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Regime unter Druck Iran: Über 190 Tote bei anhaltenden Protesten

  • Erneut haben Tausende Menschen in iranischen Städten gegen das Regime demonstriert.
  • Die Proteste halten seit zwei Wochen an und nehmen nicht ab.
  • Laut Aktivisten sind mindestens 192 Menschen getötet worden.
  • Das US-Militär und Israel würden im Falle eines Angriffs «legitime Ziele» sein, droht der iranische Parlamentssprecher.

Iranische Aktivisten haben nach eigenen Angaben die Namen von 192 getöteten Menschen bei den Massenprotesten im Land dokumentiert. Die Zahl sei durch direkte Quellen oder mindestens zwei weitere unabhängige Quellen bestätigt worden, teilte die Organisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo auf X mit. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer dürfte jedoch höher liegen. Die Nachrichtenagentur AP berichtet inzwischen bereits von 203 Toten.

Nach Angaben des iranischen Propagandakanals Press TV sollen in der Stadt Isfahan 30 Sicherheitskräfte bei Protesten getötet worden sein.

Mehr als 2600 weitere Menschen seien festgenommen worden, berichtet das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA. Trotz einer nahezu vollständigen Internetsperre, den vierten Tag in Folge, habe es Demonstrationen in 185 Städten gegeben. Hunderte weitere Menschen sollen bei Konfrontationen mit den Sicherheitskräften verletzt worden sein. Diese Angaben lassen sich zurzeit nicht unabhängig überprüfen.

Protestierende um brennendes Feuer auf Strasse bei Nacht versammelt.
Legende: Protestierende blockieren eine Strasse in Teheran. (9.1.2026) Imago/Mahsa

Auch das Online-Banking funktioniere kaum. SMS-Nachrichten könnten nicht gesendet oder empfangen werden, normale Telefonate funktionierten kaum, schreibt eine iranische Nutzerin auf X. Die Menschen versuchen, sich mit Starlink (Satelliteninternet) einzuloggen.

Am Donnerstagabend war es zu den grössten Demonstrationen seit Beginn der Protestwelle vor zwei Wochen gekommen.

Nahost-Korrespondentin: «Situation im Iran spitzt sich weiter zu»

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Immer noch blockieren die iranischen Behörden den Zugang zum Internet. SRF-Nahostkorrespondentin Anita Bünter sagt, dass die iranische Führung bereits während früherer Protestbewegungen den Zugang zum Internet blockiert habe, wenn es brenzlig wurde. So werde es für die Protestierenden viel schwieriger, sich zu organisieren. «Zudem kommen so kaum Informationen aus dem Land nach draussen. Auch wir erreichen unsere Kontakte seit 48 Stunden nicht mehr.» Dennoch gelangen etwa via Satellitenverbindungen einzelne Infos nach draussen. «Es gibt Berichte, wonach Sicherheitskräfte mit scharfer Munition geschossen haben», sagt Bünter. Es soll viele Verletzte, sowie weitere Tote und Verhaftete geben. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Informationen wegen der Internetblockade derzeit aber nicht. Der Ton gegenüber den Demonstrierenden habe sich verschärft. «Der iranische Generalstaatsanwalt hat gewarnt, dass allen Protestierenden ‹Kriegsführung gegen Gott› vorgeworfen werde. Etwas, das im Iran auch mit dem Tod bestraft wird.» 

Derzeit wird Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, als Hoffnungsträger der Opposition gehandelt. Er lebt seit Jahrzehnten im Exil und vertritt einen Teil der iranischen Opposition. «Doch auch wenn an den Demonstrationen im Iran Rufe wie ‹Lang lebe der Schah› zu hören sind, heisst das noch nicht, dass sich die Opposition geeint hinter Pahlavi gestellt hat», so Bünter weiter. Denn längst nicht alle Iranerinnen und Iraner – ob im Exil oder im Land selbst – wünschten sich die Monarchie zurück.

Es sehe – basierend auf den derzeit verfügbaren Informationen – nicht nach einem unmittelbaren Sturz des iranischen Regimes aus, so Bünter. «Dafür wäre auch ein Zusammenbruch des Sicherheitsapparats nötig. Ähnlich, wie wir das in Syrien beim Sturz von Assad gesehen haben. Danach sieht es derzeit aber nicht aus.» Klar sei, dass der Iran in einer tiefen Krise stecke – wegen des Währungszerfalls, der Sanktionen, Korruption und Misswirtschaft. «Gefährlich könnte der iranischen Führung werden, wenn landesweite Streiks ausgerufen würden – also auch im Öl- oder Gas-Sektor. Oder aber wenn der Iran von aussen angegriffen würde – etwa von den USA.»

