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Die erfundene Epidemie
Aus Echo der Zeit vom 04.06.2020.
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Polnische Heldengeschichte Als eine Epidemie Leben rettete

Polen, 1942: Ein Arzt gaukelt den Nazi-Besatzern eine Typhus-Epidemie vor – und bewahrte Hunderte vor der Deportation.

«Achtung Fleckfieber» stand 1942 auf Schildern rund um die südostpolnische Kleinstadt Rozwadów. Jedes einzelne dürfte Eugeniusz Łazowski gefreut haben. Er war Arzt in der Kleinstadt, die erfundene Typhus-Epidemie sein Werk.

Nur mein Freund Stasiek und ich wussten, dass es diese Epidemie gar nicht gab und dass wir dabei waren, eine immunologische Schlacht zu gewinnen.
Eugeniusz Łazowski in seiner Autobiografie

Stasiek Matulewicz, ein Studienfreund von Łazowski, hatte entdeckt, dass der Typhus-Test positiv ausfällt, wenn man einem Patienten vorher ein völlig ungefährliches, totes Bakterium spritzt.

Wir konnten eine Typhus-Epidemie inszenieren und die Deutschen davon abhalten, Männer aus der Gegend von Rozwadów zu deportieren.
Eugeniusz Łazowski in seiner Autobiografie

Polen, die Typhus hatten, wurden von den Nazis nämlich nicht zu Zwangsarbeit gezwungen. Und die Deutschen hatten so grosse Angst vor der Krankheit, dass sie sich in Rozwadów und den umliegenden Dörfern kaum noch blicken liessen.

Schild "Fleckfieber. Betreten und Verlassen ist strengstens verboten
Legende: Das Fleckfieber grassierte auch im Warschauer Ghetto, dem grössten Sammellager der Nationalsozialisten. Bundesarchiv, Bild 101I-134-0782-35 / Knobloch, Ludwig / CC-BY-SA 3.0 , Link öffnet in einem neuen Fenster

Das verschaffte der Gegend mitten im Krieg eine Zeit der Ruhe. Aber je länger die Epidemie ohne Tote dauerte, desto skeptischer wurden die Nazis. 1944 erfuhr Łazowski – der verbotenerweise auch Juden aus dem benachbarten Ghetto behandelte – dass er auf einer schwarzen Liste der Gestapo stand. Der Arzt floh, versteckte sich bis zum Ende des Kriegs und ging später in die USA.

Die ausgeschmückte Heldengeschichte

Wie viele Menschen Łazowski gerettet hat, weiss niemand. Vielleicht ein paar hundert, vielleicht ein paar tausend. Auf jeden Fall eine Heldengeschichte. Und eine Mediengeschichte. Um Łazowskis Geschichte zu einer Titelgeschichte zu machen, müssten die Geretteten jüdisch sein; und es brauche eine hohe runde Zahl, fand ein US-amerikanischer Journalist. Aus dem Arzt von Rozwadów machte der Autor in seinem Zeitungsartikel im Jahr 2000 einen Helden der Shoa, einen polnischen Oskar Schindler, einen, der 8000 Juden gerettet habe.

Eine glatte Lüge sagt die polnisch-französische Journalistin Barbara Necek – sie hat über ihre Recherche zum angeblichen polnischen Schindler einen Film gedreht. «Łazowski hat nie gesagt, er habe Juden gerettet», sagt die Dokumentarfilmerin im Interview mit der französischen Shoa-Stiftung.

Und trotzdem: Die Geschichte hält sich bis heute. Die erfundene Zahl der 8000 Geretteten genauso wie die Behauptung, die meisten von ihnen seien jüdisch gewesen. Medien aus aller Welt verbreiten sie genauso wie Wikipedia. Besonders viel Echo findet sie in Polen, das die Erinnerung an seine Helden innig pflegt. Auch Łazowski – er ist 2006 verstorben – hat die verzerrte Version seiner Geschichte nie dementiert.

Offenbar hat Łazowski als alter Mann die Aufmerksamkeit, die ihm die Geschichte brachte, genossen.
Autor: Barbara NecekDokumentarfilmerin

«Ich habe mit der Tochter von Łazowski gesprochen», sagt die Dokumentarfilmerin. «Offenbar hat er als alter Mann die Aufmerksamkeit, die ihm die Geschichte brachte, genossen.» Vielleicht habe er aus diesem Grund die Übertreibungen hingenommen.

Necek hat auch den amerikanischen Journalisten, der aus Łazowski einen Judenretter machte, konfrontiert. «Er gab zu, dass er keine Beweise hat für seine Behauptung, Łazowski habe Juden vor dem Holocaust gerettet.» Zu seiner Verteidigung sagt der Journalist in Neceks Dokumentarfilm: Eine Geschichte über nicht-jüdische Polen, die gerettet wurden, hätte es nie auf die Titelseite einer grossen US-amerikanischen Zeitung geschafft. Obwohl die inszenierte Epidemie von Eugeniusz Łazowski zweifellos eine Heldengschichte ist.

Echo der Zeit vom 4.6.2020

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