Im Iran protestieren die Menschen seit rund zwei Wochen gegen die Staatsführung der Islamischen Republik und gegen die Lebensbedingungen. Seit mehreren Tagen haben die Behörden das Internet abgestellt. Ausländische Medienschaffende können aktuell kaum einreisen. Es gibt Berichte über Dutzende oder sogar Hunderte Tote bei den Protesten.
Katharina Willinger berichtet für die ARD aus Istanbul über den Iran und hatte in den letzten Tagen Kontakt mit Quellen vor Ort. Die Kommunikation mit den Menschen komme nur über Umwege zustande, teilweise auch nur indirekt.
SRF: Was wissen Sie über den Alltag der Menschen im Iran?
Willinger: Ende Dezember sind Händler im Basar von Teheran auf die Strasse gegangen, um gegen den massiven Währungsverfall zu demonstrieren. Die Lebenskosten steigen, der Mittel- und Unterschicht geht es immer schlechter. Diese Proteste sind dann sehr schnell in die Systemfrage umgeschlagen.
Sie geben sich nicht mehr mit Reformvorschlägen zufrieden.
Den Slogan «Nieder mit der Islamischen Republik, nieder mit der Führung!» hat man immer wieder gehört, auch als wir noch direkten Kontakt hatten zu Menschen im Land. Und das hört man jetzt auf den Videos, die aus dem Land gelangen. Die Menschen rufen jetzt nach einem Umsturz. Sie geben sich nicht mehr mit Reformvorschlägen zufrieden.
Es geht also um gestiegene Preise, um die Lebensbedingungen. Wie muss man sich das vorstellen?
Die wirtschaftliche Situation der meisten Menschen ist miserabel. Die Inflation ist seit Jahren im höheren zweistelligen Bereich. Die Menschen bekommen nichts für ihr Geld. Und der grosse Vorwurf lautet, dass das Regime korrupt sei. Der Iran hat grosse Ölvorkommen. Dieser Reichtum fliesse in die Taschen der Führung, so der Vorwurf. Die würden sich bereichern und das Geld am Ende in Waffen stecken, in Kriege mit dem Ausland, und nicht in etwas, was der Bevölkerung nütze. Mittlerweile geht es auch um Menschenrechte, Frauenrechte, Minderheitenrechte. Das paart sich eben mit dieser Unzufriedenheit, dass es einem dann auch noch wirtschaftlich schlecht geht.
Es ist im Iran in den letzten Jahren immer wieder zu Protesten gekommen. Was ist diesmal anders?
Die Händler und Arbeiter, die auf die Strasse gegangen sind, wurden sehr schnell unterstützt von einer Unterschicht. Bei den Protesten 2022 waren an vorderster Front viele junge Frauen, die nicht mehr hinnehmen wollten, dass sie so gegängelt wurden vom islamischen System, von der Sittenpolizei beispielsweise. Jetzt kommen die Proteste aus einer Schicht heraus, die einst zum Teil auch die soziale Basis des Regimes war.
Vater, Mutter, Kind kommen am Abend mit dem Auto angefahren und protestieren mit.
Nach vier Tagen Internet-Blackout haben wir natürlich nicht den kompletten Überblick. Bei den letzten Telefonaten, die wir am Donnerstagabend noch mit Quellen im Land führen konnten, haben uns die Leute aber erzählt, dass sich ganze Familien dem Protest anschliessen. Vater, Mutter, Kind kommen am Abend mit dem Auto angefahren und protestieren mit. Ich glaube, das zeigt ganz gut, dass es ein Querschnitt der iranischen Gesellschaft ist, die unzufrieden ist.
Womit rechnen Sie, könnte das zum Umsturz führen?
Man muss da sehr realpolitisch an die Sache rangehen. Der Sicherheitsapparat versucht, dieses islamische System am Leben zu erhalten. Für einen Umsturz von innen heraus müssten sich Menschen aus dem Sicherheitsapparat vom Regime abwenden. Denn das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Und die Menschen, die da gerade im Iran auf die Strasse gehen und ihr Leben riskieren, sind ja zum Grossteil unbewaffnete und friedliche Demonstranten.