Zum Inhalt springen
Inhalt

Machtwort im Jemen-Krieg «Die USA wollen die Saudis als Verbündete retten»

Legende: Audio «USA wollen Beziehung zu Saudi-Arabien retten» abspielen. Laufzeit 04:23 Minuten.
04:23 min, aus Rendez-vous vom 31.10.2018.

Der Bürgerkrieg im Jemen dauert bereits vier Jahre. Die humanitäre Lage ist katastrophal. Bis zu 14 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht. Jetzt fordern die USA die Konfliktparteien zum Waffenstillstand auf und stellen den Kriegsparteien – Saudi-Arabien und die Huthi-Rebellen – ein Ultimatum. Guido Steinberg ist Experte für den Mittleren Osten. Für ihn ist klar: Die Trump-Administration will die in Verruf geratenen Saudis als Verbündete retten.

Guido Steinberg

Guido Steinberg

Islamwissenschaftler an der SWP Berlin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Steinberg ist Sicherheitsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Link öffnet in einem neuen Fenster in Berlin. Bis 2005 arbeitete er als Terrorismusreferent für die deutsche Regierung. Jetzt forscht er zur Politik des Nahen Ostens und zum islamistischen Terrorismus.

SRF News: Warum fordern die USA ausgerechnet jetzt einen Waffenstillstand?

Guido Steinberg: Diese Forderung der US-Regierung hat meines Erachtens sehr viel mit der Ermordung des oppositionellen saudischen Journalisten Khashoggi zu tun. Die US-Regierung möchte, wie es scheint, ihre Beziehungen zu Saudi-Arabien retten und versucht zu diesem Zweck, Zugeständnisse von Riad zu erzwingen.

Wie rettet man eine Beziehung, wenn man die eine Partei quasi ans Gängelband nimmt?

Die Saudis sind bereits am Gängelband, denn sie sind stark von den USA abhängig. Es geht für die US-Administration vor allem darum, Druck aus dem Kongress abzuwehren. Dort forderten beide Parteien – die Demokraten und die Republikaner – nach dem Fall Khashoggi Sanktionen. Die US-Regierung hat nur einige schwache Sanktionen gegen das Mordkommando verhängt. Das wird aber nicht reichen.

Trump mit König Abdullah
Legende: Die Saudis sind der traditionelle Verbündete der USA im Nahen und Mittleren Osten: Unter der Trump-Administration wurden die gegenseitigen Abhängigkeiten noch grösser. Reuters/Archiv

Das Kalkül der Trump-Administration ist jetzt, diesen Waffenstillstand zu fordern. Die Saudis werden dieser Forderung möglicherweise nachgeben. Dann kann die US-Regierung dem Kongress sagen, dass sie eine Verhaltensänderung der Saudis bei einem wichtigen Thema erwirkt hat und man sich damit zufrieden geben soll.

Ist diese Forderung denn mehr als ein Fingerzeig an die Adresse der Saudis?

Mit Sicherheit. Saudi-Arabien ist massiv abhängig von militärischer Unterstützung durch die Amerikaner: Sie betanken die saudischen Kampfflugzeuge in der Luft, sie liefern Waffen und Munition, sie sind für die Instandhaltung von militärischem Gerät verantwortlich. Deswegen müssen die Saudis auf solche Forderungen hören. Ich denke, dass wir in den nächsten Tagen einige Bewegung sehen werden. Die Saudis und die verbündeten Emirate werden auf die Forderungen der USA eingehen müssen – in welcher Form auch immer.

Waffenimporte Saudi Arabiens 2017

Umgekehrt sind aber auch die Amerikaner extrem abhängig von den Saudis in ihrer Nahost-Politik, konkret beim Kampf gegen den Iran.

Die USA haben sich abhängig gemacht. Saudi-Arabien ist der viel schwächere Partner und stark von der Sicherheitsgarantie der Amerikaner abhängig. Aber: Die Trump-Administration hat sich entschieden, eine anti-iranische Strategie zu fahren. Die Amerikaner haben schon früh klargemacht, dass sie für diese anti-iranische Politik auf Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate, vor allem aber auf Saudi-Arabien und dessen Kronprinzen Mohammed bin Salman setzen.

Die Saudis sind unter amerikanischem Druck. Sie werden sich dem nicht so einfach entziehen können.

