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Kurdistan: Der Traum vom eigenen Staat
Aus Rendez-vous vom 12.08.2020.
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Kurdischer Traum von Autonomie Das verratene Volk ist auch ein zerstrittenes Volk

Rivalisierende Clans und Grossmächte, für die die Kurden Verhandlungsmasse sind – die gemeinsame Vision verblasst.

Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist die PKK der Staatsfeind. Er bekämpft die kurdischen Aufständischen zuhause, aber auch in Syrien. Und seit Mitte Juni auch wieder stärker im Nordirak. Im Nachbarland der Türkei hat die kurdische Untergrundorganisation ihre Rückzugsgebiete.

Man könnte annehmen, die tonangebende kurdische Bewegung im Nordirak, die KDP, würde den türkischen Vormarsch scharf verurteilen und sich auf die Seite der angegriffenen kurdischen Brüder der PKK schlagen. Doch die KDP rang sich nur zu einem vagen Statement durch. Sie kritisierte die türkische Armee und die kurdische PKK gleichermassen, sie sollten ihren Konflikt anderswo austragen. Grenzüberschreitende Solidarität sieht anders aus.

Ein gemeinsamer Traum und viele Gräben

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Das verratene Volk – so sehen sich die Kurden selber. Nach dem 1. Weltkrieg gingen sie im Vertrag von Lausanne leer aus, die Grenzen im Nahen Osten wurden so gezogen, dass ihr Siedlungsgebiet in vier verschiedenen Staaten zu liegen kam: der Türkei, Iran, Irak und Syrien. Der Traum von kurdischer Autonomie oder gar einen eigenen Staat eint die meisten der 40 Millionen Kurden in der Region bis heute. Über alles andere aber herrscht notorischer Streit.

Der Politwissenschaftler Brendan O’Leary ist nicht überrascht. «Die KDP im Nordirak hat den bewaffneten Aufstand der PKK gegen den türkischen Staat stets abgelehnt und sich für eine demokratische Lösung der kurdischen Frage ausgesprochen», sagt der intime Kenner der kurdischen Politszene.

Einschusslöcher 2017 in Haus in Diyarbakir
Legende: Die Metropole Diyarbakir im Anatolien ist ein Brennpunkt im Konflikt zwischen dem türkischen Staat und kurdischen Aufständischen. 2015 begannen erneut gewaltsame Auseinandersetzungen. Keystone

Zwar sieht auch im Nordirak ein Teil der kurdischen Bevölkerung den bewaffneten Kampf der PKK als angemessene Antwort auf die Unterdrückung kurdischer Ambitionen innerhalb der Türkei. Die beiden grossen kurdischen Organisationen dies- und jenseits der Grenze aber sind sich spinnefeind.

Dahinter stehen historische Rivalitäten zwischen zwei verschiedenen kurdischen Clans, aber auch scharfe ideologische Differenzen. «Ein entgegengesetztes strategisches Kalkül kommt hinzu», sagt O’Leary.

Im Nordirak haben die Kurden auf den Trümmern des irakischen Staats nach der Jahrtausendwende ein Stück Selbstbestimmung erreicht, von dem Kurden in der Türkei oder im Iran nur träumen können. Es gibt hier eine anerkannte kurdische Autonomiezone.

Die Kurden sind im Grunde ihre eigenen ärgsten Feinde.
Autor: Brendan O'LearyPolitwissenschaftler

«Um überlebensfähig und möglichst unabhängig von der irakischen Zentralregierung in Bagdad zu sein, ist diese Autonomiezone auf Exporte von Öl und Gas ins Nachbarland Türkei angewiesen», sagt O’Leary. Also auf gute Beziehungen zur türkischen Regierung.

Allerdings, auch durch die nordirakische Autonomiezone selbst geht ein tiefer Graben. Während die KDP enge Beziehungen zum türkischen Staat unterhält, pflegt die zweite historische Kraft im kurdischen Nordirak, die PUK, enge Beziehungen zum anderen grossen Nachbarn, Iran.

Kurden im Nordirak begehen das Nowruz-Fest
Legende: Die Hoffnungen auf ein freies Kurdistan haben sich für die Kurden im Nordirak erst einmal zerschlagen. Reuters

Auch in der Rivalität zwischen KDP und PUK vermischen sich ideologische Differenzen mit alten Ressentiments zwischen zwei kurdischen Clans.

