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«Lifeline»-Kapitän vor Gericht «Menschenleben retten ist kein Verbrechen»

Legende: Audio Claus-Peter Reisch: «Man will einen Vorhang vor dieses Drama ziehen» abspielen. Laufzeit 04:41 Minuten.
04:41 min, aus SRF 4 News aktuell vom 30.07.2018.

Claus-Peter Reisch ist Kapitän des Rettungsschiffs «Lifeline». Vor einem Monat war das Schiff fast eine Woche auf dem Meer blockiert, nachdem es rund 230 Migranten vor der libyschen Küste gerettet hatte. Nun steht Reisch in Malta vor Gericht. Laut Anklage soll er das Schiff ohne ordnungsgemässe Registrierung in maltesische Gewässer gesteuert haben – was er vehement verneint.

Claus-Peter Reisch

Claus-Peter Reisch

Kapitän der «Lifeline»

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Der Deutsche Claus-Peter Reisch muss sich in Malta vor Gericht verantworten. Der Kapitän des Rettungsschiffs «Lifeline» ist gegen Kaution auf freiem Fuss, er darf die Insel aber nicht verlassen.

SRF News: Sie stehen vor Gericht. Was erwarten Sie von der Verhandlung?

Claus-Peter Reisch: Von der Verhandlung erwarte ich einfach einen Freispruch. Wir haben nichts verkehrt gemacht. Wir haben ein gültiges Bootszertifikat eines holländischen Wassersportverbands. Man behauptet zwar, das es ungültig ist. Aber ich kann dem nicht folgen. Dieses Zertifikat ist ein Original. Es ist auch nicht abgelaufen. Es steht auch drin Flag Dutch, also Flagge Holländisch, und der Heimathafen ist Amsterdam. Ich finde das schon sehr spannend, dass man jetzt behauptet, dieses Zertifikat wäre nicht gültig.

Ihnen droht eine Strafe von bis zu 11'600 Euro oder ein Jahr Haft. Was haben die maltesischen Behörden denn gegen Sie in der Hand?

Gegen mich haben sie genaugenommen nichts in der Hand. Man versucht, die NGO-Rettungsschiffe am Auslaufen zu hindern, und dies mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Bei uns ist es jetzt das Zertifikat. Bei Seawatch ist es, dass sie nicht auslaufen dürfen. Und beim Suchflugzeug Moonbird, das auch auf Malta steht und überwiegend von der evangelischen Kirche finanziert wird, ist es so, dass sie keine Starterlaubnis bekommen. Ein weiteres Suchflugzeug, das auf Lampedusa steht, bekommt keinen Treibstoff.

Man will verhindern, dass die untergehenden Schlauchboote auf dem Meer gefunden werden.

Was will man? Man will verhindern, dass Menschen gerettet werden. Und man will verhindern, dass die untergehenden Schlauchboote auf dem Meer gefunden werden und so dokumentiert wird, dass trotzdem immer noch Leute unterwegs sind, rausgeschickt werden von den Schleppern. Man will einen Vorhang vor dieses Drama ziehen, damit es niemand mehr sehen kann.

Kritiker sagen, dass immer noch mehr Flüchtlinge kommen, wenn Sie und andere NGOs den Flüchtlingen helfen. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Man muss etwas ganz deutlich festhalten: Die NGO retten 40 Prozent der Menschen. Und die anderen 60 Prozent werden von der Handelsschifffahrt und vom Militär gerettet. Da man aber auf Militärschiffen und Handelsschifffahrt schlecht herumhacken kann, nimmt man jetzt einfach die relativ wehrlosen NGO dafür her. Das ist ein Politikum. Die Leute, die das behaupten, haben von dem, was auf dem Meer passiert, keine Ahnung. Und es gibt auch für diese Aussagen nicht einen einzigen Beweis.

Aber dass dies Schlepper vielleicht dazu animiert, noch mehr Flüchtlinge loszuschicken, weil sie wissen, dass sie gerettet werden, und weil sie wissen, dass NGOs vor der libyschen Küste sind, das bestreiten Sie nicht?

Doch, das bestreite ich auch. Wenn da irgend etwas dran wäre, dann würde gerade jetzt, da keine NGO-Schiffe unterwegs sind, auch keine Flüchtlingsboote mehr unterwegs sein. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Für die Schlepper ist dieses Geschäft doch gemacht, wenn sie ein Boot aufs Wasser geschoben haben.

