Erneut haben Tausende Menschen in iranischen Städten gegen das Regime demonstriert, wie Videos zeigen, die internationalen Medien zugespielt wurden.
Die Proteste halten seit mehreren Tagen an und nehmen nicht ab.
Laut Aktivisten sind mindestens 65 Menschen getötet worden.
Mehr als 2300 weitere Menschen seien festgenommen worden, berichtet das Menschenrechtsnetzwerk HRANA mit Sitz in den USA. Trotz einer nahezu vollständigen Internetsperre habe es Demonstrationen in 180 Städten gegeben. Diese Angaben lassen sich zurzeit nicht unabhängig überprüfen.
Legende:
Protestierende blockieren eine Strasse in Teheran. (9.1.2026)
Imago/Mahsa
Zuvor hatte die Organisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo gemeldet, dass bei Protesten bisher 51 Demonstrierende getötet worden seien. Allerdings fehlten dabei noch Zahlen aus mehreren Grossstädten vom Donnerstag und aus der vergangenen Nacht. Hunderte weitere Menschen sollen bei Konfrontationen mit den Sicherheitskräften verletzt worden sein.
Zugang zum Internet im Iran weiterhin blockiert
Box aufklappenBox zuklappen
Irans Führung blockiert wegen der landesweiten Massenproteste das Internet seit fast zwei Tagen. Der iranische Sicherheitsapparat hat das Internet für die Bevölkerung komplett abgeschaltet. Ausnahmen gelten beispielsweise für Sicherheitskräfte oder ausgewählte Staatsmedien. Menschen umgehen den Blackout Berichten zufolge per Starlink-Satelliteninternet – vorausgesetzt, sie konnten die dafür notwendigen Terminals illegal einführen.
So berichtete etwa der britische Sender BBC unter Berufung auf einen Arzt aus dem Iran, der sich am Freitagabend über das Satelliten-Internet Starlink in Verbindung gesetzt habe, dass sich das Farabi-Spital, Teherans wichtigstes Augenzentrum, im Krisenmodus befinde. Notfalldienste seien überlastet. Nicht dringende Aufnahmen und Operationen seien ausgesetzt worden, und das Personal sei zur Behandlung von Notfällen herbeigerufen worden.
Laut Beobachtern verfolgt die Führung mit der Blockade vor allem zwei Ziele: Zum einen soll es Demonstrierenden erschwert werden, Proteste zu organisieren. Zum anderen soll die Veröffentlichung von Berichten, Fotos und Videos über die Unruhen und Repressalien unterdrückt werden.
Die iranische Führung hat die landesweiten Massenproteste heruntergespielt. In den meisten Städten des Landes habe Ruhe geherrscht, erklärte ein Sprecher im Staatsfernsehen, wie laut Übersetzung aus einem Video der Nachrichtenagentur des staatlichen iranischen Rundfunkverbundes hervorgeht.
Am zweiten Abend in Folge hatten jedoch massenhaft Menschen in verschiedenen Grossstädten des Landes gegen die Regierung protestiert, unter anderem in den Millionenmetropolen Teheran und Maschhad.
Schah-Sohn ruft zu landesweitem Streik im Iran auf
Box aufklappenBox zuklappen
Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hat aus seinem Exil in den USA zu landesweiten Streiks im Iran aufgerufen. Arbeiter und Angestellte von Schlüsselbranchen wie der Öl-, Gas- und Energieindustrie sollten ihre Arbeit niederlegen, erklärte Pahlavi auf der Plattform X. Ziel sei es, die finanziellen Lebensadern zu schwächen und den Unterdrückungsapparat in die Knie zu zwingen.
Aus seinem Exil heraus beansprucht Pahlavi eine Führungsrolle in der Opposition. Im Iran gibt es seit Jahren keine politische Kraft mehr, die von den Demonstranten als glaubwürdige Opposition anerkannt wird. Viele Menschen im Land setzen daher ihre Hoffnungen auf Unterstützung aus dem Ausland. Bei den aktuellen Massenprotesten ertönte auch der Slogan «Lang lebe der König» – ein direkter Hinweis auf den im Exil lebenden Sohn des früheren Schahs. Pahlavis aktueller Erfolg sei weniger seinen Führungsqualitäten zu verdanken, schrieb der iranische Kritiker Sadegh Sibakalam, sondern vielmehr der Unfähigkeit, Misswirtschaft sowie den Fehlentscheidungen der Staatsführung geschuldet.
