Die israelische Armee ist am Wochenende im Libanon vorgerückt und hat die historische Festung Beaufort unter ihre Kontrolle gebracht – trotz einer Waffenruhe, die seit rund eineinhalb Monaten gilt.
International hat das für besorgte und kritische Reaktionen gesorgt – etwa vom deutschen Aussenminister Johann Wadephul oder von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron. Auslandredaktorin Anna Trechsel befasst sich bei SRF mit dem Nahen Osten. Sie ordnet die Vorkommnisse ein.
Was bedeutet diese Eroberung für Israel?
Es stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, ob diese Bodenoffensive und die Eroberung der Burg für Israel eine strategische Wende bringen können. Die grösste Bedrohung, die von der Hisbollah heute ausgeht, kommt aus der Luft in Form von Glasfaser-Drohnen, die Angriffe bis in 20 oder sogar 50 Kilometern Reichweite fliegen können. Das Errichten einer sogenannten Sicherheitszone, die die Israeli anstreben, ist vor diesem Hintergrund nicht unbedingt zielführend.
Was bedeutet die Eroberung politisch?
Premierminister Benjamin Netanjahu hat sich gestern beinahe schon euphorisch geäussert zur Eroberung der Beaufort-Festung. Er betonte, Israel sei stärker und vereinter denn je zurückgekehrt zur Burg. Und er kündete ausserdem an, die Armee werde die Bodenoffensive noch ausweiten.
Innenpolitisch ist Netanjahu stark unter Druck. Er hat der Bevölkerung schon mehrmals versprochen, die Bedrohung durch die Hisbollah ein für alle Mal zu beseitigen. Besonders die Einwohnerinnen und Einwohner Nordisraels wollen eine Rückkehr zur Normalität, sie leiden seit fast drei Jahren phasenweise unter Dauerbeschuss aus dem Libanon. Doch sie haben wenig Vertrauen in Netanjahus Versprechungen. Im September oder Oktober stehen Neuwahlen an in Israel und Netanjahu hofft, dass er mit dieser Offensive politisch punkten kann.
Wie realistisch ist eine von den USA hergestellte Waffenruhe?
Ich glaube nicht, dass das realistisch ist. Aussenminister Marco Rubio hat am Sonntag mit dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun und dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu telefoniert. Laut amerikanischen Quellen soll gemäss seinem Vorschlag zuerst die Hisbollah alle Angriffe auf den Norden Israels einstellen. Und im Gegenzug würde Israel auf eine «Eskalation in Beirut» verzichten, so schreibt es die Nachrichtenagentur Reuters. Das ist letztlich eine ziemlich direkte Drohung. Wie gesagt gilt ja seit Mitte April theoretisch bereits eine Waffenruhe, nur wurde die zumindest im Süden Libanons gar nie eingehalten.
Es ist offensichtlich, dass die USA den Israeli bis jetzt freie Hand im Süden geben, aber Zurückhaltung bei Angriffen auf die Hauptstadt Beirut fordern. Dieser neue Vorschlag erwähnt also die Möglichkeit, dass Beirut bald wieder stärker angegriffen werden könnte, sollte die Hisbollah den neuen Vorschlag nicht annehmen. Doch für diese dürfte der Vorschlag inakzeptabel sein. Der libanesische Parlamentspräsident Nabih Berri, der der Hisbollah nahesteht, hat die US-Bedingungen denn auch zurückgewiesen und fordert seinerseits: zuerst müssten die Israeli das Feuer einstellen. Die Fronten sind also verhärtet.