Eben erst war Tarik Lamloum in Derna. Was der libysche Journalist und Menschenrechtsaktivist dort gesehen hat, stimmt ihn nicht optimistisch: «Tausende Überlebende sind noch immer in Schulen untergebracht.» Diese seien überfüllt mit Frauen, Kindern, Familien. Sie hätten wenig Geld, nicht genug zu essen und zu trinken, und «sie haben Mühe, von den Banken ihre Löhne ausbezahlt zu erhalten».
Hinzu kommt das Trauma, in dieser Stadt, in der jeder und jede irgendwie betroffen ist. Und der Schmerz jener, die in der verheerenden Flut alles verloren haben: Familien, Freunde, Bekannte und alles, was sie besassen.
«Man versucht, irgendwie weiterzuleben», erzählt die Lehrerin Aziza per Sprachnachricht. Doch nicht alle kommen mit der Trauer und dem Schmerz zurecht. Aziza berichtet von Menschen, die Suizid begangen haben. Weil die Verzweiflung grösser war als der Wille zum Weiterleben.
Mehr als eine Million Tonnen Trümmer
Jugendliche aus Derna säubern noch immer die Strassen, bergen Autos und Gepäck aus dem Meer. Und noch immer werden fast täglich menschliche Überreste gefunden.
Die Überschwemmungen in der Nacht vom 10. auf den 11. September hinterliessen mehr als eine Million Tonnen Trümmer und Schutt, schätzt das UNO-Entwicklungsprogramm UNDP. Wie viel der Wiederaufbau der Stadt kosten wird, ist noch unklar. Die Rede ist von umgerechnet rund einer bis drei Milliarden Dollar.
Klar ist hingegen: Die internationale Gemeinschaft wird nur einen kleinen Teil der Mittel für den Wiederaufbau beisteuern. Den grössten Teil muss Libyen selbst auftreiben. Das Erdölland ist reich. Aber auch gespalten, mit zwei rivalisierenden Regierungen, einer im Westen, von der UNO anerkannt, und einer im Osten, im Lager von Khalifa Haftar, dem mächtigen Kriegsherrn. Korruption und Vetternwirtschaft sind allgegenwärtig.
Internationale Überwachung nötig
Die wichtigste Frage laute deshalb, sagt Jalel Harchaoui, Libyen-Experte beim Royal United Services Institut: «Wer wird den Wiederaufbau überwachen?» Es gebe ein Korruptionsrisiko auf beiden Seiten, im Osten wie im Westen. Es werde deshalb wohl nötig sein, «dass nicht-libysche Akteure den Wiederaufbau überwachen», um Transparenz zu gewährleisten: die UNO etwa, die Weltbank oder andere.
Die Wiederaufbaukonferenz vom Mittwoch und Donnerstag bringe in der Hinsicht vielleicht ein paar Hinweise, in welche Richtung es gehe. Tarik Lamloum und Aziza haben wenig Hoffnung. Tarik glaubt nicht, dass Derna wirklich wieder aufgebaut wird. Und Aziza sagt: «Die politischen und militärischen Eliten sehen im Wiederaufbau Dernas einfach ein lukratives Geschäft.»