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Jubiläum in Hongkong «Politisch ist von den Protesten nicht viel geblieben»

Hongkong ist seit 20 Jahren eine Sonderverwaltungszone von China. Ist das für die Einwohner der Stadt ein Grund zu feiern?

Legende: Audio Martin Aldrovandi ist Korrespondent für SRF aus China. Er beobachtet die Entwicklung in Hongkong seit Jahren. abspielen.
5:03 min, aus SRF 4 News aktuell vom 29.06.2017.

SRF News: Was hat sich in den letzten fünf Jahren seit den letzten Feierlichkeiten 2012 in Hongkong verändert?

Martin Aldrovandi: Chinas Einfluss auf Hongkong hat in den letzten Jahren sehr stark zugenommen. Politisch hat sich sehr viel verändert, ich würde sagen, fast mehr als in den 15 Jahren davor. Ein Beispiel dafür ist die Buchhändler-Affäre, über die die Hongkonger besonders erschrocken sind. Mehrere Mitarbeiter eines China-kritischen Verlages waren plötzlich verschwunden und tauchten in China wieder auf, wo sie festgehalten worden waren. Die meisten Leute in Hongkong interessierten sich gar nicht für diese Bücher, aber sie waren trotzdem sehr geschockt. Sie haben auch Angst, von den Chinesen überrannt zu werden, sprachlich und kulturell, zum Beispiel von den vielen Millionen chinesischen Einkaufstouristen.

Sprachlich ist es die Angst, dass Kantonesisch von der Hochsprache Mandarin verdrängt wird. Es gibt die Forderung nach einer direkten Wahl des Regierungschefs oder der Regierungschefin. Dafür gingen vor knapp drei Jahren Zehntausende auf die Strasse.

Was ist von den so genannten Regenschirm-Protesten konkret übriggeblieben?

Politisch ist eigentlich nicht viel. Die zentrale Forderung nach direkten und freien Wahlen wurde bisher nicht erfüllt. Viele, besonders auch junge Hongkonger sind enttäuscht und haben sich von der Politik abgewandt. Es hat aber auch eine Radikalisierung von einzelnen Gruppen stattgefunden.

Einzelne Gruppen haben sich radikalisiert und fordern ein unabhängiges Hongkong. Das ist vollkommen unrealistisch.

Sie wehren sich gegen alles Chinesische und zum Teil ein unabhängiges Hongkong fordern oder die Rückkehr zu Kolonialmacht Grossbritannien. Das ist völlig unrealistisch. Verschiedene Gruppen haben auch schon Demonstrationen angekündigt, vor und während der Jubiläumsfeierlichkeiten. Es gab schon Demonstrationen und Festnahmen. Seit heute ist auch Präsident Xi Jinping in Hongkong zu Besuch.

Gewisse Privilegien hat Hongkong als Sonderverwaltungszone noch?

Genau. Hongkong hat ein Grundgesetz, eine eigene Mini-Verfassung. Das Rechtssystem von Hongkong noch unabhängig von China. Die Stadt hat auch eine eigene Währung, eine eigene Polizei und die Pressfreiheit ist viel grösser als im übrigen China. Das Internet ist in Hongkong nicht blockiert. Auf den Strassen herrscht noch Linksverkehr. Hongkong unterscheidet sich immer noch sehr stark von anderen chinesischen Städten.

Das Gespräch führte Tina Herren.

Martin Aldrovandi

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Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi ist seit 2016 Korrespondent für Radio SRF in Nordostasien mit Sitz in Schanghai. Zuvor hatte er mehrere Jahre lang als freier Journalist aus dem chinesischsprachigen Raum berichtet.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Es gibt also nicht einen Hongkonger, der zufrieden wäre, dass seine Stadt zu China zurückkehrte, nicht eine positive Entwicklung, nichts was die Rückkehr den Leuten genützt hätte. Glauben Sie das wirklich? Wie kann man nur so einseitig berichten, als SRF Journalist. Ich denke Sie seien der Ausgewogenheit verpflichtet? China, der Staat und alles vom Festland tritt hier nur als das “bedrohliche andere“ auf. Mein Eindruck in Hongkong war, dass die Bevölkerung das viel differenzierter sieht.
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  • Kommentar von Edwin Schaltegger (Edwin Schaltegger)
    Die Arena Sendung nimmt immer mehr ein klägliches Niveau an. Findet das Arena Team wirklich keine besseren und repräsentativere Diskussionspartner mehr? Wie wäre es z.B. direktbetroffene Lehrer, Gemeindemitarbeiter vom Sozialamt od. Polizeimitarbeiter einzuladen die realitätsnah über die Integrationsproblematik von gewissen Ausländergruppen berichten könnten anstatt realitätsfremde Historiker und Schriftstellerin. Da würde die Rassismusproblematik in einem andern Licht erscheinen.
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