Ob sie je wieder einen Mann heiraten möchten? Fei Yuan (42) und Zhu Danyu (33) schütteln ihre Köpfe. Mehrmals. Sie sitzen in ihrer Wohnung im 27. Stock in einem der immer gleichen Wohntürme in der Stadt Nanjing. Beide sind geschieden und führen mit drei Töchtern zusammen einen Haushalt.
«Es hat alle meine Erwartungen übertroffen», sagt Zhu. Sie lacht. Fei lacht ebenfalls. Die beiden Frauen sprühen vor Energie. Sie hätten sich im Leben noch nie so gut gefühlt wie heute. Man glaubt es ihnen sofort. «Sie war immer dann zur Stelle, wenn ich mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte», sagt Fei, mit einem Seitenblick zu Zhu.
Wir sind Genossinnen – wir sind tief verbunden und begegnen den Herausforderungen des Lebens gemeinsam.
Was die beiden Mütter machen, ist in China unüblich. Sie sind «Dazi» – sogenannte «Scheidungskumpel». Statt sich alleine durchzuschlagen, haben sie eine WG gegründet und sprechen auf den sozialen Medien darüber.
Eins und eins ergibt bei Fei und Zhu mehr als zwei
Kennengelernt haben sie sich bei der Arbeit. Feis Tochter kämpfte lange mit Gesundheitsproblemen – Zhu half, wo nötig, und sie wurden Freundinnen. Das chinesische Neujahr vor drei Jahren verbrachten alle zusammen im Spital. An jenem Abend hätten sie sich gefragt: Warum leben wir nicht miteinander? Schon nach einem Monat war klar: Eins und eins ergibt bei ihnen mehr als zwei.
Fei und Zhu wollen ihren Kindern eine gute Zukunft ermöglichen. Das ist ihr oberstes Ziel. Dazu, da sind sich beide einig, sei eine Ehe nicht die beste Lösung. «Wir sind Genossinnen», sagt Zhu. «Wir sind tief verbunden und begegnen den Herausforderungen des Lebens gemeinsam.» Ihr Liebesleben führen sie ausserhalb dieses Arrangements.
«Dazi» – Kumpel ohne den Ballast der Grossfamilie
Fei und Zhu haben zwei Jahre zusammengelebt, als ein Freund sie darauf hinwies, dass das Internet für das, was sie machen, bereits einen Namen hat: «Dazi» (搭子). Das lässt sich auf Deutsch am ehesten mit «Kumpel» übersetzen.
Die Kultur rund um «Dazi» ist ein junges Phänomen in China. Mit einem «Dazi» kann man alles machen: Tee trinken, Fussball schauen oder fine dining. Es sind präzise, funktionale und manchmal auch temporäre Beziehungen – ohne den Ballast der Grossfamilie.
Über das «Verwitwete Elternsein»
Fei und Zhu sind eben «Lihun Dazi» (离婚搭子): «Scheidungskumpel». Eine ungewöhnliche Lösung für ein weitverbreitetes Problem: In China leben laut offiziellen Statistiken mehr als 30 Millionen alleinerziehende Mütter. Lässt sich in China ein Ehepaar scheiden, so übernimmt in über 80 Prozent der Fälle die Mutter die Kindererziehung. Die jüngeren Generationen fordern hier mehr Gerechtigkeit. Sie sind zwar mit traditionellen Rollenbildern aufgewachsen, wollen jetzt aber damit brechen.
Die chinesischen sozialen Medien haben alleinerziehenden Müttern eine Plattform gegeben. Auf Tiktok und Rednote diskutieren sie innovative Ideen, aber auch ihre Mühsal. Sie erzählen vom «Verwitweten Elternsein» (丧偶式育儿): traditionelle Ehen, in welchen die Mütter alle Arbeit machen, der Mann immer ausser Haus ist. Sie fühlen sich, als seien sie Witwen. Ohne das Internet waren sie alleine. Nun organisieren sie sich online.
Erstens erhalten junge Eltern kaum Unterstützung – weder von der Gesellschaft noch vom Staat. Zweitens ändern sich die Vorstellungen von Familie in China gerade rasend schnell.
