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Nachruf auf Lionel Jospin Jospins zweischneidiges Vermächtnis lebt weiter

Frankreich verliert einen prägenden linken Politiker. Als Premierminister führte Jospin die 35-Stunden-Woche ein, bei den Präsidentschaftswahlen aber scheiterte er kläglich.

Der frühere sozialistische Premierminister Lionel Jospin ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Lionel Jospin wurde am 12. Juli 1937 im Pariser Umland in eine protestantische Lehrerfamilie geboren. Schon in jungen Jahren engagierte er sich in linken Organisationen. Gefördert wurde Jospin dabei von seinem politischen Ziehvater, dem langjährigen Präsidenten François Mitterrand.

Architekt der «Gauche plurielle»

Jospin half, den französischen Sozialismus neu auszurichten. Als Parteichef und danach als Premierminister (von 1997 bis 2002) prägte er die Linke nachhaltig. Sein Markenzeichen war die «Gauche plurielle», ein Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten und Grünen.

Seine Regierung setzte Reformen wie die 35-Stunden-Woche, die allgemeine Krankenversicherung und den zivilen Solidaritätspakt (Pacs) durch. Der ursprüngliche Wirtschaftsprofessor verkörperte einen Balanceakt zwischen Marktöffnung und sozialstaatlicher Absicherung.

Die 35-Stunden-Woche: Fortschritt und Dauerstreit

Kaum eine Reform ist so eng mit Lionel Jospin verbunden wie die Einführung der 35-Stunden-Woche. Sie wurde 2000 beschlossen – in einer Phase der sogenannten Kohabitation, als Jospin sozialistischer Premierminister unter dem konservativen Präsidenten Jacques Chirac war. Die Reform sollte Arbeit gerechter verteilen, Beschäftigung schaffen und die Lebensqualität verbessern.

Bis heute prägt sie den französischen Arbeitsmarkt und ist Teil des politischen Selbstverständnisses der Linken. Zugleich bleibt sie hoch umstritten: Kritiker sehen in ihr einen Faktor für geringere Wettbewerbsfähigkeit und zusätzliche Belastungen für Unternehmen. Trotzdem: Jeglicher Versuch, an dieser sozialen Errungenschaft zu rütteln, wurde seither durch Massenproteste der französischen Bevölkerung vereitelt.

Der Schock von 2002

Jospins politisches Schicksal entschied sich 2002. Bei der Präsidentschaftswahl schied der Sozialist überraschend im ersten Wahlgang aus – hinter dem rechtsextremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen, der in die Stichwahl einzog. Die Niederlage traf Frankreich wie ein politischer Schock.

Mann in Anzug wird von einer Menge unterstützt, grünes Schild im Hintergrund.
Legende: Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2002 deutete nichts auf die deutliche Niederlage hin. (Bild: 11. April 2002) AP PHOTO/Bob Edme

Die Gründe lagen in einer missglückten Kampagne, der Zersplitterung der Linken und im Aufstieg der extremen Rechten. Lionel Jospin zog daraus eine radikale Konsequenz: Noch am selben Abend kündigte er seinen Rückzug aus der Politik an.

Trotz seines Rückzugs blieb Jospin für viele eine moralische Referenz. Emmanuel Macron würdigt ihn nach seinem Tod als «grossen Staatsdiener, der unsere Geschichte nachhaltig geprägt und Frankreich verändert hat».

Ein Vermächtnis mit Bruchstelle

Jospin war kein charismatischer Volkstribun, sondern ein ernster, oft distanzierter Politiker. Seine Integrität war unbestritten, Skandale blieben ihm fremd. Doch gerade diese Strenge erschwerte ihm bisweilen den Zugang zu den Wählern. Er überzeugte – aber er begeisterte selten.

Lionel Jospin war ein Mann der Konsequenz – bis hin zu seinem abrupten Rückzug. Sein Vermächtnis ist das eines Reformers, dessen Werk fortwirkt, dessen politische Laufbahn jedoch an einem historischen Moment zerbrach.

SRF 4 News, 23.3.2026, 10 Uhr;brus

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