Zum Inhalt springen

Header

Audio
Tunesien: Folter ist an der Tagesordnung
Aus Echo der Zeit vom 18.01.2020.
abspielen. Laufzeit 06:09 Minuten.
Inhalt

Neun Jahre nach der Revolution In Tunesien ist Folter an der Tagesordnung

Tunesien feierte diese Woche den neunten Jahrestag der Revolution. Doch statt Jubel gabs Proteste. Oft lernen junge Leute den Staat von seiner negativen Seite kennen, wenn sie Probleme mit der Polizei bekommen.

Tunesische Gefängnisse sind kein angenehmer Ort. Alle Anstalten für Männer seien zu mindestens 150 Prozent überbelegt, kritisiert die nationale Instanz zur Verhinderung von Folter. Zudem gehöre Gewalt neun Jahre nach dem Ende der Diktatur zum Alltag.

Diese Beobachtung macht auch Psychologin Rim Ben Ismail: «Gewalt ist etwas Normales geworden. Sie wird geduldet und gerechtfertigt, weil die Polizei so zu Informationen kommt oder heikle Situationen bewältigen kann. Sie kennt keine andere Methode», sagt die Psychologin.

Opfer sehen Folter als normal an

Noch gefährlicher sei, dass selbst die Opfer ein bestimmtes Mass an Gewalt als normal empfinden. Wenn sie festgenommen, von Polizisten in einen Wagen gesteckt und geschlagen würden, betrachteten sie dies nicht als Folter sondern als normal.

Rim Ben Ismail forscht an der Universität Tunis über Gewalt. Sie sitzt im Büro der Weltorganisation gegen Folter (OMCT) im Stadtzentrum von Tunis, wo sie Opfer psychologisch berät. Darunter sind auch Patienten, die bereits den Gefängnisalltag während der Diktatur erlebt haben und mit den heutigen Verhältnissen vergleichen können.

Druckmittel administrative Kontrollen

«Nach dem Sturz der Diktatur liess die Gewalt für eine bestimmte Zeit nach. Darauf wurde sie wieder stärker, als wenn das Innenministerium die alten Karteien aus dem Schrank hervorgeholt hätte und die gleichen Personen beobachten und unter Druck setzen würde wie früher», so Rim Ben Ismael.

Dies gilt vor allem für die sogenannten administrativen Kontrollen. Damit hatte bereits die Diktatur unter Zine el-Abidine Ben Ali Oppositionelle unter besondere Beobachtung gestellt und unter Druck gesetzt. Zum Beispiel Personen, die bei der Polizei unter Terrorverdacht stehen, weil sie Bart oder traditionelle Kleider tragen oder deren Verwandte in den Dschihad nach Syrien oder Irak gereist sind.

So werden bei der Polizei fichierte Personen behandelt

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die Weltorganisation gegen Folter hat dazu kürzlich einen Bericht, Link öffnet in einem neuen Fenster veröffentlicht – mit Porträts von 20 Personen, die durch administrative Massnahmen in ihrer Freiheit eingeschränkt sind. Sie können zum Beispiel nicht ohne Bewilligung ins Ausland reisen, andere können sich nicht einmal innerhalb von Tunesien frei bewegen.

Wer bei der tunesischen Polizei fichiert ist, weiss dies oft selber nicht, heisst es in dem Bericht. Viele erfahren erst davon, wenn sie während einer Reise von der Polizei aufgehalten und nach der Kontrolle wieder nach Hause zurückgeschickt werden. Wer in der Kartei fichiert ist, muss sich meist regelmässig auf einem Polizeiposten melden.

Zu den administrativen Massnahmen gehört auch, dass sich die Polizei auffällig bei Nachbarn oder Arbeitgebern nach fichierten Personen erkundigt – mit dem offenkundigen Ziel, sie dort anzuschwärzen und in der Gesellschaft zu isolieren. Manche werden auch daheim von der Polizei besucht – oft nachts ohne Anmeldung und in der Regel ohne Beschluss eines Richters.

Ähnliche Methoden habe bereits die Diktatur angewendet, sagt die Psychologin. «Für die Opfer wird es zu einer Art Folter, wenn sie sechs oder sieben Mal in einem Jahr umziehen müssen, weil sie von der Polizei bei den Nachbarn oder dem Vermieter schlecht gemacht wurden und sie ihr Ansehen in der Gesellschaft oder die Arbeit verlieren.» Diese Art von Belästigung durch die Polizei führe zu sehr schwierigen Situationen.

Eine psychologische Folter

Von den Betroffenen würden administrative Massnahmen oft als härtere Strafe empfunden als Gefängnis. Man lebe zwar in den eigenen vier Wänden, sei aber in seinen Freiheiten eingeschränkt und dies oft ohne reguläres Verfahren, heisst es im OMCT-Bericht. Für die Betroffenen sei es psychologische Folter. Die physische Gewalt durch Polizisten und die psychologische Gewalt durch administrative Massnahmen lösten bei den Betroffenen Reaktionen aus, sagt Psychologin Rim Ben Ismael.

In meinen Gesprächen höre ich immer wieder die Aussage: ‹Ich will Polizisten töten.›
Autor: Rim Ben IsmaelPsychologin in Tunis

«In meinen Gesprächen höre ich immer wieder die Aussage: ‹Ich will Polizisten töten.› Diese Menschen haben die Misshandlungen als so erniedrigend erlebt, dass sie sagen: ‹Ich kann unter diesen Umständen nicht mehr leben. Aber ich nehme dabei Polizisten mit in den Tod.›»

Die Forscherin kennt keine der Attentäter, die während der letzten Jahre in Tunis Selbstmordanschläge verübt haben. Aber diese Aussagen mögen erklären, warum manche Anschläge offenbar gezielt gegen Polizisten gerichtet waren.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Wer kann mir ein arabisches Land nennen in dem Demokratie funktioniert? Nach meinem Empfinden hat die gesamte islamische Welt diesbezüglich einen massiven Rückstand. Ich will damit nicht sagen, dass dafür alles bei uns gut ist. Der Kapitalismus hat ebenfalls seine Schattenseiten, aber das Arm/Reich-Gefälle ist in der arabischen Welt noch ausgeprägter.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
    Ist dies nicht in alle arabische Länder so? Und warum wird dies so wenig thematisiert?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christian Strahm  (seegurke)
      Es gab bei einigen Muslimbrüdern eine klare Haltung diesbezüglich. Es gab Personen, welche sich auf die Bekämpfung der Folter konzentrierten. Einer davon sitzt schon seit Jahren im Gefängnis. Die ägyptische Verfassung unter Herrn Mursi wollte jeglichen Angriff auf die Unverletzlichekeit des Körpers als unrechtmässig bezeichnen. Mit diesem Artikel hätte sich auch die Frage nach der Verstümmelung durch alte Scharia-Massnahmen erübrigt. Unter Herrn Sisi hat sich nichts mehr bewegt. So seh ich das.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Mir fällt auch kein arabisches Land ein wo es besser ist; aber in vielen Ländern von Afrika, Südamerika und Asien ist es auch nicht anders.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Maria Kaiser  (Klarsicht)
    Solche verbrecherischen Zustände darf kein Staat mehr dulden. Mich wird man dort nicht finden, denn nur das Fernbleiben der Durristen bewirkt Besserung. Die Botschafter aller Länder dort, haben bei solchen Vorfällen Protestnoten öffentlich zu machen oder gar Druck auf deren Verantwortlichen Politiker zu machen .
    Ablehnen den Kommentar ablehnen

Mehr aus InternationalLandingpage öffnen

Nach links scrollen Nach rechts scrollen