In Frankreich geben schon seit Monaten Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in Kindergärten und Schulen im Grossraum Paris zu reden. Jetzt berichten Medien, dass die Polizei 16 Personen festgenommen hat, wegen Taten unterschiedlicher Art und Schwere. Ihnen werden Gewalt, Vergewaltigungen von Minderjährigen und andere sexuelle Übergriffe vorgeworfen. SRF-Korrespondentin Zoe Geissler mit den Hintergründen.
Welche Dimensionen hat der Missbrauchsskandal in Frankreich?
Es handelt sich um eine beispiellose Verhaftungswelle, die die ausserschulische Betreuung in Paris betrifft. Die Erschütterung ist gross. Es wurden sechzehn Betreuer der Vorschule Saint-Dominique im 7. Arrondissement verhaftet. Einige von ihnen waren bereits zuvor suspendiert worden. Aber es sind auch andere Schulen betroffen. Die Pariser Staatsanwältin sagte gegenüber dem Fernsehsender RTL, dass inzwischen Ermittlungen zu Vorfällen in über 100 schulischen Einrichtungen laufen würden und alle Arrondissements von Paris betroffen seien.
Was war bereits über die mutmasslichen Übergriffe bekannt?
Spätestens seit letztem Jahr wusste man, dass es Probleme in der ausserschulischen Betreuung gab. Damals hatten mehrere Familien mutmassliche Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern gemeldet. Eltern schlossen sich in einer Vereinigung unter #MeTooEcole zusammen, um Druck auszuüben. Wirklich bekannt wurde die Affäre im Januar durch die Fernsehsendung «Cash Investigation», in der Journalisten verdeckt in der Vorschule Saint-Dominique gefilmt hatten.
Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie einige Betreuer verbale Gewalt anwenden oder sich unangemessen verhalten. Eine Betreuerin küsste einen kleinen Jungen auf den Mund, andere starrten auf ihre Handys. Nach dieser Sendung wandten sich zahlreiche Eltern an die Polizei. Seit Anfang Jahr wurden über 70 Betreuer suspendiert, mehr als dreissig wegen Verdacht auf sexuelle Gewalt.
Wie reagiert die Politik auf die Missbrauchsfälle?
Eltern und Verbände werfen der Stadt Paris schon länger vor, dass sie die Warnsignale zu spät wahrgenommen habe. Der neue, sozialistische Bürgermeister von Paris, Emmanuel Grégoire, steht unter Druck. Schon während des Wahlkampfs warf ihm seine konservative Konkurrentin Rachida Dati vor, er habe die Missbrauchsfälle unzureichend verfolgt, als er noch für die Stadt Paris arbeitete. Grégoire machte dann seinerseits publik, dass er als Kind Opfer von sexuellen Übergriffen in einer Schule geworden war.
Schon während des Wahlkampfs versprach Grégoire, das Thema zur Priorität zu machen. Kurz nachdem er sein Amt angetreten hatte, kündigte er einen Aktionsplan an, der Nulltoleranz in Bezug auf Gewalt in der ausserschulischen Betreuung versprach. Der Aktionsplan hat einen Umfang von zwanzig Millionen Euro und beinhaltet etwa verstärkte Kontrollmechanismen, einfachere Meldeketten oder Pflichtschulungen für alle Aushilfebetreuerinnen und -betreuer. Denn bei der Personalauswahl und beim Umgang mit Warnmeldungen gibt es grosse Probleme. Das zeigen die Missbrauchsfälle deutlich auf.