Auch Fei und Zhu teilen ihren Alltag als «Scheidungskumpel» im Internet. Sie drehen Videos, geben Tipps und beantworten Fragen. Das Interesse ist gross.
Die Soziologin Ji Yingchun studiert die moderne chinesische Familie. Sie sieht zwei Hauptgründe für das Phänomen. Erstens erhalten junge Eltern kaum Unterstützung – weder von der Gesellschaft noch vom Staat. Zweitens ändern sich die Vorstellungen von Familie in China gerade rasend schnell.
Die Ehe in China – ein Auslaufmodell?
Das zeigen auch die Statistiken: Im Jahr 2024 haben in China 20 Prozent weniger Paare geheiratet als noch im Jahr zuvor. Weniger Kinder, weniger Heiraten, mehr Scheidungen: Die Ehe ist heute in China fast schon ein Auslaufmodell.
Ob sie je wieder einen Mann heiraten möchten? Auch Li Huan (34) und Wang Jie (36) schütteln die Köpfe. Mit Sohn und Tochter aus einer früheren Ehe wohnen sie zusammen in der Stadt Hefei. Sie arbeiten im HR und im Online-Marketing und ziehen ihre Kinder gemeinsam auf.
Auch sie sagen: Eins plus eins ist mehr als zwei. «Ich hätte mir nie träumen können, dass mein Leben als alleinerziehende Mutter nach meiner Scheidung so komfortabel sein könnte», sagt Wang.
Mein Mann war nie gewalttätig oder untreu, er war im Alltag, wenn man ihn brauchte, einfach nirgends zu finden.
Es ist Sonntag und die Kinder zeichnen am Stubentisch. In der Wohnung ist nicht viel Platz: eine kleine Küche, ein Wohnzimmer, zwei kleine Schlafzimmer. Es ist eine typische chinesische Mittelstandsfamilie – einfach ohne die Väter. Wang erzählt von früher, von ihrer eigenen «verwitweten» Ehe. Der Begriff widerspiegle ihre Situation exakt.
Heiratsurkunden vereinen Menschen nicht, sondern fesseln sie. Ohne dieses Papier sind wir selbstständiger und freier und können uns genauso gut um unsere Kinder kümmern.
«Mein Mann war nie gewalttätig oder untreu», sagt Wang. «Er war im Alltag, wenn man ihn brauchte, einfach nirgends zu finden.» Sie habe sich innerlich völlig zerstört gefühlt, aber für Aussenstehende habe alles normal ausgesehen, während sie sich dauernd gefragt habe, warum sie eigentlich verheiratet sei, wenn sie doch alles alleine machen müsse?
«Heiratsurkunden vereinen Menschen nicht, sondern fesseln sie», sagt Li. «Ohne dieses Papier sind wir selbstständiger und freier und können uns genauso gut um unsere Kinder kümmern.» Das Problem sei, sagt sie, dass viele Chinesinnen und Chinesen oft aus einer Laune heraus heiraten und gleich Kinder bekommen würden, ohne sich zuerst gut kennenzulernen. Sie spricht aus Erfahrung.
Töchter der Ein-Kind-Politik krempeln Vorstellungen der Ehe um
Im Gegensatz zu ihren Eltern haben die Frauen, die heute in China neue Familienmodelle ausprobieren, auch die Voraussetzungen dafür. Seit 2009 studieren in China mehr Frauen als Männer. Das Land hat auch eine der höchsten Erwerbsquoten von Frauen weltweit. Die Ein-Kind-Politik hat über Jahrzehnte dafür gesorgt, dass Eltern in ihre Töchter investiert hatten. Diese krempeln nun die alten, patriarchalen Vorstellungen der Ehe um.
«Die Frauen entwickeln unweigerlich hohe Erwartungen hinsichtlich der Gleichstellung der Geschlechter», sagt die Soziologin Ji. Sie beobachte, wie viele junge Frauen heute grossen Wert auf finanzielle Unabhängigkeit legen und von Liebe getriebene Menschen eher verachten. «Das ist ein höchst faszinierendes Phänomen unserer Zeit», sagt sie.