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Marathon-Weltrekord geknackt Viktor Röthlin: «Vor 20 Jahren war das noch undenkbar»

Der 29-jährige Kenianer Sabastian Sawe knackt in London den Marathon-Weltrekord und gewinnt das prestigeträchtige Rennen in 1:59:30 Stunden. Damit bleibt er als erster Mensch in einem offiziellen Wettkampf unter der magischen Zwei-Stunden-Marke. Der ehemalige Schweizer Marathon-Europameister Viktor Röthlin ordnet diese ausserordentliche Leistung ein.

Viktor Röthlin

Marathon-Europameister 2010

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Viktor Röthlin ist ein ehemaliger Schweizer Spitzen-Langstreckenläufer. Im Marathonlauf wurde er 2010 Europameister und holte bei den Europameisterschaften 2006 die Silber- und bei den Weltmeisterschaften 2007 die Bronzemedaille. Nach seiner Karriere als Spitzensportler arbeitet der gelernte Physiotherapeut unter anderem für SRF als Leichtathletik-Experte.

SRF News: Wie bewerten Sie den Rekord von Sabastian Sawe?

Viktor Röthlin: Das ist ein Meilenstein in der Leichtathletik-Geschichte. Das war wirklich eine Schallmauer, die nun bei einen normalen Rennen durchbrochen wurde. Eliud Kipchoge schaffte das schon einmal in Wien, aber unter Laborbedingungen, also dem Reglement nicht entsprechendem Einsetzen und Auswechseln von Pacemakern. Kipchoge zeigte aber damals, dass es für einen Menschen möglich ist, so schnell zu laufen. Dass es nun bei einem normalen Marathon passiert ist, ist wirklich ein Quantensprung.

Warum galten diese zwei Stunden als Schallmauer?

Über die Jahre kam der Marathon-Weltrekord diesen zwei Stunden immer näher. Noch vor 20 Jahren war es undenkbar, dass eine Eins als erste Zahl erscheinen wird. Und dann lief Kelvin Kiptum beim Chicago-Marathon 2:00:35. Da hatte man bereits das Gefühl, dass es möglich ist.

Der ganz grosse Quantensprung ist aber die Schuhtechnologie.

Was hat sich im Marathon so grundlegend verändert, dass solche Zeiten möglich sind?

Da hat eine riesige Entwicklung in der Trainingslehre gegeben, vor allem in der Ernährungslehre, was beispielsweise die Kohlenhydratzufuhr betrifft. Zu meiner Zeit haben wir von einer Kohlenhydrataufnahme von 70 bis 90 Gramm pro Stunde gesprochen. Heutige Topathleten erreichen über 100 Gramm pro Stunde. Sie nehmen richtig süsse Getränke ein und vertragen diese auch. Der ganz grosse Quantensprung ist aber die Schuhtechnologie. 2016 wurden Carbonplattenschuhe neu lanciert. Diese entwickelten sich in den letzten zwei bis drei Jahren nochmals richtig gut weiter. Der Schuh von Sabastian Sawe zum Beispiel hat nicht mehr nur eine Platte, sondern fünf auf die Mittelfussknochen ausgerichtete Bahnen, die den Abstoss nochmals beschleunigen und optimieren.

Waren die Bedingungen in London perfekt?

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Auch die Strecke spielt bei der Schnelligkeit eines Rennens eine Rolle. Der jetzige Weltrekord wurde in London aufgestellt. Waren die Bedingungen optimal?

Viktor Röthlin: Das stimmt mich pessimistisch. Ich habe den Marathon natürlich im Fernsehen mitverfolgt und es war doch recht windig. Die Temperaturen waren nicht hoch, aber sie waren sicher an der oberen Grenze – okay, aber nicht top. Die Strecke in London ist sicherlich schnell, aber es ist nicht die schnellste Strecke der Welt.

Könnte der neue Weltrekord also bald wieder gebrochen werden?

London hatte die absoluten Topcracks am Start. Sie hatten sich gegenseitig gepusht. Der Valencia-Marathon hat eine deutlich schnellere Strecke. Die Organisatoren haben aber ein viel tieferes Budget, können vielleicht einen grossen Namen verpflichten – in London waren es zehn. London ist bekannt dafür, die grössten und höchsten Antrittsgagen zu bezahlen. Darum hat London den Vorteil, wenn es darum geht, die ganz schnellen Zeiten zu laufen. Das sah man auch beim Frauenmarathon. Auch dort gab es einen neuen Weltrekord in einem reinen Frauenrennen ohne männliche Pacemaker.

«Es braucht Chancengleichheit»

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Die Ausrüster tüfteln weiter, um noch mehr aus den Schuhen herauszuholen. Was ist gemäss Reglement denn möglich?

Viktor Röthlin: World Athletics ist etwas langsam unterwegs. Das sah man auch 2016, als plötzlich ein grosser Sportartikelgigant diese Technologie neu lancierte. Da fielen die Rekorde. Aufgrund dieses Schuhs wurde plötzlich ein neues Reglement geschaffen – doch zu spät. Der Schuh von Sebastian Sawe und auch jener des Zweitplatzierten am London-Marathon, Yomif Kejelcha, der wohlverstanden schon seinen ersten Marathon ebenfalls unter zwei Stunden gerannt ist, sind Schuhe aus dem gleichen Haus. Da ist der Weltverband gefordert. Es braucht Chancengleichheit, dass alle Athleten das Gleiche an den Füssen haben könnten. Meistens ist das Reglement zu langsam, weil die neuen Trends erst erkannt werden müssen und erst dann das Reglement angepasst werden kann.

Nun ist die 2-Stunden-Schallmauer Geschichte. Was ist der nächste Meilenstein? Oder kommen Menschen irgendwann an physikalische Grenzen?

Die Grenzen werden wir nie erreichen. Es gibt immer noch Weiterentwicklungen in der Trainingslehre, in der Ernährungslehre, im Höhentraining, im Hitzetraining usw. Wenn man sich den Frauenweltrekord vor Augen führt – 2:09:56 –, musste ich selbst schmunzeln. Ich gewann 2004 in Zürich den Marathon in 2:09:56. Damals titelten die Zeitungen «Viktor Röthlin in der Weltspitze angekommen». Und jetzt steht der Marathonweltrekord der Frauen bei dieser Zeit. Wenn man über die Jahre vergleicht, müssten zwischen dem Männer- und dem Frauenweltrekord 12 bis 13 Minuten liegen. Da besteht also noch Luft, um schneller zu laufen.

Das Gespräch führte Martina Koch.

SRF 4 News, 26.04.2026, 13:30 Uhr ; 

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