Nabatieh, Südlibanon, 12. Mai 2026: Ein Video zeigt Rettungssanitäter im Schock. Zwei ihrer Kollegen sind soeben bei einem israelischen Angriff getötet worden, als sie einem Verwundeten helfen wollten.
Diese Bilder gehen auch der französisch-libanesischen Journalistin Nada Maucourant Atallah nicht mehr aus dem Kopf. Die Korrespondentin der Zeitung «The National» hat einen der beiden Sanitäter gut gekannt, hatte ihn schon mehrfach interviewt.
Nach seinem Tod hat sie beschlossen, seinen sowie weitere Fälle genauer zu untersuchen: «Wir haben gesehen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt.» Laut Zahlen des libanesischen Gesundheitsministeriums sind seit Anfang März über 130 Mitglieder des Gesundheitswesens bei israelischen Angriffen getötet worden.
Israel begründet Angriffe mit Hisbollah-Aktivitäten
Die israelische Armee erklärte kurz nach dem Vorfall in Nabatieh, Ziel des Angriffs seien Hisbollah-Mitglieder gewesen. Es ist eine Begründung, welche die Armee auch in anderen Fällen anführt. Auf Anfrage von SRF schreibt die israelische Armee, die Hisbollah nutze «systematisch medizinische Einrichtungen und Ausrüstung – insbesondere Ambulanzen –, um terroristische Aktivitäten zu verschleiern».
Zur Untermauerung verweist die Armee auf eigene Videoaufnahmen. Diese sollen etwa zeigen, wie die Hisbollah eine Ambulanz als Waffenlager verwendet habe.
Recherchen vor Ort
Doch Nada Maucourant Atallah will sich nicht mit den Erklärungen der israelischen Armee zufriedengeben. Trotz laufendem Krieg im Südlibanon reiste sie immer wieder vor Ort. Dort recherchierte sie an diversen Orten, an denen Rettungskräfte angegriffen worden waren, und sprach mit Menschen.
Ihre Frage: Gab es dort tatsächlich legitime militärische Ziele? «Wir haben nach terroristischer Infrastruktur gesucht, die solche Angriffe auf die Sanitäter allenfalls rechtfertigen könnte», erzählt sie. «Aber wir haben in keinem einzigen Fall entsprechende Hinweise gefunden.»
Vorwurf der Doppel-Angriffe
Mit diesem Befund steht die Journalistin nicht allein da. Auch «Human Rights Watch» hat mehrere Angriffe untersucht. Die Menschenrechtsorganisation sieht Hinweise auf rechtswidrige Attacken gegen Rettungskräfte, und spricht von sogenannten «Double-Tap»-Angriffen: Erst wird ein Ziel getroffen, dann folgt ein weiterer Luftschlag, sobald die Sanitäter am Einsatzort eingetroffen sind. «Die Rettungssanitäter wurden getötet, sobald sie zu den Angriffsorten ausgerückt sind», sagt Libanon-Experte Ramzi Kaiss von «Human Rights Watch». «Die Ambulanzen oder die Sanitäter wurden dabei direkt angegriffen.»
Im Fall von Nabatieh stellt sich die israelische Armee gegenüber dem kanadischen Sender CBC auf den Standpunkt, man habe erneut angegriffen, weil man den gesuchten Terroristen beim ersten Mal nicht getroffen habe. Der Angriff hätte nur dem Terroristen gegolten, nicht den Rettungsleuten.
Für die Journalistin Nada Maucourant Atallah sind ihre Recherchen mehr als eine Bestandsaufnahme. Sie hofft, dass die von ihr gesammelten Beweise eines Tages von internationalen Gerichten verwendet werden könnten. Denn nach den Genfer Konventionen stehen Rettungskräfte unter besonderem Schutz. Ob es allerdings dereinst zu entsprechenden Verfahren wegen möglicher Kriegsverbrechen kommt, ist offen.