Deswegen versuchen die Amerikaner im Moment auch, diese Beziehung zu retten. Sie fordern von den Saudis Zugeständnisse, damit sie gegenüber dem Kongress klarmachen können: Die Saudis haben Fehler eingestanden und reagieren auf unsere Forderungen. All das dient dem Ziel, die Saudis auf Linie gegen Iran zu halten.

Für einen Waffenstillstand braucht es immer zwei. Haben die Huthis überhaupt ein Interesse daran?

Ich denke schon. Sie haben mit einem grossen militärischen Problem zu kämpfen. Die Koalition, die von den Saudis angeführt wird, belagert im Moment die Hafenstadt Hudaydah. Die Stadt ist ungeheuer wichtig für die Versorgung der Gebiete im Nordjemen, die unter Kontrolle der Huthis stehen. Es kann also durchaus sein, dass sie positiv auf die Waffenstillstands-Forderung reagieren werden. Aus meiner Sicht wären sie auch gut beraten, diesen diplomatischen Vorteil zu nutzen. Die Saudis sind unter amerikanischem Druck. Sie werden sich dem nicht so einfach entziehen können. Also wäre es gut, wenn die Huthis verhandeln.

Das Gespräch führte Simon Leu.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

16 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Luzius Brotbeck (LuziBrot)
    Der vergessene Krieg im Jemen forderte nicht "nur" 10'000 Tote wie hier oft behauptet wird, sondern mindestens 56'829 Tote und zwar ohne die Opfer des totalen Embargos der Saudis (Stichwort Hungertod, Mangelernährung & Krankheiten). Saudi-Arabien, VAE & deren Partner USA, GB, F profitieren bislang davon, dass dieser Krieg & dessen Opfer, sehr viel weniger Aufmerksamkeit erhielt als z.B. Kriegsopfer in Syrien. https://www.heise.de/tp/features/Mindestens-56-000-Tote-im-Jemen-Krieg-4208252.html
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Florian Kleffel (Hell Flodo)
    Die Waffen- und Öldeals sind nur ein Teil der Geschichte... Saudi-Arabien ist seit den 70ern eine der Hauptstützen des Dollars als Währung der Weltwirtschaft (Stichworte: Aufhebung der Goldbindung und des festen Wechselkurses; Petro-Dollar). Zudem halten die Saudis US-Staatsanleihen in Billionenhöhe. Teil des damaligen Deals mit dem Ziel, den Dollar als Weltwährung zu verankern, war auch, dass die USA das saudische Königshaus vor Feinden schützen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Luzius Brotbeck (LuziBrot)
      USA & Saudis = BFF! Ergänzung inter 9/11 steckte saudisches Netzwerk mit Verbindungen bis ins saudische Königshaus (13 v. 16 Terroristen waren Saudis). USA decken jedoch Hintermänner von 9/11 und sabotieren fundierte Aufklärungen. Kashoggi war enger Vertrauter von Prinz Turki ibn Faisal, Ex-Chef des saudischen Geheimdienstes, der 10 Tage vor 9/11 zurück trat. Womöglich befürchtete Bin Salman, dass, Khashoggi Infos über saudische Hintermänner zu 9/11 preisgeben würde (vgl. Infosperber).
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Fürer (Hans F.)
    Hoffentlich vergisst Trump darob nicht, eine vollständige, unabhängige Aufklärung des Kashoggi-Mordes und die Auslieferung der Leiche zu verlangen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Franz Rüttimann (Seneca)
      Natürlich wird er das vergessen! Eine Aufklärung des Mordes würde bedeuten, dass die USA spürbare Sanktionen gegen Saudi Arabien verhängen müssten. Aber daran sind sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht interessiert. Die Geschichte wird irgendwann im Sande verlaufen - eine Schande zwar, doch die Begriffe "Moral" und "Anstand" sind im Vokabular der US-Regierung längt zu Fremdwörtern geworden!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Luzius Brotbeck (LuziBrot)
      Die Saudis müssen keine wirklichen Sanktionen fürchten, selbst wenn der Fall wirklich jemals (unabhängig) aufgeklärt ist - ganz im Gegensatz zu den Russen, die Im Skripal-Fall umgehend und zwar massiv sanktioniert wurden. Bevor die Untersuchungen begonnen hatten, ohne irgendwelche Beweise und obwohl Skripals im Gegensatz zu Kashoggi überlebten, wurden quasi über Nacht 200 Diplomaten aus (ausschliesslich) NATO-Länder ausgewiesen. P.S. westliche Doppelmoral lässt Grüssen
      Ablehnen den Kommentar ablehnen