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Christoph Heusgen: Lehren ziehen aus Afghanistan
Aus Echo der Zeit vom 01.09.2021.
abspielen. Laufzeit 05:33 Minuten.
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Nach Abzug aus Afghanistan Warum der Westen seine Kräfte falsch einsetzt

Viel zu lange habe der Westen in Afghanistan ausgeharrt – und mache jetzt denselben Fehler in Mali. In beiden Fällen sei das Scheitern abzusehen gewesen, und es sei heute offenkundig. Es ist kein politischer Heisssporn, der das sagt, vielmehr Christoph Heusgen, eine der wichtigsten aussenpolitischen Stimmen in Deutschland.

Christoph Heusgen

Christoph Heusgen

Vorsitzender des Stifterkreises der Münchner Sicherheitskonferenz

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Christoph Heusgen war mehr als ein Jahrzehnt aussen- und sicherheitspolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bis vor wenigen Wochen war er Berlins Botschafter bei der UNO in New York.

Heute ist der 66-Jährige Vorsitzender des Stifterkreises der Münchner Sicherheitskonferenz und doziert als Honorarprofessor an der Universität St. Gallen zur Praxis der Aussenpolitik.

SRF: Herr Heusgen, war das westliche Engagement des Westens von Anfang an ein Fehler?

Christoph Heusgen: Nein. Ich fand unser Engagement in Afghanistan ursprünglich richtig. Es war auch richtig, dass wir beschlossen haben, es nicht nur militärisch zu machen, sondern auch mit humanitärer Hilfe, mit Entwicklungshilfe, mit Wirtschaftshilfe etc.

Doch was lief dann schief?

Wenn wir so etwas machen, müssen wir – als Deutschland, als Schweiz, als Europäische Union – darauf bauen können, dass wir mit den Ländern, mit den Regierungen, mit der Bevölkerung an einem Strang ziehen.

Und das war in Afghanistan nicht der Fall?

Wir haben in Afghanistan erlebt, dass sich die Regierung, die wir unterstützt haben, nicht wirklich um das Gemeinwohl kümmerte. Die Führungsfiguren haben sich in interne Machtkämpfe verstrickt. Sie haben zu wenig zusammengearbeitet. Es herrschte eine enorme Korruption. Und wir haben ja in den letzten Tagen und Wochen erlebt, dass die afghanische Regierung kaum Unterstützung in der Bevölkerung genoss. Wenn das so ist, müssen wir unser Engagement hinterfragen – nicht nur in Afghanistan.

Die Leute wollen Behörden, die funktionieren, eine unabhängige Justiz, staatliche Leistungen. Wir haben es in den vergangenen Jahren versäumt, Druck auf die afghanischen Akteure zu machen, dafür zu sorgen und zusammenzuarbeiten.
Autor: Christoph Heusgen Experte für Aussenpolitik

Bedeutet «hinterfragen» ein Engagement beenden? 

Es geht letztlich darum, dass eine Regierung die Ansprüche und Erwartungen des Volkes erfüllt. Die Leute wollen Behörden, die funktionieren, eine unabhängige Justiz, staatliche Leistungen. Wir haben es in den vergangenen Jahren versäumt, Druck auf die afghanischen Akteure zu machen, dafür zu sorgen und zusammenzuarbeiten. Es braucht klare Bedingungen. Und wenn sie nicht erfüllt werden, dann müsste man in der Tat früher die Konsequenzen ziehen. Dann gehen wir raus und setzen uns anderswo ein.

Und wenden Afghanistan den Rücken zu?

Ja, mit einer Ausnahme. Wir müssen uns auf jeden Fall in der humanitären Hilfe weiter engagieren, in der Hilfe, die einzelnen Menschen das Überleben sichert.

Wir sollten uns umorientieren auf Länder, deren Regierungen sich nach den internationalen Regeln verhalten und sich um gute Regierungsführung bemühen.
Autor: Christoph Heusgen Experte für Aussenpolitik

Bedeutet Ihre Einschätzung, dass sich der Westen künftig weltweit deutlich weniger einsetzen soll?

Nicht weniger, aber anderswo. Wir sollten uns umorientieren auf Länder, deren Regierungen sich nach den internationalen Regeln verhalten und sich um gute Regierungsführung bemühen. Wir sollten Allianzen schmieden mit jenen Ländern, die sich an das Völkerrecht, an die UNO-Charta, an die UNO-Menschenrechtserklärung halten. Das sind universelle Grundlagen. 

Deutschland ist, zusammen mit Frankreich, auch in Mali militärisch stark engagiert. Läuft es dort besser als in Afghanistan?

