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Wenn verschriebene Schmerzmittel abhängig machen
Aus Echo der Zeit vom 13.04.2021.
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Opioidkrise Tod durch Überdosis: Kanadas andere Epidemie

Die Corona-Pandemie hat ein anderes Problem in Kanada massiv verschlimmert: Die Zahl der Todesfälle durch Opioide steigt stark.

Danny starb so, wie die meisten sterben: Allein, zu Hause, wo ihm niemand helfen konnte. «Er hatte keine Chance und ist sehr schnell gestorben», sagt Dannys Mutter Petra Schulz. Das war 2014, Danny war 25 Jahre alt. Eine Überdosis war ihm zum Verhängnis geworden. Petra Schulz vermutete schon, dass die Pandemie das Problem verschlimmern würde: «Als bekannt wurde, dass die Leute sich isolieren sollen, da war mir klar, dass sich das Risiko für Menschen, die Substanzen konsumieren, erhöhen wird».

Tatsächlich sind die Zahlen in die Höhe geschossen. Allein in der am schwersten betroffenen Provinz British Columbia sind im letzten Jahr 1724 Menschen an einer Überdosis illegaler Drogen gestorben. Das sind so viele wie noch nie – und deutlich mehr Tote als das Coronavirus gefordert hat.

Es gibt in Kanada zwar Orte, wo Abhängige unter Aufsicht konsumieren können. Doch diese Konsumräume mussten ihre Kapazitäten in der Pandemie teils reduzieren. Und ohnehin gebe es davon zu wenige, sagt Donald MacPherson, Experte für Drogenpolitik an der «Simon Fraser University».

Auch sei der illegale Drogenmarkt in der Pandemie noch gefährlicher geworden: Traditionell stammen illegale Opioide vor allem aus China. Diese Lieferwege seien unterbrochen und die Süchtigen seien gezwungen, sich ihre Substanzen aus neuen, unbekannten Quellen zu besorgen.
Besonders tödlich ist Fentanyl. Es ist äusserst stark und schwierig zu dosieren. Wer auf dem illegalen Markt Drogen kaufe, wisse häufig gar nicht, dass er das Opioid nehme, erklärt MacPherson. Der Stoff hat die Todeszahlen ab 2016 sprunghaft ansteigen lassen – und die Pandemie hat diese Krise noch einmal deutlich verschärft.

Mann setzt Spritze am Unterarm an
Legende: Drogensüchtige in Kanada müssen wegen der Pandemie auf neue Bezugsquellen zurückgreifen – und wissen oft nicht, was sie genau konsumieren. Reuters

Über 20'000 Menschen sind in ganz Kanada seit 2016 an einer Überdosis gestorben. Viele sind über verschriebene Schmerzmittel in Kontakt mit Opioiden gekommen, die ab Mitte der 90er Jahre freizügig verschrieben wurden. Einmal abhängig, mussten sie sich die Substanzen auf dem illegalen Drogenmarkt beschaffen. Damit habe man die Konsumenten zu Kriminellen gemacht und den illegalen Drogenmarkt mit erschaffen, sagt MacPherson.

Legalisierung als Lösung des Problems?

Es sei diese verfehlte Drogenpolitik, und nicht die eigentliche Droge, die so viele Menschen töte, sagt Petra Schulz. Sie hat nach Dannys Tod das Netzwerk «Moms stop the harm» gegründet, wo sich betroffene Mütter und Familien organisieren.

Während die Politik mit Dringlichkeit auf Covid-19 reagiere, tue sie viel zu wenig gegen die Opioidkrise, sagt Donald MacPherson. Das gelte auch für British Columbia, das in der Drogenpolitik als fortschrittlich gilt und wegen der Opioidkrise gar den Notstand ausrief. MacPherson leitet die «Canadian Drug Policy Coalition», die sich für eine neue Drogenpolitik einsetzt: Man müsse für einen «safe supply» sorgen, die Süchtigen also mit sicheren, legalen Substanzen versorgen. Und: Opioide müssten entkriminalisiert werden. In Kanada, wo 2018 schon Cannabis legalisiert wurde, kämen immer mehr Fachleute und Politiker zu diesem Schluss – darunter auch der Regierungschef von British Columbia.

Gemäss einer Umfrage eines grossen Meinungsforschungsinstituts unterstützt eine Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier diesen Schritt, auch wenn sich Premierminister Justin Trudeau bislang nicht dafür ausgesprochen hat. Derweil geht das Sterben weiter: Im Februar waren es in British Columbia 155 Tote durch Überdosis. Es war der tödlichste Februar seit Beginn der Opioidkrise.

Echo der Zeit, 13.4.2021, 18 Uhr

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Also die Botschaft: die Opiate sind zu frei zugänglich, deswegen gibt es viele Tote und eine Krise. Aber Kokain&Co. sollte doch legalisiert werden, damit die Gesellschaft die Chance hat, die vielen Toten zu reduzieren und die Kriese in Griff zu kriegen. Wahrlich weise Schlussfolgerungen, kann man nur sagen. *Ironie*
  • Kommentar von Uwe Elschner  (Doctor_Green)
    Es ist kein Problem der opioidhaltigen Medikamente, sonder ein zutiefst gesellschaftliches Problem.
    In Portugal ist seit 15 Jahren jedweder Drogengebrauch entkriminalisiert worden, die Zahl der Drogentoten ist um 75 % zurückgegangen, die drogenspezifische Kriminalität um 80 %.
    Das will aber niemand hören. dafür sind Restriktionen und Verbote viel zu lukrativ, funktionieren aber wie wir aus den USA der 30^er Jahre wissen gar nicht und beflügeln die organisierte Kriminalität.
    1. Antwort von Daniel Flückiger  (Daniel Flückiger)
      Ich gebe Ihnen Recht, dass eine gut geplante Entkriminalisierung einige Probleme abschwächen könnte.
      Gleichzeitig aber das Medikamentenproblem kleinzureden, halte ich für falsch. Besonders aus den USA gibt es evidente Belege, wie die Pharma die opiathaltigen Medikamente intensiv beworben und dabei die Ihnen wohlbekannten Abhängigkeits-Risiken verschwiegen oder gar geleugnet hat.
      Erst so wurde das Problem epidemisch. Absolut verwerflich.
  • Kommentar von Urs Ziegler  (Urs Ziegler)
    Ich war lange ein Fan für die totale Legalisierung. Aber die Drogen (Designerdrogen) sind so gefährlich, dass nur eine staatlich kontrollierte Abgabe an Süchtige in Frage kommt. Man muss dort Alternativen für die Designer Drogen anbieten und gratis abgeben. Bei dieser kontrollierten Abgabe können die Gesundheit, die soziale Verwahrlosung und weitere Faktoren durch flankierende Massnahmen abgedämpft werden. Das Ziel ist, selbständig lebende Menschen, die ihre Sucht kontrollieren können.