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Südafrika geht mit neuem Eherecht ein heisses Eisen an
Aus SRF 4 News aktuell vom 30.06.2021.
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Polygamie in Südafrika «Die Diskussion um die Vielmännerei ist sehr emotional»

Bisher dürfen in Südafrika nur Männer mehrere Frauen haben. Und dies auch nur dann, wenn sie einer Gruppierung angehören, bei der die Polygamie zur Tradition gehört. Nun will die Regierung auch die Vielmännerei erlauben – die Ehe einer Frau mit mehreren Männern. Das sei aber nur ein Teil des neuen Eherechts. Es gehe um mehr, sagt Journalistin Nicole Macheroux-Denault.

Nicole Macheroux-Denault

Nicole Macheroux-Denault

Journalistin

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Nicole Macheroux-Denault ist in Südafrika als freie Korrespondentin für Radio und Fernsehen tätig. Sie ist unter anderem Reporterin für RTL.

SRF News: Warum will Südafrika die Mehrfachehe für Frauen erlauben?

Nicole Macheroux-Denault: Das Grundgesetz Südafrikas schreibt vor, das vor dem Gesetz alle gleich sind. Heute ist es so: Unter bestimmten Bedingungen darf ein südafrikanischer Mann mehrere Frauen heiraten. Somit müsste eigentlich auch eine Frau mehrere Männer heiraten dürfen. Aber eine derartige Gleichstellung ist im geltenden Ehegesetz nicht vorgesehen. Das muss also geändert werden. Wie? Nun, das wird jetzt diskutiert.

Wie fallen die Reaktionen auf den Vorschlag der Regierung aus?

Die Diskussion ist sehr emotional. Es kommt heftige Kritik von den Kirchen und aus dem tief in der südafrikanischen Kultur verankerten Patriarchat. Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Frauen und Männern gesprochen.

Gibt es viele Frauen, die mehrere Männer heiraten wollen? Nein, nicht wirklich. Aber die Diskussion ist ein echter Aufreger.

Die meisten sagen: Ein Partner reicht für Mann und Frau. Das hat auch mit der HIV-Situation im Land zu tun. Aber die Konservativen in der Regierungspartei ANC sind nicht bereit, über die Mehrfachehe für Männer zu reden. Das ist ein richtig heisses Eisen. Sie sehen es als Angriff auf ihre Tradition. Da setzen die Frauenrechtlerinnen an und fordern eine Gleichstellung – buchstäblich und auch zu Recht. Gibt es viele Frauen, die mehrere Männer heiraten wollen? Nein, nicht wirklich. Aber die Diskussion ist ein echter Aufreger.

Ehemaliger Präsident Zuma lebt polygam

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Zuma mit einer seiner Frauen
Legende: Keystone

In Südafrika gibt es einen sehr bekannten Mann, der die mehrfache Ehe praktiziert, nämlich den ehemaligen Präsidenten Südafrikas, Jacob Zuma. Er hat fünfmal geheiratet, seine zweite Frau hat sich scheiden lassen, die dritte beging Suizid. Die letzten Zahlen, die vorliegen, stammen aus dem Jahr 2019. Demnach wurden in Südafrika 8410 Ehen mit zwei Frauen geschlossen. Über 800 Männer hatten drei bis neun Frauen. Ein einziger Mann in Südafrika hat zehn Frauen geehelicht.

Das Spannende daran ist: Nicht alle Männer in Südafrika dürfen mehrere Frauen heiraten, sondern nur die, deren afrikanisches Gewohnheitsrecht die Polygamie erlaubt. Also ein Zulu darf, aber ein Bure nicht. Und dies erfüllt ja auch das Gleichheitsprinzip nicht. Und selbst wenn Frauen mehrere Männer heiraten dürften, wäre das Problem nicht gelöst. Denn was ist mit Frauen, die eine Frau und zwei Männer heiraten wollen? Das müsste dann eigentlich auch erlaubt sein. Also dieser Grundsatz ist wirklich nicht einfach umzusetzen.

Wieso will die Regierung das Ehegesetz überhaupt ändern?

Begonnen hat alles mit dem notwendigen Bestreben, Frauen, die in sogenannten traditionellen Ehen leben, besser zu schützen. Wenn zum Beispiel eine Muslima in einer Moschee verheiratet wird, wird das nicht anerkannt. Wenn eine Christin in einer Kirche heiratet, hingegen schon. Frauen, die in solchen nicht anerkannten Beziehungen leben, sind rechtlich nicht abgesichert, erhalten keinen Unterhalt. Sehr oft landen diese nach dem Tod des Partners nur mit ihrer Kleidung auf dem Leib auf der Strasse.

Die anderen Änderungsvorschläge wären für die Frauen viel wichtiger.

Die öffentliche Debatte in Südafrika konzentriert sich also zwar vor allem auf die Mehrfachehe für Frauen. Tatsächlich ist das aber nur ein kleiner Teil dessen, was die Regierung von Cyril Ramaphosa vorschlägt, und die anderen Änderungsvorschläge wären für die Frauen viel wichtiger.

Wie geht es nun weiter?

Momentan liegt ein sogenanntes Whitepaper vor. Das ist ein offizielles Diskussionspapier der Regierung. Darauf kann jetzt die Öffentlichkeit, können Vereine und Organisationen schriftlich reagieren. Danach folgt ein Greenpaper, dann ein Gesetzesentwurf, der noch vom Gesetzgeber verabschiedet werden muss. Kurz: Es wird sich hier noch Jahre hinziehen, bis Polygamie für Mann und Frau in Südafrika wirklich möglich sein wird.

Das Gespräch führte Teresa Delgado.

SRF 4 News, 30.06.2021, 06:55 Uhr;

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38 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Coltellino  (coltellino)
    Die Kommentare sind erheiternd. Trennung von Staat und Ehe wäre sicher das einfachste. Ich wünsche mir hüben wie drüben eine moderne Gesellschaft, die nicht grundlos moralische Werte perpetuiert, weil sie bestenfalls irgendwann einmal sinnvoll waren. Mündige Erwachsene sollten selbstbestimmt und vom Staat gleich behandelt ihr Leben leben können, wie sie es möchten.
  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Die Menschheit erklimmt damit nun neue Höhen ihres kulturellen Daseins.
  • Kommentar von Erich Deiss  (Erich Deiss)
    Das Verbot von Vielmännerei ist doch eine Diskriminierung von Minderheiten.