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Wie die Helden einer Organisation die Helden einer anderen Organisation werden
Aus SRF 4 News aktuell vom 12.02.2021.
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Rechtsextremismus im Netz «Neonazis verschiedener Länder betrachten sich als Waffenbrüder»

Reporterinnen und Reporter der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» haben acht Monate lang recherchiert. Sie kommen zum Schluss: Rechtsextreme vernetzen sich immer stärker international. Etwas Neues sei entstanden, eine sogenannte «braune Internationale». Yassin Musharbash ist Teil dieser Gruppe von investigativen Journalisten. Er sagt, vor fünf Jahren hätten deutsche Neonazis mit polnischen oder ukrainischen Neonazis nichts zu tun haben wollen. «Doch heute betrachten sie sich als Waffenbrüder.»

Yassin Musharbash

Yassin Musharbash

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Yassin Musharbash arbeitet bei der Wochenzeitung «Die Zeit» als Journalist. Er ist Arabist, Autor und IS- und Dschihadismus-Experte.

SRF News: Was war der Auslöser für die Recherche der «Zeit»?

Yassin Musharbash: Das war ein Meinungsbeitrag in der «New York Times» von einem US-Kongressabgeordneten, der früher Ermittler war, und einem früheren FBI-Mann, der seit vielen Jahren Terrorexperte ist. Die beiden haben geschrieben: «Es gibt da etwas, das ihr nicht mitbekommt.» Der Krieg in der Ukraine, der seit 2014 läuft, habe sich zu etwas entwickelt, das man vergleichen könne mit dem, was Afghanistan in den 80ern und 90ern für die islamistische Szene war – ein Vernetzungsort für eine Internationale von Rechtsextremisten. Dann haben wir angefangen, das zu überprüfen.

Wie sind Sie vorgegangen, um diese Vernetzung aufzuzeigen?

Wir haben geschaut, wo finden wir Spuren dafür, dass das stimmt? Stimmt es, dass wirklich so viele Rechtsextremisten in den letzten Jahren in der Ukraine gekämpft haben? Die Antwort ist: Ja. Es waren Tausende. Und zwar auf beiden Seiten, sowohl auf russischer als auch auf ukrainischer Seite.

Jede Gruppe hat so ihre eigenen Sorgen, aber alle bieten genug Gemeinsamkeiten, um sich auszutauschen und voneinander zu profitieren.

Dann haben wir uns angeschaut, welche Organisationen besonders wichtig waren. Mit wem vernetzen die sich? Wo rekrutieren sie ihre Mitglieder? Wo machen sie Werbung für sich? Wir sind relativ schnell auf eine ganze Reihe von Gruppen gekommen, die ihre Bestrebungen, sich zu vernetzen und Know-how zu tauschen, ungefähr seit vier, fünf Jahren massiv ausgebaut haben.

Das Internet zur Vernetzung gibt es schon länger. Was ist daran neu?

In den letzten fünf Jahren sind drei ganz entscheidende Punkte zusammengekommen, die begründen können, warum wir dieses Phänomen jetzt so sehen. Der eine ist der Ausbruch des Krieges in der Ukraine 2014.

Gemeinsames Training in St. Petersburg

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Maskierte russische Nationalisten, Fahne im Hintergrund
Legende: Nicht nur russische Nationalisten üben den Krieg. Keystone

In St. Petersburg betreibt das «Russian Imperial Movement» laut den «Zeit»-Recherchen ein paramilitärisches Trainingslager. Interessierte können dort gegen Geld unter kriegsähnlichen Bedingungen einen siebentägigen Kurs zur Vorbereitung für die Front machen. Die russische Regierung hat nichts dagegen. «Ein solches Training ist in Westeuropa nicht möglich, es würde sofort verboten», sagt Yassin Musharbash. «Aber wir haben festgestellt, dass Rechtsextreme quer durch Europa dort Kurse besucht haben.» Es seien solche Anknüpfungspunkte, die eine grosse Rolle spielten bei der Bildung der «braunen Internationale».

Zeitgleich haben die Verschlüsselungstechnologien im Internet einen Stand erreicht, bei dem es für jeden ohne Vorbildung möglich ist, klandestine Netzwerke zu bilden. Der dritte Punkt war die Flüchtlingsbewegung von 2014, 2015, die die rechtsextreme Szene mobilisiert hat, weil sie das Gefühl hatte, dass eine Islamisierung Europas droht. Das lässt sich vortrefflich einsortieren in die anderswo schon gepflegten Narrative vom Verteidigungskampf der weissen Rasse, der jetzt nötig sei. Das Ergebnis sehen wir jetzt deutlich.

Was verbindet diese Rechtsextremen, wenn nicht der Nationalismus?

