die Wahrheit wird früher oder später zur Sicht kommen!
    1. Antwort von Charles Morgenthaler  (ChM)
      Dieser Herr ist nicht das " serbische Volk", für seine Schandtaten sitzt er zu Recht bis ans Ende seiner Tage. Serben die ihn immer noch als Volksheld sehen, haben absolut nichts begriffen.
    2. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Kann ihnen da nur bei Pflichten, Ivkos. Ich verstehe nicht wieso die Schergen der uck( mit Verbindung zu al kaida!) noch auf freiem Fuss sind. Die Welt braucht sich nicht wundern wenn in Serbien die Urteile als unfair und einseitig quittiert werden. Sehe das als neutrale Beobachterin nämlich auch so. Gerechtigkeit wird erst wahrgenommen wenn sie den auch tatsächlich mal stattfinden würde.
    3. Antwort von Hanspeter Schwarb  (Ganymed)
      Stimmt nicht, es sind in Den Haag aus allen Ethnien Leute verurteilt worden . Kosovaren , Kroaten Bosnjaken und Serben
    4. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Eine Frage an Frau Stähli und Herrn Ko : Die Verurteilung von Herrn Mladic finden sie aber schon gerechtfertigt oder? Wurden von Seiten der Muslime denn auch solche Massaker verübt?
    5. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Ja wurde es. Es wurde einfach unter den Tisch gekehrt. Es erinnert mich leider an den Effekt das David nicht so schlimm ist wenn man sich goliath anschaut. Heutzutage vergleichbar mit dem "bösem, entwickeltem" Israel und den "armen" Palästinenser. Und nein ich halte weder die Verurteilung noch die straffe für angemessen. Wie könnte es den auch bei solchen Verbrechen. Und an Herr Schwab, ist die Helden Verehrung in den von ihnen aufgezählten Länder anders? Wieso wird es nur bei den serben erwähnt
    6. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Frau Stähli Sie haben ja offensichtlich von solchen Maskakern gegenüber den Serben gehört. Woher denn wenn es unter den Tisch gekehrt wurde? Ich möchte es gerne nachlesen.
      Meinen Sie lebenslange Haft für Mladic ist zu wenig. Bei den Taten haben sie eigentlich recht, aber ich bin gegen die Todesstrafe.
    7. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Ich gehöre zu der Generation die mit den kriegsflüchtlingen aufgewachsen ist. Und mit unter den Tisch gekehrt meinte ich eben genau dass, das man in unseren Medien nichts davon hörte weil es ja ne gute und schlechte Seite geben muss in unserem Verständnis von Opfer und Täter. Aber es war Krieg! Auch heute noch können sie auf YouTube Propaganda der uck sehen. Und ich bin für die Todesstrafe. Sehe es nicht ein wieso gewisse Täter, zB Rupperswil, mit meinem Geld gefüttert und therapiert werden soll
    8. Antwort von Adelisa Abdic  (Adelisa)
      Frau Stäheli
      Wenn Sie schon davon sprechen, dass es einen Krieg gegeben hat, dann benennen Sie bitte auch die Orte, wo sie denn tatsächlich stattgefunden haben. Denn in Bosnien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, etc. herrschten Kriege. ABER während dem ganzen "Jugoslawienkrieg" wurde Serbien nie bombardiert!! Wussten Sie das? Stellen Sie sich das mal vor!
    9. Antwort von Adelisa Abdic  (Adelisa)
      Und solange wir Fakten leugnen - vor allem dann, wenn so viele Unschuldige getötet wurden - werden wir nie in Frieden leben können. Und da ist es egal, welcher Nationalität, Religion, Ethnie, etc. der Unschuldige angehört. Unschuldig ist unschuldig.

      Und Menschen, die solch Gräuel verursacht haben wie Mladic, sollten nicht auf freiem Fuss sein. Denken Sie nur daran, wir hätten einen solchen Nationalisten und Terroristen hier bei uns; wäre Ihnen nicht unwohl bei diesem Gedanke?
    10. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Bomben ist nur eine von tausend Arten einen Krieg zu führen. Und zu Herrn Abdic, lesen sie meinen zweiten Kommentar nochmals durch. Es würde ihnen sicher auffallen das mir so unwohl bei dem Gedanken an Nationalisten ist das ich eine Todesstrafe für angemessen halte. Auch noch heutzutage. Und noch was, von wem wurde Serbien den unterstützt/gedeckt?.....................Es geht darum das Verbrechen gegen die Menschlichkeit IMMER zu verurteilen sind, egal von wem sie ausgehen.
    11. Antwort von Berat Gaxherri  (BGA)
      Weil „serbische Arme, Polizei, und andere kriminelle Gruppen“ im ganzen Balkan kriege angefangen haben und Genocid verursacht haben. Deswegen werden die Kriminellen verurteilt, und genau so sollte es sein. Die Wahrheit ist , dass Serbien Geschichte schreibt als erstes Land nach der zweiten Welt Krieg, dass Genocid in Europa verursacht hat. Schande für Balkan, dass ein Land wie Serbien ( nicht Serbische Volk) dazu gehört. Wenn ich Serbe wäre, würde ich die Name dieses Landes ändern.
  • Kommentar von Fritz Meier  (FriMe)
    Meines Erachtens gibt es folgende Möglichkeiten: Serbien will in die EU. D.h. es muss zuvor beweisen, dass es mit der Aufarbeitung ernst meint. Dabei sind sämtliche Kriegsverbrecher-Leugnungen, tragen von entsprechenden Insignien oder öffentliche Verherrlichungen der Gewaltverbrechen verboten und konsequent zu ahnden.
    Ohne Druck von Aussen wären wohl auch Deutschland oder Österreich nie liberale Demokratien geworden - das gilt auch für Serbien und überhaupt den ganzen Balkan.
    1. Antwort von Hanspeter Schwarb  (Ganymed)
      Ich weiss nicht ob der Druck von aussen viel bringt. Die Aufarbeitung geht meistens erst die nächste Generation an siehe Deutschland und solange Nationalisten an der Macht sind gar nicht. Siehe u.a. Türkei