Die beiden verfeindeten Parteien trugen noch in den 1990ern einen blutigen Bruderkrieg aus. Immerhin, sie rauften sich zusammen als die historische Chance auf eine Autonomiezone im Nordirak möglich wurde. «Das tiefe Misstrauen aber ist geblieben», sagt O’Leary, der regelmässig die kurdischen Behörden in Erbil berät.

Ernüchterung nach der Vertreibung des IS

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Peschmerga im Nordirak während Kampf gegen IS
Legende: Keystone

Bis heute unterhalten PUK und KDP, die beiden historischen Kräfte in der Autonomiezone, auch je ihre eigenen Truppen – die Peschmerga. Nach dem erfolgreichen Kampf gegen das Terrorkalifat des IS glaubten sich die Kurden im Nordirak auf der Gewinnerseite der Geschichte. Manche hielten gar die Abspaltung von Irak und einen eigenen kurdischen Staat schon für zum Greifen nah.

Doch längst sind die Kurden im regionalen Kräftemessen wieder in der Defensive. Auch in Syrien. Im Chaos des syrischen Kriegs entstand auch dort eine Art selbstverwaltete kurdische Zone entlang der türkischen Grenze. Mit beachtlichen gesellschaftlichen Fortschritten, etwa strikter Gleichstellung der Geschlechter, das räumt O’Leary ein – nach einem Modell, das die PKK theoretisiert hat.

In Nordsyrien gibt sie den Ton an, über einen lokalen Ableger. Doch die PKK habe den Fehler gemacht, das Projekt in Syrien nicht klar von ihrem eigenen Kampf in der Türkei zu trennen, ist Professor O’Leary von der Universität von Pennsylvania überzeugt.

Die Ambitionen der PKK in Syrien lieferten Erdogan einen Vorwand für den Einmarsch im Nachbarland. Auf Solidarität aus Erbil kann die PKK auch in Syrien nicht zählen. Die KDP fühlt sich ausgeschlossen von dem Projekt der PKK im syrischen Kurdengebiet.

Kurdische Kämpferinnen in Syrien
Legende: Im Krieg in Syrien kämpfen auch kurdische Frauen an vorderster Front. Keystone

Das grosse Dilemma der Kurden ist: Sie sind umgeben von Mächten, die ein Interesse haben, sie möglichst schwach zu halten. Und die sehr geschickt darin sind, sie gegeneinander auszuspielen. Die Kurden mit ihren inneren Konflikten helfen diesen Mächten regelmässig dabei. «Die Kurden sind im Grunde ihre eigenen ärgsten Feinde», fasst O’Leary die bittere Situation zusammen.

Rendez-vous vom 12.08.2020. 12:30 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Stefan Olarte  (Oikaner)
    Interessant, wie man einen Artikel über die aktuelle Lage der Kurden schreiben kann, ohne Rojava, Bookchin und den demokratischen Konföderalismus mit Namen zu erwähnen.
    Wenigsten kam der Satz:

    «…entstand auch dort eine Art selbstverwaltete kurdische Zone entlang der türkischen Grenze. Mit beachtlichen gesellschaftlichen Fortschritten, etwa strikter Gleichstellung der Geschlechter, das räumt O’Leary ein– nach einem Modell, das die PKK theoretisiert hat.»
  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Es ist eine Tatsache, dass dieses Volk tief zerstritten ist. Dass es teilweise recht komischen Ideologien nachhängt, die an Mao und Pol Pot erinnern und dass dissidente Stimmen verschwinden oder mindestens zum Schweigen gebracht werden, ist eine Tatsache. Obwohl die Kurden selber unter gewalttätigen Regimen leiden, neigen sie unter sich dazu die Probleme ähnlich anzugehen.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Dass Kurden untereinander unterdessen zerstritten ist, ist zusätzlich bedauerlich. Menschenrechte gegenüber den Kurden werden seit unglaublich langer Zeit verletzt. Grosse Mächte, vorab die Türkei, aber auch Syrien und Irak sind hauptverantwortlich auch für den internen Zustand der verschiedenen Stämme/Gruppierungen. Die UNO sollte hier einschreiten und erwirken, dass E und andere unmenschliche Despoten den Kurden ein autonomes Land zugestehen.