Das Gefühl, dass sie alle im selben Kampf stehen. Nur die Gegner sind unterschiedlich. Die sogenannte Verwestlichung und alles, was sie darunter fassen, etwa die Schwulenbewegung, sind Dinge, welche die russischen Rechtsextremen wahnsinnig aufregen. In Westeuropa ist es vor allem der Kampf gegen Migranten, der ein Hauptmotiv ist. In den USA ist es die Stimmung, dass ein Bürgerkrieg bevorsteht, dass das Land tief gespalten ist und gleichzeitig der Bevölkerungsanteil von Hispanics und Schwarzen immer grösser wird. Jede Gruppe hat so ihre eigenen Sorgen, aber alle bieten genug Gemeinsamkeiten, um sich auszutauschen und voneinander zu profitieren.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

SRF 4 News, 12.02.2021, 08:45 Uhr;

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35 Kommentare

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  • Kommentar von Marlies Artho  (marlies artho)
    Frage: woher glaubt ihr denn, dass Konflikte entstehen? Wenn es doch Extreme auf beiden Seiten gibt? Warum hat eine Mitte oft mühe, um nicht gleich in die rechte oder linke Ecke gestellt zu werden? So werden Menschen einfach eingestuft, verwickelt in etwas, was so leider nicht stimmt, wie ich hier Feststelle, (Vorwurf der Verharmlosung). Also seit ihr der Meinung, dass Konfliktbereitschaft wirklich nur an einem Extrem liegt??? Selber wünschte ich mir eine friedlichere Gemeinschaft für alle.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    SRF, bring doch auch einmal einen Beitrag zu den Linksextremen. Das wäre doch ein Merkmal für ein echtes Forumsmedium!
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Alex Schneider Guten Morgen Herr Schneider, besten Dank für Ihren Kommentar. Diese beiden Beiträgen haben beispielsweise das Thema Linksextremismus in der Schweiz beleuchtet: https://www.srf.ch/news/schweiz/linksextremismus-bund-warnt-linksextreme-unterwandern-friedliche-demos
      https://www.srf.ch/news/schweiz/angriffe-von-radikalen-linksextreme-gewalttaten-haben-2019-zugenommen
      Liebe Grüsse, SRF News
    2. Antwort von Cédric Bell  (Cedric)
      Na ja, die zwei Beiträge sind nun schon ein wenig her. Und die Initiative ging vom Nachrichtendienst des Bundes aus. Wie wäre es mal mit einem eigenen Beitrag, Recherche, Expertenbefragung zum Linksextremismus? In Deutschland klagt etwa nicht nur CDU-Landtagschef Ploss, dass viel zu wenig gegen die steigende Linksextreme Gewalt getan werde.
    3. Antwort von Cédric Bell  (Cedric)
      Guter Kommentar, Herr Schneider. Es sollte man möglich sein differenziert sich gegen jede Form des Extremismus aussprechen zu können "Linksextreme Gewalt eskaliert
      Seit Silvester vier Anschläge mit Brandsätzen und Sprengstoff
      Die autonome Szene ist noch stärker in Wut als sonst schon. Nach der Inhaftierung einer Anführerin aus Leipzig wächst die Terrorgefahr." Ein aktueller Medienbeitrag in Deutschland. Darüber könnte man doch auch mal mahnend berichten.
    4. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Schneider: Sie lenken vom Thema ab: Hier ist Rechtsextremismus Thema, nicht linksextrem. Und zu Recht wird darauf hingewiesen, dass der Rechtsextremismus ein viel grösseres Problem darstellt, da sich diese Bewegung systematisch ausgebreitet hat,Gewaltbereitschaft vorhanden ist und z. T.von einer Anzahl von politisch ziemlich rechts gerichteten Leuten eine gewisse Akzeptanz oder sogar Sympathie geniessen. Das ist eine gefährliche Entwicklung.Verharmlosungen jener macht's noch gefährlicher.
    5. Antwort von Cédric Bell  (Cedric)
      " Ueli von Känel (uvk) Herr Schneider: Sie lenken vom Thema ab" "Gewaltbereitschaft vorhanden ist und z. T.von einer Anzahl von politisch ziemlich rechts gerichteten Leuten eine gewisse Akzeptanz oder sogar Sympathie geniessen" das tat Herr Schneider nicht. Und es gibt Niemand der Gewalt durch Rechtsextreme verharmlost oder gar damit sympathisiert. Sofern man nicht zu jenen Kreisen gehört. Was Sie behaupten stimmt nicht. Wieso wehren Sie sich, wenn man jede Art der Gewalt verurteilt?
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Wo führt das hin? Der Rechtsextremismus vernetzt sich und die Antifa auf der Gegenseite bildet auch international "Kämpfer" oder sagen wir Aktivisten aus. Irgend etwas läuft da aus dem Ruder.
    Ist es u.a. polarisiertes Medienaufkommen, das von der Spannung zwischen jeglichen Meinungspolen lebt, oder zu leben meint? Bsp. Trump: Er wird gehasst oder er hat Fans. Dazwischen gibt es doch tausend Zwischentöne?