Italien hatte sich viel vorgenommen: Olympische Winterspiele quasi zum Nulltarif dank dezentraler Austragungsorte und bereits bestehender Infrastruktur. Doch in der Realität liess sich das nicht umsetzen.
Neubau trotz Widerstand
Bekanntestes Beispiel ist der Neubau der Bobbahn in Cortina d’Ampezzo, einem der Austragungsorte. Italien beharrte darauf, die Bobrennen im eigenen Land auszutragen, und stampfte in Rekordzeit eine neue Bobbahn für über 120 Millionen Euro aus dem Boden. Trotz des Widerstands des Internationalen Olympischen Komitees, welches eine Lösung mit einer bereits bestehenden Bobbahn in einem anderen Land bevorzugt hätte. Obwohl die neue Bahn betriebsbereit ist, drumherum ist immer noch Baustelle.
Doch nicht nur dort. Cortina gleicht in diesen Tagen einer einzigen grossen Baustelle. Umweltschützer Silverio Lacedelli beobachtet die vielen Neubauten mit Sorge. Besonders kritisch sieht er den Neubau der Gondelbahn Apollonio–Socrepes, die während Olympia Tausende von Zuschauern schnell auf den Berg bringen soll. Die Gondelbahn entsteht in einem erdrutschgefährdeten Gebiet. «Der Erdrutsch ist kein Scherz, sondern eine sehr reale Gefahr», sagt Lacedelli.
Er selbst sei in diesem Gebiet aufgewachsen und kenne es. Nur wenige Meter vom Neubau entfernt sei der Boden durch den Erdrutsch bereits völlig zerstört. Auf der Baustelle wird immer noch gearbeitet, obwohl kaum jemand daran glaubt, dass die Bahn rechtzeitig fertig wird.
Sicherheit geht vor
Gemeindepräsident Gianluca Lorenzi sieht die Situation gelassen und betont: «Ich habe immer gesagt, dass diese Anlage für mich von grundlegender Bedeutung ist, aber vor allem muss sie sicher sein.» Er vertraue den Geologen und Ingenieuren, die sich mit der Situation der Gondelbahn befassten. Auch wenn die Gondelbahn nicht vor Olympia fertig werde, so komme sie längerfristig der ganzen Bevölkerung und dem Tourismus zugute.
Das sieht Sandra Ruatti, Präsidentin des Hotellerieverbandes in Cortina, ähnlich. Die Spiele seien ein Segen, auch die neue Bobbahn: «Die Leute sagen, dass nur wenige Athleten sie nach den Spielen nutzen würden. Aber jetzt, da der italienische Bobsport zu seinem Ursprungsort zurückkehrt, wird es auch wieder mehr Menschen geben, die diesen Sport ausüben werden.»
Spiele für rund sieben Milliarden Euro
Journalist Giuseppe Pietrobelli hat unter dem Titel «Una montagna di soldi – ein Berg aus Geld» ein Buch geschrieben. Darin ist Pietrobelli auch der Frage nachgegangen, was diese Spiele Italien kosten. Von den Spielen zum Nulltarif sei nicht viel übrig geblieben, so Pietrobelli.
Er schätzt die Kosten auf rund sieben Milliarden Euro, wovon etwa fünf Milliarden vom italienischen Staat getragen würden. «Das ist ein Skandal, auch weil es sich nicht nur um Bauvorhaben handelt, die direkt mit den Olympischen Spielen in Verbindung stehen.» Auf der Liste der insgesamt 98 Bauvorhaben stehe beispielsweise auch ein Radweg in der Region Lombardei, der mit den Olympischen Spielen nichts zu tun habe. Diese Bauvorhaben dienten der Politik einzig dazu, sich beliebt zu machen.
Die letzten dieser Bauvorhaben werden erst weit nach den Olympischen Spielen fertiggestellt, nämlich 2033.