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Britische Pandemieregeln: Durcheinander sorgt für Verwirrung
Aus Rendez-vous vom 07.10.2020.
abspielen. Laufzeit 05:14 Minuten.
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Regelwirrwarr im Königreich «Stay home – go out»: Britische Kakophonie in der Pandemie

Die Lage ist ernst in Grossbritannien. Die widersprüchlichen Corona-Regeln im Land verunsichern die Menschen zusätzlich.

Darf man nun – oder nicht?

Die britischen Pandemie-Regeln sind mittlerweile so vielfältig, dass kürzlich selbst der Premierminister arg ins Rudern kam, als er erklären sollte, wann und wo sich nun eigentlich noch sechs Leute treffen dürfen: «Generell dürfen sich sechs Personen sowohl drinnen wie draussen treffen. Im Nordosten gelten aber strengere Regeln, dort dürfen sich – soweit ich das verstehe – sechs Personen nur in Wohnungen und Restaurants treffen, aber keinesfalls draussen.»

Boris Johnson.
Legende: Grossbritannien stehe ein schwieriger Winter bevor, warnt Premierminister Boris Johnson – und stiftet mit irrlichternden Aussagen Verwirrung in der Bevölkerung. Keystone

Die Aussage war nicht nur verwirrend, sondern ebenso falsch. In Wohnungen sollen sich zur Zeit eben keine Menschen mehr treffen, besonders nicht im Nordosten. Zu sechst treffen kann man sich allenfalls noch draussen, aber nur mit der nötigen Distanz.

Kollektive Verwirrung

Premierminister Johnson musste sich einige Stunden später entschuldigen. Eine Zeitung schrieb: «Egal was Sie tun – hören Sie damit auf». Und die Johnson-Parodie von Komiker Matt Lucas hat im Netz wieder Hochkonjunktur:

Humor ist gerade in garstigen Zeiten wichtig, nur ist das Lachen vielen Menschen längst vergangen. Ein ranghoher Polizeioffizier klagte vor einigen Tagen, dass sich ein solches Chaos an Vorschriften nicht umsetzen lasse.

Die Britinnen und Briten seien durchaus bereit Regeln einzuhalten, sekundierte ihn die Labour-Abgeordnete Rachel Reeves, aber sie wollten diese Regeln nachvollziehen können. «Aber wenn nicht einmal der Premierminister die Regeln verstehen, die er und seine Regierung täglich in Kraft setzen, wird es heikel. Es verunsichert die Bürgerinnen und Bürger.»

«Sehr ernstes Problem in Grossbritannien»

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«Sehr ernstes Problem in Grossbritannien»
Legende: Britischer Gesundheitsminister Matt Hancock Keystone

Mittlerweile unterstehen rund 16 Millionen Britinnen und Briten wieder schärferen Restriktionen: Ganze Städte werden abgeschottet, in Pubs und Bars ist um 22 Uhr Feierabend, an den Unis finden keine Vorlesungen statt und auf der Strasse dürfen nicht mehr als sechs Leute zusammenstehen.

Gesundheitsminister Matt Hancock bezeichnete die steigenden Fallzahlen und Krankenhausaufenthalte als ein «sehr ernstes Problem.» Die Herausforderung bestehe darin, mit diesem zweiten Gipfel so umzugehen, dass er so wenig Schaden wie möglich verursacht. «Zum Glück wissen wir weit mehr darüber als beim ersten Mal», so der Minister.

Und selbst Parteifreunde des Premierministers wie der konservative Abgeordnete Steve Baker schütteln den Kopf: «Regeln funktionieren nur, wenn sie nachvollziehbar, klar, allgemeingültig und sicher sind. Dies ist das Fundament von Gesetzen.» Im Moment sei die Regierung daran, dieses Fundament zu zerstören.

«Ein trauriger Witz»

Was man in London nicht versteht, versteht man auch in der Peripherie des Königreichs nicht. Dies zeigt eine kleine Umfrage in Middle Wales. Gerade im Tourismus sei das Durcheinander an Regeln besonders schwierig, sagt der Hotelier Richard Griffiths: «Die walisische Regierung erlässt Regeln, die schottische Regierung erlässt welche und in London werden ebenfalls Regeln geschaffen und diese sind selbstverständlich nicht identisch.»

In London gelte eine Mindestabstand von einem Meter, bei ihnen seien es zwei Meter, mokiert sich der Hotelier: «Hier musst Du eine Maske tragen, dort nicht. Wenn wir also Radio hören, wenn wieder neue Regeln verkündet werden, muss man extrem gut aufpassen, welche nun genau wo gelten.»

Die ändern ihre Meinung ja mittlerweile jede Minute. Das Ganze ist ein Witz. Ein so schlechter wie trauriger Witz.
Autor: John JonesLastwagenfahrer

Einer, der mittlerweile nicht mehr hinhört, wenn die Regierung spricht, ist der Lastwagenfahrer John Jones. Er könne die Regierung schlicht nicht mehr ernst nehmen: «Die ändern ihre Meinung ja mittlerweile jede Minute. Das Ganze ist ein Witz. Ein so schlechter wie trauriger Witz.»

Leider ist die Pandemie kein Witz, sondern tödlicher Ernst. Corona hat in Grossbritannien bisher 42'000 Todesopfer gefordert. Durch eine verwirrende Kommunikation verlieren die Leute deshalb auf die Dauer nicht nur die Geduld, sondern ebenso das Wichtigste in einer Krise: Das Vertrauen in die Regierung.

Rendez-vous vom 07.10.2020, 12:30 Uhr

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Roland Raphael  (Roland Raphael)
    Die Kakophonie herrscht genauso in der Schweiz. Zudem verharrt hier die Hysterie auf hohem Niveau. Die Paranoia ist nicht überwunden, derweil die Zahl der Corona- Kranken und Toten nur marginal ansteigt....
    Die Plandemie scheint zu funktionieren....
  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    2/2 Allerdings denke ich dass das Zusammenstehen in einer Krise und sich gegenseitig unterstützen in UK tiefer in der Bevölkerung verankert ist als z.B. in Frankreich oder Spanien. Und die Regierung nimmt Corona jetzt ernst - gezogen von Johnson. Darum hinkt der Vergleich von Johnson und Trump auch total. Ich vermute, dass Johnson (obwohl ich ihn nicht unbedingt unterstütze) das Land relativ gut durch diese Krise führen wird. Aber die Kommunikation muss definitiv besser werden.
  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    1/2 Covid hat weltweit alle kalt erwischt - aber für UK kam Covid im schlimmsten Moment. Ein tief gespaltenes Land nach Brexit und erbittertem Streit zwischen Tories und Labour. Die Regierung neu im Amt, viele davon unerfahren, interne Grabenkämpfe, ein paar Fehltritte von Politikern, die gnadenlosen britischen Medien und eine oft unklare Kommunikation - die Autorität der Regierung ist schwach. Und alle Länder mit schwachen Regierungen haben Mühe die Covid-Massnahmen nachhaltig durchzusetzen.