Es gab seit dem 1. Juni über 700 Tote auf dem Mittelmeer. Aber das sind nur die dokumentierten. Wir finden ja fast jeden zweiten Tag ein Schlauchboot oder ein Holzboot, das gekentert ist oder einfach nur leer ist. Die Menschen sind weg. Wo sind sie? Das ist für mich der Beweis dafür, dass die libyschen Milizen, die daran sicherlich gutes Geld verdienen, die Menschen auch rausschicken, wenn keine Flüchtlingsrettungsschiffe unterwegs sind. Für die ist dieses Geschäft doch gemacht, wenn sie ein Boot aufs Wasser geschoben haben.

Man will einen Vorhang vor dieses Drama ziehen.

Danach interessiert es sie nicht mehr. Diese Menschen sind dann entsorgt und das wars. Das juckt die nicht, ob die Menschen das überleben oder nicht.

Viele warten nun auf das Urteil aus Malta. Was bedeutet der Ausgang dieses Prozesses für Ihre Arbeit?

Wir werden sehen, dass wir unser Schiff freibekommen. Dann werden wir natürlich wieder zur See fahren. Auch wenn das so manchem Politiker vielleicht nicht gefällt. Aber wir wollen weiter Menschenleben retten, und Menschenleben zu retten ist kein Verbrechen. Ganz im Gegenteil. Es ist es eine Pflicht. Wer das nicht glaubt, kann auch gerne in den einzelnen Seerechtsgesetzen zu diesem Thema nachlesen.

Das heisst, Sie wollen weitermachen mit Ihrer Arbeit?

Ja. Selbstverständlich.

Das Gespräch führte Noëmi Ackermann.

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119 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Schmidlin (Queren Life)
    An alle, die das Gefühl haben, Frauen und Kinder zu ertrinken lassen habe irgendeinen Einfluss darauf, wieviele Menschen die Ueberfahrt riskieren: 2016 sind über 5000 Menschen ertrunken, 2017 über 3000 und dieses Jahr schon mehr als 1500. Dank den Lebensrettern sind die Opferzahlen tatsächlich zurückgegangen, allerdings sind auch die Flüchtlingszahlen seither massiv gesunken anstatt zu steigen. Also hört doch bitte auf, den sinnlosen Tod von Menschen als "Lösung" zu verkaufen!!
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    1. Antwort von Fabienne Uhlmann (Cueni)
      Wenn Sie sich die Mühe nehmen, Herr Schmidlin, die Kommentare Andersdenkenden genau zu lesen und objektiv zu interpretieren, sollten Sie erkennen, dass niemand den sinnlosen Tod als "Lösung" verkaufen will. Ihre Unterstellung ist deshalb ungeheuerlich!
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  • Kommentar von kurt trionfini (kt)
    Ich lese kaum Kommentare mit Zwischentönen. Kommt mir vor wie die Ausandersetzungen um das ehemalige Drogenelend auf dem Platzspitz in Zürich. Die einen setzten auf "Einsperren" und die andern auf "Aufpäppeln". Den Platzspitz gibt es schon lange nicht mehr. Dafür eine pragmatische und erfolgreiche Drogenpolitik in der neben Repression auch Platz ist für Prävention. Und es funktioniert.
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Ein Vergleich da anzustellen ist müssig. Es lässt sich gar nicht vergleichen. Diese Migrationswanderungen verschwinden nicht einfach wie der Platzspitz.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Das Elend des Platzspitz ist schon verschwunden, aber die Süchtigen nicht. In dem Sinn ist das durchaus vergleichbar.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Retten ist nicht strafbar, aber diese Bootsleute auf europ.Boden zu bringen schon, denn mit jedem Aufgenommenen rechnen sich andere Chancen aus. Dh Retter u.alle daran Beteiligten machen sich so schuldig an Tod+Leid 100'000er Menschen, an ihrer vorprogrammierten Chancenlosigkeit, an der Gefährdung des Gesellschaftsfriedens Europas, aber auch an einer beispiellosen+fruchtlosen Geldverschwendung, das Vorort für Hinterbliebene oder echte+geplagte Flüchtlinge in Lagern 1000x besser investiert wäre.
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    1. Antwort von Daniel Schmidlin (Queren Life)
      Die Retter sind Helden! Mitschuldig am Tod und Leid sind die, die dieses Verursachen. Wer Menschenleben rettet ist immer im Recht!
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    2. Antwort von Thomas Meier (Der.Verdacht)
      Das ist ja dann aber mal absolut richtig Frau Beppie Hermann."aber diese Bootsleute auf europ.Boden zu bringen schon, denn mit jedem Aufgenommenen rechnen sich andere Chancen aus." Das ist so. Wehe wenn sie am Flughafen an der Grenzkontrollen vorbei ins Land wollen. Da stürzen aber mal 198 Grenzwächter, 63 Polizisten, 14 Hunde auf Sie. Verry good Ihre Ausführungen.
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