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IOC ändert kurzerhand Praxis
Aus Rendez-vous vom 22.07.2021.
abspielen. Laufzeit 04:23 Minuten.
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Praxis auf dem Prüfstand Wie politisch darf Olympia sein? Das IOC steht am Scheideweg

Die Olympischen Spiele sollen unpolitisch sein und die Nationen der Welt zusammenführen. Leichter gesagt als getan.

Ein Knie am Boden an den Olympischen Spielen in Tokio werde sanktioniert, sagte IOC-Präsident Thomas Bach noch vor einem guten Jahr. Nun sind Fussballspielerinnen an den Olympischen Spielen niedergekniet und nicht sanktioniert worden. Das IOC hat in letzter Minute einen Eklat verhindert: Es veröffentlichte kurz vor den Spielen neue Richtlinien, die das langjährige Verbot politischer Proteste aufweichen.

Von einer Kehrtwende will das IOC aber nicht sprechen, wie die Vorsteherin der Athletenkommission des IOC, Kirsty Coventry, diese Woche an einer Medienkonferenz sagte. «Wir kommen lediglich dem Wunsch der Athletinnen und Athleten nach, vor Wettkampfbeginn eine Meinung kundtun zu dürfen.»

Die Athletinnen und Athleten dürfen neu auch mit Medien über ihre Ansichten sprechen, diese online posten und bei Medienkonferenzen Kleidung mit Protest-Slogans tragen.

Legende: Diese Geste wurde international zu einem Symbol gegen Rassismus, seit der Schwarze American-Football-Spieler Colin Kaepernick (Mitte) angefangen hatte, damit gegen Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA zu protestieren. Keystone

Professor Patrick Clastres ist Vorsteher des Forschungszentrums für Olympismus und Globalisierung am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Lausanne. Für ihn ist klar, das IOC konnte gar nicht anders, als dem Druck nachzugeben.

Die Athletinnen und Athleten hätten heutzutage mehr Gewicht. Nicht zuletzt über Social Media seien sie international vernetzt und Bewegungen wie «Black Lives Matter» oder LGBTQ kämpften international gegen Diskriminierung wegen der Hautfarbe oder sexuellen Orientierung.

Das IOC ist unter Druck grosser sportlicher Mächte und Diktaturen wie Russland, China oder den Golfstaaten, die Menschenrechte regelmässig als Erfindung westlicher Demokratien abtun.
Autor: Patrick Clastres Universität Lausanne

Bereits vor zwei Jahren hatte Clastres an der Uni Lausanne im Auftrag des IOC eine neue Version der Olympischen Charta der Verhaltensregeln ausgearbeitet; gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Mit den jetzigen Zugeständnissen setze das IOC einen Teil davon um. Doch dies reiche nicht, sagt er, solange sich das IOC nicht konsequent für Menschenrechte einsetze.

Das IOC dürfe nicht den Diskurs der Diktatoren übernehmen und Menschenrechte per se als politische Statements ansehen. Wohl wissend, dass darin eine grosse Herausforderung liegt: «Das IOC ist unter Druck einflussreicher sportlicher Mächte und Diktaturen wie Russland, China oder den Golfstaaten, die Menschenrechte regelmässig als Erfindung westlicher Demokratien abtun. Es muss aber gelingen ein universelles, olympisches Modell zu entwickeln.»

In seiner Geschichte musste sich das IOC immer wieder mit der heiklen Frage politischer Proteste auseinandersetzen.

Legende: Unvergessen sind die Bilder der Spiele in Mexiko 1968, als die dunkelhäutigen US-Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung die Faust mit einem schwarzen Handschuh in die Höhe streckten – das Zeichen der Black-Power-Bewegung. Sie wurden von Olympia ausgeschlossen und hatten mit Anfeindungen zu kämpfen. Keystone

Clastres kritisiert, dass sich das IOC auch schwer damit tue, die Vergangenheit aufzuarbeiten: «Das IOC würde gut daran tun, Tommie Smith und John Carlos einen Platz im Olympischen Museum zu geben. Doch ihre Geschichte wird totgeschwiegen und auch im offiziellen Olympia-Magazin findet man keine Zeile davon.»

Einiges hat sich seit 1968 zwar geändert. Die britischen Fussballerinnen werden nicht mehr sanktioniert, weil sie mit ihrer Geste gegen Rassismus protestiert haben. Doch Bilder von ihnen, wie sie als erste olympische Sportlerinnen niedergekniet sind, wird es wohl ebenso wenig zu sehen geben im Olympischen Museum. Jedenfalls soll das Team, das sich an den Spielen in Tokio um sämtliche offiziellen Social-Media-Kanäle des IOC kümmert, angewiesen worden sein, keine Bilder davon zu veröffentlichen. Das heisst: Von offizieller Seite wird die Geste zwar toleriert, aber zensuriert.

Rendez-vous, 22.07.2021, 12:30 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Erik Eisermann  (ECATWEAZLE)
    Guten Tag.
    Sport hat nichts mit Politik zu tun. Das ist ein Grundsatz, der Sport sollte beim IOC im Vordergrund stehen als Leitbild.
    Dem haben sich auch die Sportler unterzuordnen. Wenn aber Regierungen mitmischen wie 1980, dann stellt das den Grundsatz in Frage. Das Problem ist nicht nur Olympia, sondern alle internationalen Wettkämpfe --> siehe Fussball und den Herrn Shakiri.
    Freundliche Grüsse, ee
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Sport war noch nie unpolitisch und wird es nie sein. Es treffen Menschen aufeinander mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Aus verschiedenen Regierungsformen, in denen Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Glaubensrichtung, eine Rolle spielen. Pierre de Coubertin ein Träumer? Ich erinnere mich an eine Szene aus dem Jesse Owens Film. Trotz seiner 4 gewonnenen Goldmedaillen im damaligen Nazi Deutschland, musste er zuhause bei der Siegesfeier im New Yorker Hotel Waldorf-Astoria den Warenaufzug nehmen!
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Ich habe von Beginn an die Geste von Colin Kaepernick unterstützt. Dieser Mann hat Charakter im Gegensatz zu vielen anderen hochbezahlten Sportcracks. Seit Jahrzehnten ist es normal, dass schwarze Läufer*innen aus den USA in der Leichtathletik reihenweise Medaillen erlaufen. Sie werden bejubelt und zuhause wieder wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Das darf nicht sein. Und das meine ich auch für Europa inkl. der Schweiz. Sportler*innen, die für ein Land starten, haben dessen Respekt verdient.