Zum Inhalt springen

Header

Audio
Weitere Massenproteste in Libanon
Aus Echo der Zeit vom 22.10.2019.
abspielen. Laufzeit 05:19 Minuten.
Inhalt

Proteste in Libanon Die Wut hat alle Gesellschaftsschichten erreicht

Nicht zum ersten Mal treibt der Ärger über die korrupte Regierung die Menschen auf die Strasse. Doch etwas ist diesmal anders.

Tausende singen in den Strassen Beiruts die Nationalhymne, die meisten tragen mit Stolz libanesische Flaggen. «Zum ersten Mal sind wir vereint, über religiöse und politische Zugehörigkeiten hinweg», schwärmt eine von drei Frauen, die aus einem Mittelklasseviertel mit ihren Kindern zur Demonstration gekommen sind. Die korrupten Politiker sollen weg, «weil sie nur für ihre Familien sorgen und nicht für alle», sagt der 11-jährige Jad.

Eine ganze Familie mit libanesischen Fahnen
Legende: «Zum ersten Mal in der Geschichte Libanons gehen wir alle gemeinsam auf die Strasse, egal, welcher Religion oder politischen Richtung wir angehören.» Reena, Hiba, Hona nehmen ihre Kinder zu den Massenprotesten in Beirut mit. SRF/Susanne Brunner

Sie wollen auch keine Politiker mehr, die sie aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit gegeneinander ausspielen. «Ich bin Muslimin und das ist mir egal. Meine Religion geht nur mich und Gott etwas an», sagt eine der drei Frauen.

Aus allen Quartieren Beiruts strömen die Menschen an die Demonstration, nachdem Premierminister Saad Hariri unter grossem Druck am Montag Reformen angekündigt hat: alte Menschen an Stöcken, Familien mit Kindern, Geschäftsleute, Jugendliche, arme und wenig Gebildete. Kaum jemand will sich durch Hariris Versprechen besänftigen lassen. «Wir haben diese eine Chance, unser Land zu verändern, und die packen wir!», so die 19-jährige Hiba.

So friedlich die Demonstration, so unflätig die Beschimpfungen an die Adresse der Politiker. Ein mutiges Zeichen in einer Zeit, in der in Libanon Menschen schon wegen kritischer Facebook-Posts verhaftet werden. Das findet die Assistenzprofessorin und Aktivistin Carmen Geha, die sich bereit macht, an die Demo zu gehen.

Aktivistin und Assistenzprofessorin Carmen Geha.
Legende: Carmen Geha ist Assistenzprofessorin und Aktivistin in Beirut. «Die Politiker sind seit Jahren Nieten, jetzt sagen die Leute: Es ist vorbei mit euch.» SRF/Susanne Brunner

«Die Leute wollen nicht mehr mundtot gemacht werden, sie haben genug», sagt Geha, die auch bei den Protesten gegen die schlechte Abfallentsorgung vor vier Jahren dabei war. Die jetzigen Proteste seien anders, weil die Menschen nicht nur in Beirut auf die Strasse gingen, sondern auch in kleinen Städten im Norden und im Süden des Landes, wo lokale Milizen herrschen.

Und sie protestieren nicht nur gegen die wirtschaftliche Not, sondern auch gegen religiöse Vorschriften, für Frauenrechte und soziale Gerechtigkeit: «Es geht nicht einfach nur um billigeres Benzin, sondern es geht darum, dass die Politiker seit langem Nieten sind und dass die Leute sie weghaben wollen.»

General Wehbe Katicha.
Legende: Wehbé Katicha: die Partei des ehemaligen Generals und heutigen Parlamentsabgeordneten, die Libanesischen Kräfte (Forces Libanaises), ist aus der Regierung ausgetreten – als einzige, seitdem die Proteste begonnen haben. «Die einzige Lösung ist eine Expertenregierung.» SRF/Susanne Brunner

General Wehbé Katicha hat die Botschaft verstanden. Er ist Parlamentsabgeordneter der christlichen Libanesischen Kräfte. Seine Partei ist – bisher als einzige – wegen der Proteste aus der Regierung ausgetreten.

Dabei stand seine Partei immer hinter Staatspräsident Micheal Aoun. «Ich bin ein Kämpfer», sagt der ehemalige General. «Aber mit diesem Präsidenten können wir weder die libanesische Wirtschaft noch die Politik reformieren.»

Damit spielt er unter anderem auf die Posten an, die der libanesische Präsident an Familienmitglieder vergeben hat. Katicha steht voll hinter den demonstrierenden Menschen. Er geht zwar nicht soweit, den Rücktritt des Präsidenten zu fordern. Aber er sieht nur einen Ausweg aus der Krise.

«Schweigt nicht – aber greift auch nicht zu Gewalt»:
Legende: «Schweigt nicht – aber greift auch nicht zu Gewalt»: Auf den Strassen Beiruts entlädt sich derzeit die Wut der Bevölkerung. Die Lage ist fragil. SRF/Susanne Brunner

Katicha fordert eine Übergangsregierung mit parteiunabhängigen Experten. Diese soll die Korruption bekämpfen, der Bevölkerung endlich Strom, sauberes Wasser, gutes Internet, und eine bezahlbare Gesundheitsversorgung geben, und die gigantische Schuldenlast abbauen.

Die Proteste gehen bis tief in die Nacht weiter. Doch langsam kommt bei den Teilnehmern die Sorge auf, dass die Regierung die Proteste gewaltsam beenden könnte – wie vor vier Jahren. Oder dass die Menschen müde werden von den täglichen Protesten und die Chance verpassen, etwas zu verändern.

Länderinfo Libanon
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Ich hoffe schwer, die angeschlagene Regierung holt sich nicht "Hilfe" bei religiösen Fundamentalisten und stürtzt so auch den Libanon in das selbe Chaos wie Syrien etc. Ein sekulär geführter Libanon ergäbe zusammen mit Israel eine auch wirtschaftlich erfolgreiche Region.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen