Beschwichtigen, vorsichtig kritisieren – oder gleich in die offene Konfrontation? In Europa gehen die Meinungen auseinander, wie man am besten mit dem US-Präsidenten umgeht. Rund um das WEF in Davos lässt sich eine ganze Bandbreite an Strategien beobachten. Vier davon im Überblick.
Ruttes Charmeoffensive
«Mr. President, lieber Donald – was Sie in Syrien heute erreicht haben, ist unglaublich.» Die Textnachricht, die Donald Trump vor dem Abflug nach Davos auf Truth Social veröffentlichte, liest sich wie eine plumpe Charmeoffensive. Um nicht zu sagen: Schleimoffensive.
Mark Rutte, Nato-Generalsekretär und mutmasslicher Autor der SMS, hat seine Urheberschaft weder bestätigt noch dementiert. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass Trump eine private Nachricht von ihm leakt. Gleiches passierte ihm nach dem Nato-Gipfel im vergangenen Juni. Der Tonfall der Nachricht war damals ähnlich.
Nun, vor Donald Trumps Auftritt am WEF, profilierte sich Rutte einmal mehr – als «Meister der Unterwerfung, des Anbiederns und der Schmeicheleien». So drückt es Fredy Gsteiger aus, SRF-Korrespondent für internationale Diplomatie. Rutte hat für diese Strategie durchaus seine Gründe. Zum Ausstieg der USA aus der Nato kam es bisher nicht. Mehr als punktuelle Erfolge könne jedoch auch Rutte nicht verzeichnen, so Gsteiger.
Ursula von der Leyens kontrollierte Kritik
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen suchte in Davos eine andere Linie. Sie bezeichnete die US-Amerikaner als «nicht bloss Verbündete, sondern Freunde» – und warnte sie davor, sich gemeinsam in eine «Abwärtsspirale» zu stürzen. Die Antwort der Europäer werde «unerschrocken, geeint und verhältnismässig» sein. Es gelte, ein neues, unabhängiges Europa aufzubauen.
Je abhängiger man von den USA ist, desto schwächer ist die Verhandlungsposition.
Europas Abhängigkeit von den USA – genau wegen dieses Stichworts tun sich die europäischen Staats- und Regierungschefs schwer, Trump offen zu kritisieren. «Je abhängiger man von den USA ist, desto schwächer ist die Verhandlungsposition» sagt Nora Meier, Expertin für Verhandlungsstrategie. Diese Abhängigkeit könne man versuchen zu reduzieren. Von der Leyen erwähnte abgeschlossene und geplante Freihandelsabkommen: mit Südamerika, Indien, den Philippinen oder der Schweiz.
Macron sucht nach Augenhöhe
Von der Leyen brauchte 20 Minuten, um den US-Präsidenten beim Namen zu nennen. Emmanuel Macron erwähnte Donald Trump kein einziges Mal. Und doch äusserte Macron unter den Europäern die deutlichste Kritik, findet Nora Meier.
Auch eine Kurznachricht von Macron landete in den letzten Tagen auf Truth Social. Dort lobte er Trump zunächst für dessen Engagement im Iran und in Syrien. Dann folgte der Satz: «Ich verstehe nicht, was Sie in der Grönland-Frage machen.» Macron schlug deshalb ein G7-Treffen in Paris vor.
Das sei «Kritik eingebetettet in einen konstruktiven Vorschlag», findet Nora Meier. Die Expertin erklärt auch: Macron hat in der EU eine andere Rolle als etwa von der Leyen – und versucht mit dieser Kritik wohl auch, seine Stellung innerhalb der EU zu stärken.
Und die Schweiz? Wartet ab
Die EU-Mitglieder diskutieren, was sie Trump im Grönland-Streit entgegensetzen wollen. Die Schweiz wiederum sieht Nora Meier in einer abwartenden Haltung. Sie möchte in Davos einen Zoll-Vertrag mit den USA abschliessen.
Generell sollte die Schweiz gegenüber den USA nicht auf einen «Sympathiebonus» hoffen, erklärt SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger. Die Schweizer Neutralität sei in den USA noch nie auf Verständnis gestossen – weder bei den Republikanern noch bei den Demokraten.