Proteste sollen US-Militäraktion provozieren

Irans Parlamentssprecher Mohammad Baqer Qalibaf wirft der Protestbewegung im Land vor, die Grundlage für eine Militärintervention der USA schaffen zu wollen. Die «Feinde» müssten jedoch wissen, dass die Verteidiger des Landes sie vernichten würden, sagte Qalibaf laut Übersetzung von Press TV.

Männer erheben ihre Fäuste im iranischen Parlament.
Legende: Der Parlamentssprecher Qalibaf (oben, sitzend) bezeichnete die seit Tagen anhaltenden Massendemonstrationen gegen die iranische Führung als einen von den USA inszenierten terroristischen Krieg gegen das Land. Teilnehmer an «Terrorakten» würden mit Gewalt verfolgt und die bei den Unruhen Festgenommenen bestraft.  Reuters/IRINN (11.01.2026)

Der Iran droht Israel und den USA für den Fall eines US-Angriffs zur Unterstützung der Protestbewegung gegen die Staatsführung mit Gegenschlägen. Jede Attacke der USA werde zu Angriffen auf Israel und regionale US-Militärstützpunkte als «legitime Ziele» führen, zitierte der arabische Sender Alaraby auf X Irans Parlamentssprecher.

US-Präsident Donald Trump hatte kurz zuvor den Teilnehmern der andauernden Massenproteste gegen die Staatsführung im Iran Unterstützung zugesichert. «Der Iran strebt nach FREIHEIT, vielleicht wie nie zuvor. Die USA sind bereit zu helfen!!!», hatte Trump auf seiner Plattform Truth Social geschrieben. Wie die Hilfe aussehen soll, ist unklar.

Israel sei derweil wegen einer möglichen US-Intervention im Iran in erhöhter Alarmbereitschaft. Dies schreibt die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf mehrere Quellen. Was dies genau bedeutet, wurde nicht weiter erläutert.

Europäische Spitzen verurteilen Gewalt

Deutschland, Frankreich und Grossbritannien haben die iranische Staatsführung angesichts der Massenproteste eindringlich zum Gewaltverzicht aufgerufen. «Wir sind zutiefst besorgt über Berichte von Gewalt durch iranische Sicherheitskräfte und verurteilen die Tötung von Demonstranten auf das Schärfste», heisst es in einer gemeinsamen Erklärung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron und des britischen Premierministers Keir Starmer.

Schah-Sohn ändert Botschaft an Protestbewegung

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Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hat in einer neuen Botschaft an die Protestbewegung gemässigtere Töne angeschlagen. «Ich bitte Sie alle, sich mit Ihren Freunden und Familienangehörigen in Gruppen auf die Hauptstrassen der Städte zu begeben. Trennen Sie sich unterwegs nicht voneinander oder von der Menschenmenge und nehmen Sie keine Seitenstrassen, die Ihr Leben gefährden könnten», sagte Pahlavi laut einer englischen Übersetzung seiner Rede, die auf X veröffentlicht wurde.

Am Samstag hatte der im Exil in den USA lebende Pahlavi noch zu landesweiten Streiks und zur Besetzung zentraler Plätze aufgerufen. Gegner werfen ihm vor, Demonstranten dadurch in Gefahr zu bringen.

Aus seinem Exil heraus beansprucht Pahlavi eine Führungsrolle in der Opposition. Viele Menschen im Iran setzen ihre Hoffnungen auf Unterstützung aus dem Ausland. Bei den aktuellen Massenprotesten ertönte auch der Slogan «Lang lebe der König» – ein direkter Hinweis auf Pahlavi. Dessen aktueller Erfolg sei jedoch weniger seinen Führungsqualitäten zu verdanken, schrieb der iranische Kritiker Sadegh Sibakalam, sondern vielmehr der Unfähigkeit, Misswirtschaft sowie den Fehlentscheidungen der Staatsführung geschuldet.

SRF4 News, 9.1.26, 21 Uhr ; 

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