Vom diesjährigen G7-Gipfel bleiben für die Nachwelt nicht nur offizielle Fotos und Pressestatements, sondern auch ein Moment der Lockerheit.
In einem Konferenzraum stehen die Staatsspitzen in einem Gesprächskreis, das Programm hat noch nicht begonnen. Dann erzählt die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von einem persönlichen Erfolg.
Meloni hat den Tag nicht, wie der deutsche Kanzler Friedrich Merz vermutet, mit einer Zigarette gestartet – sondern schon vor einem Monat mit dem Rauchen aufgehört. Das erntet das zustimmende Raunen der Runde, und ein «Bravo» von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Geopolitik im Plaudermodus
Meloni und Co. dürften in diesem Moment klar gewesen sein, dass die Kameras im Konferenzraum laufen. Generell gelangen solche Plaudereien aber selten an die Öffentlichkeit. Eine Ausnahme ist der G7-Gipfel 1995 im kanadischen Halifax. Damals wurde der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl von einem Diplomaten begleitet, der seine Gespräche für den internen Gebrauch protokollierte. Ein Archiv veröffentlicht die Notizen demnächst. Die deutsche Zeitung «Der Spiegel» konnte die Dokumente aber schon vorab einsehen.
In diesen Protokollen kann man stichwortartig nachlesen, was die Staatschefs – 1995 ausschliesslich Männer – abseits der Mikrofone sagten. Zum Beispiel der englische Premier John Major. Er beschwerte sich über chronisch unzufriedene Wählerinnen und Wähler. «Wie es auch wirtschaftlich läuft, Leute sind nicht zufrieden», heisst es in den Protokollen.
Die Regierungschefs redeten in diesen Gesprächen relativ ungeschliffen. Das konnte auch mal grob werden. Der französische Präsident Jacques Chirac etwa kritisierte die Spekulation an den Finanzmärkten mit einem eigenartigen Vergleich: «1980 hatten wir noch eine Zivilisation. 1980 hatten wir noch kein Aids. Heute haben wir Aids – auch die Spekulation ist eine Krankheit. Wir müssen die kranken Menschen kurieren und Spekulation bestrafen.»
Zuletzt blieb auch in Halifax Zeit für ein wenig Heiterkeit, als die Männer über das Treffen im nächsten Jahr sprachen. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl nutzte das für ein Anliegen in eigener Sache: «Ein Wunsch: Bitte bei traditioneller frz. Küche bleiben und nicht Paul Bocuse.» Starkoch Bocuse galt als revolutionäres Genie, Kohl war eher für seine Vorliebe für deftige deutsche Fleischgerichte bekannt. Jacques Chirac versprach: «Helmut bekommt, was er will!». Diese Zusage brach er. Beim G7-Gipfel in Lyon 1996 kochte Paul Bocuse.
Mehr als Geplänkel
Small-Talk-Momente wie 1995 in Halifax oder 2026 in Évian sind an Konferenzen unvermeidbar. Sie haben aber auch eine diplomatische Funktion. «Bei allem Pomp sind die G7-Gipfel Veranstaltungen mit intimen Momenten geblieben», sagt Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent bei SRF.
Zwar sind die Gipfeltreffen im Verlauf der Jahrzehnte gewachsen, aber damals wie heute gilt: «Politics is a people business». Hände schütteln, ein Tratsch an der Kaffeemaschine oder ein informelles Gespräch im Hotelpark: Solche Momente schaffen Vertrauen. Genau das mache das G7-Format beliebt, erklärt Gsteiger.
Einen Hauch dieser Stimmung spürte man auch bei der diesjährigen Ausgabe. Giorgia Meloni war die Zustimmung ihrer Kolleginnen und Kolleginnen jedenfalls gewiss, als sie von ihrer Tabak-Abstinenz erzählte. Trotz etwaiger politischer Differenzen.