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Lockerungen in Saudi-Arabien «Ein riskantes Spiel für Kronprinz Mohammed»

Legende: Audio Gudrun Harrer: «Der Kronprinz muss sein Land als modern präsentieren» abspielen. Laufzeit 05:26 Minuten.
05:26 min, aus SRF 4 News aktuell vom 21.03.2018.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman macht Schlagzeilen mit einer Ankündigung: Die Schleier in Saudi-Arabien sollen fallen. Der Kronprinz will den Frauen nicht mehr vorschreiben, Kopf und Gesicht verhüllen zu müssen.

Es sei kein Zufall, dass die Ankündigung bin Salmans kurz vor seinem Besuch in den USA kam, sagt Gudrun Harrer. Sie ist Journalistin in Wien und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Politik Saudi-Arabiens.

Gudrun Harrer

Gudrun Harrer
Legende:srf/zvg

Harrer ist Journalistin beim österreichischen «Standard» und auf die Politik im Nahen Osten spezialisiert.

SRF News: Welche Strategie vermuten Sie hinter der Ankündigung von Kronprinz Salman?

Gudrun Harrer: Prinz Mohammed bin Salman hat eine Vision für Saudi-Arabien 2030: Die Wirtschaft des Landes soll bis dann diversifiziert werden – weg vom reinen Erdölförderstaat. Für diesen Plan braucht er die USA. Deshalb muss er sein Land dort als modernes, offenes Land präsentieren. Beim Treffen mit US-Präsident Donald Trump diskutierte Prinz Mohammed denn auch ausschliesslich wirtschaftliche Themen.

Falls der wirtschaftliche Erfolg ausbleibt, wird Mohammed bin Salman die Rechnung früher oder später präsentiert bekommen.

Seit Jahrzehnten gelten für Frauen in Saudi-Arabien strenge Regeln, seit einigen Monaten werden sie Schritt für Schritt gelockert. Weshalb legt der Kronprinz ein solches Tempo vor?

Tatsächlich geht das manchen Kreisen in Saudi-Arabien zu rasant. Andererseits ist das Ganze auch als längere Entwicklung zu sehen. So versteht die saudische Oberschicht schon seit längerem nicht mehr, was die ganzen Einschränkungen sollen. Diese Saudis reisen viel ins Ausland und bewegen sich in zwei Welten, in denen die gesellschaftliche Stellung der Frauen unterschiedlicher nicht sein könnte.

Die saudische Oberschicht versteht schon seit längerem nicht mehr, was die ganzen Einschränkungen sollen.

Seit Jahren tritt zum Beispiel immer wieder ein Mufti im saudischen Fernsehen auf, der den Frauen das Schminken zugesteht und sein Unverständnis für den vorgeschriebenen Schleier ausdrückt. Der Kronprinz zieht die Veränderungen jetzt Schlag auf Schlag durch, und es scheint, dass er tatsächlich eine Modernisierung Saudi-Arabiens will. Das ist für ihn aber auch riskant.

Symbolbild: Frau ohne Schleier mit Handy in der Wüste, dahinter Frau mit Schleier.
Legende: Die Vorschriften für Frauen in Saudi-Arabien werden gelockert. Das ist für den Kronprinzen nicht ohne Risiko. Reuters

Regt sich im Land auch Widerstand gegen das Vorgehen des Kronprinzen?

Es gibt sicher Widerstand, vor allem bei den religiös-wahhabitischen Würdenträgern. Allerdings äussern sie sich derzeit nicht öffentlich dazu. Sie sind in einer Art Schockstarre. Als der erwähnte Mufti seine Äusserungen für eine Lockerung der Vorschriften für Frauen am TV machte, war er zwar vom Grossmufti scharf kritisiert worden. Derzeit hört man allerdings keine Kritik am Vorgehen von Kronprinz Mohammed – doch das heisst nicht, dass die geistlichen Führer damit einverstanden sind.

Bin Salman zu Besuch in den USA

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Bin Salman zu Besuch in den USA

US-Präsident Donald Trump nannte Mohammed bin Salman bei dessen Besuch in Washington «einen guten Freund». Trump zeigte vor den Medien im Oval Office Grafiken, die die Verkäufe amerikanischer Rüstungsgüter nach Saudi-Arabien darastellten und verwies auf die Anzahl von Jobs, die dadurch in den USA gesichert würden. Einig sind sich Trump und der Kronprinz in ihrem Bemühen, Iran in der Golfregion in die Schranken zu verweisen. Trump macht keinen Hehl daraus, dass er das Abkommen am liebsten sofort aufkündigen würde, Saudi-Arabien bezeichnete den Vertrag als «fehlerhaft».

Wie steht die Bevölkerung zu der Entwicklung? Werden die Frauen in Saudi-Arabien tatsächlich schon bald keine Abaya (Ganzkörperrobe) mehr tragen müssen?

Die Frauen werden ihre Abaya nun nicht gleich entsorgen. Der gesellschaftliche Druck diese zu tragen wird weiter fortbestehen, vor allem in den ländlichen, weniger urbanen Schichten und Gebieten. Sichtbar werden die Veränderungen vor allem an den Arbeitsplätzen werden. Diesen Bereich hat der Kronprinz mit seinen verordneten Änderungen vor allem im Visier. Wenn also ein US-Geschäftsmann eine Firma in Saudi-Arabien besucht, soll es dort genau gleich aussehen, wie bei ihm in den USA.

Am ehesten werden die Veränderungen am Arbeitsplatz sichtbar werden.

Doch man darf den Einfluss der konservativen wahhabitischen Kreise nicht vergessen. Dieser wird trotz der Ankündigungen des Königshauses vorerst weiter fortbestehen. Dem Kronprinz wird die gesellschaftliche Liberalisierung denn auch nur gelingen, wenn er wirtschaftlich erfolgreich ist. Falls dieser Erfolg ausbleibt, wird Mohammed bin Salman die Rechnung früher oder später präsentiert bekommen.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Eine gute Entscheidung für die Frauen. Hoffentlich wird diese Ankündigung auch in Tat umgesetzt. Da kann man dem jungen Herrscher nur gratulieren. Ich glaube aber, dass die alte Garde nicht Kampflos ihre Macht abgibt.
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  • Kommentar von Rene Bernasconi (Heimwehwalliser)
    Fallen in muslimischen Länder die Schleier , lösen sich auch einige Probleme in christlichen Ländern
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  • Kommentar von Markus Gasser (Markus Gasser)
    Jawohl Herr Graf: Klimaschutz dient der Befreiung, der Selbstbestimmung, der Bildung der Frau (und auch des Mannes). D.h. Verzicht auf Oel erhöht den finanziellen Druck auf die "Opelstaaten" und zwingt zu intelligenter Industrie. Intelligente Industrie braucht gebildete Menschen (Frauen und Männer) und Gebildete hinterfragen auch die gesellschaftlichen Bedingungen, und führt längerfristig zur Entmachtung derjenigen die glauben zu wissen was Gott vom Volk will.
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