Auch dort sollten wir darauf pochen, dass die Regierung in Bamako tut, was sie vereinbart hat mit der internationalen Gemeinschaft. Sie hat versprochen, sich um den Norden des Landes, um die Unterentwicklung des Nordens zu kümmern. Aber sie hat bis heute nichts getan. Es finden Militärputschs statt. Die jeweils Regierenden kümmern sich nur um ihre eigene Klientel, ihre eigene Volksgruppe. Es werden, obschon das dringlich wäre, keine Schulen geöffnet. Es passiert nichts, um die Justiz unabhängiger zu machen.

Also ist auch das Engagement in Mali nicht wirklich sinnvoll?

Wir haben – als internationale Staatengemeinschaft, als Europäer, als Länder, die sich dem internationalen Recht verpflichtet fühlen – ein grosses Interesse, uns weltweit zu engagieren. Aber wir sollten es tun mit Regierungen, bei denen wir den festen Eindruck haben, dass sie sich tatsächlich um das Wohlergehen ihrer eigenen Bevölkerung bemühen.

Was wäre denn ein solches Land?

Schauen Sie sich das Nachbarland von Mali an, schauen Sie sich Niger an. Ein Land, das mindestens so arm ist wie Mali. Aber dort richtet man sich nach der Verfassung. Der alte Präsident ist zurückgetreten, ein neuer wurde gewählt. Dort bemüht man sich zumindest, trotz schwieriger Bedingungen, die Situation der Bevölkerung zu verbessern. Das ist ein Partner, mit dem man stärker zusammenarbeiten sollte.

Es wäre ein Signal an Regierungen: Bei guter Regierungsführung gibt es die Unterstützung des Westens.
Autor: Christoph Heusgen Experte für Aussenpolitik

Sie plädieren also nicht für weniger internationales Engagement, jedoch für ein anderes?

Genau. Gehen Sie nach Senegal. Gehen Sie nach Botswana. Oder sehen Sie die Bemühungen des südafrikanischen Präsidenten, sein Land aus der Vetternwirtschaft herauszuholen. In diesen Ländern gibt es Ansätze, wo wir nachstossen und die Regierungen entsprechend unterstützen sollten. Würden wir uns so orientieren, wäre das auch für unser Ansehen sehr viel besser. Und es wäre ein Signal an Regierungen, die dann sähen: Bei guter Regierungsführung gibt es die Unterstützung des Westens.

Das Gespräch führte Fredy Gsteiger.

Echo der Zeit vom 01.09.2021, 18 Uhr;

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Um ehrlich zu sein, hat sich der Westen bezogen auf die humanitäre Entwicklung nur auf die Städte konzentriert und dort eine Kohorte von abhängigen Hilfskräften geschaffen, die nun gefährdet sind, weil ihnen der Geruch der Kollaboration mit dem Gegner anhängt! Anfänglich gab es ja noch die Provincial Reconstruction Teams, an denen sich all die tollen Hilfswerke aber nicht beteiligten, weil sie nicht mit den Militärs zusammenarbeiten wollten. Weil nicht sicher, blieben sie lieber in den Städten!
  • Kommentar von Beat Kessler  (KLERUS)
    Der entscheidende Begriff heisst periphere Sogwirkung. Damit ist gemeint, dass Konflikte an unserer Peripherie automatisch Auswirkungen auf uns haben und diese uns so oder so in den Konflikt hinein ziehen. Warum die Intervention in Afghanistan letztlich gescheitert ist, hat bestimmt viele Gründe. Aber entscheidend war die Dauer. Wer glaubt, man könne ein solch zerrütteten Staat innerhalb von 20 Jahren stabilisieren und sich selbst überlassen, hat einfach nicht alle Tassen im Schrank! MfG
  • Kommentar von Peter Wyss  (peterma)
    Ein weiteres Problem ist das Afghanistan 4 mal mehr Leute hat als 1960 das Land kann diese nicht mehr alleine ernähren. Auswandern wie früher in fast leere Gebiete wie die USA oder Russland ist nicht mehr möglich. Da sind Kriege vorprogrammiert. Da kann man noch so schöne Theorien und pazifistische Ideen entwickeln.
    1. Antwort von Andreas Schori  (malanders)
      @PWyss: genau. Das globale Bevölkerungswachstum ist Problem Nr. 2. Der Klimawandel, Problem Nr. 3, ist eine Folge davon. Aber der Grund, dass sich keine Fortschritte abzeichnen, sind, das ist meine Meinung, Problem Nr. 1, die Religionen. Wenn sich in wirtschaftlich entwickelten Staaten die halbe Bevölkerung am Wissensstand des frühen Mittelalters orientiert, dann braucht man nicht auf Fortschritte zu hoffen.
    2. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Mehr als die Hälfte der unter 5 Jährigen ist unterernährt, das hat natürlich langfristige Folgen für die Betroffenen. Aber auf der int. Bühne wagt kaum ein Politiker das anzusprechen aus Furcht vor Political correctness. Selbst Unicef setzt nur auf Bildung der Mädchen, aber das reicht ja offensichtlich, resp funktioniert nicht.