Am Donnerstagabend war es zu den grössten Demonstrationen seit Beginn der Protestwelle gekommen. Nach Darstellung des Bürgermeisters von Teheran wurden bei den Unruhen in der Hauptstadt mehr als 50 Banken und mehrere staatliche Einrichtungen angezündet. «Mehr als 30 Moscheen gingen in Flammen auf», sagte er in einem von der Nachrichtenagentur «Mehr» verbreiteten Video. Studierende in der Hauptstadt Teheran berichteten von einer angespannten Sicherheitslage.
Situation im Iran spitzt sich weiter zu
Box aufklappenBox zuklappen
Immer noch blockieren die iranischen Behörden den Zugang zum Internet. SRF-Nahost-Korrespondentin Anita Bünter sagt, dass die iranische Führung bereits während früherer Protestbewegungen den Zugang zum Internet blockiert habe, wenn es brenzlig wurde. So werde es für die Protestierenden viel schwieriger, sich zu organisieren. «Zudem kommen so kaum Informationen aus dem Land nach draussen. Auch wir erreichen unsere Kontakte seit 48 Stunden nicht mehr.» Dennoch gelangen etwa via Satellitenverbindungen einzelne Infos nach draussen. «Es gibt Berichte, wonach Sicherheitskräfte mit scharfer Munition geschossen haben», sagt Bünter. Es soll viele Verletzte, sowie weitere Tote und Verhaftete geben. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Informationen wegen der Internet-Blockade derzeit aber nicht. Der Ton gegenüber den Demonstrierenden habe sich verschärft. «Der iranische Generalstaatsanwalt hat gewarnt, dass allen Protestierenden ‹Kriegsführung gegen Gott› vorgeworfen werde. Etwas, das im Iran auch mit dem Tod bestraft wird.»
Derzeit wird Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, als Hoffnungsträger der Opposition gehandelt. Er lebt seit Jahrzehnten im Exil und vertritt einen Teil der iranischen Opposition. «Doch auch wenn an den Demonstrationen im Iran Rufe wie ‹Lang lebe der Schah› zu hören sind, heisst das noch nicht, dass sich die Opposition geeint hinter Pahlavi gestellt hat», so Bünter weiter. Denn längst nicht alle Iranerinnen und Iraner – ob im Exil oder im Land selbst – wünschten sich die Monarchie zurück.
Es sehe – basierend auf den derzeit verfügbaren Informationen – nicht nach einem unmittelbaren Sturz des iranischen Regimes aus, so Bünter. «Dafür wäre auch ein Zusammenbruch des Sicherheitsapparats nötig. Ähnlich, wie wir das in Syrien beim Sturz von Assad gesehen haben. Danach sieht es derzeit aber nicht aus.» Klar sei, dass der Iran in einer tiefen Krise stecke – wegen des Währungszerfalls, der Sanktionen, Korruption und Misswirtschaft. «Gefährlich könnte der iranischen Führung werden, wenn landesweite Streiks ausgerufen würden – also auch im Öl- oder Gas-Sektor. Oder aber wenn der Iran von aussen angegriffen würde – etwa von den USA.»
Europäische Spitzen verurteilen Gewalt
Deutschland, Frankreich und Grossbritannien haben die iranische Staatsführung angesichts der Massenproteste eindringlich zum Gewaltverzicht aufgerufen. «Wir sind zutiefst besorgt über Berichte von Gewalt durch iranische Sicherheitskräfte und verurteilen die Tötung von Demonstranten auf das Schärfste», heisst es in einer gemeinsamen Erklärung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron und des britischen Premierministers Keir Starmer.
Die iranischen Behörden seien verantwortlich für den Schutz der eigenen Bevölkerung, sie müssten Meinungsfreiheit und friedliche Versammlungen zulassen, ohne dass Angst vor Repressalien herrsche. «Wir fordern die iranischen Behörden nachdrücklich dazu auf, Zurückhaltung zu üben, von Gewalt abzusehen und die Grundrechte der iranischen Bürgerinnen und Bürger zu wahren», so die Erklärung.
USA wollen iranische Bevölkerung unterstützen
Die USA haben den Menschen im Iran ihre Unterstützung zugesagt. «Die USA unterstützen das tapfere Volk im Iran», schrieb US-Aussenminister Marco Rubio am Samstag auf X mit Blick auf die anhaltenden Proteste. US-Präsident Donald Trump wiederholte unterdessen seine Warnung an die iranische Regierung, dass die USA eingreifen würden, falls wie in der Vergangenheit Menschen getötet werden: «Ihr fangt besser nicht an zu schiessen, sonst schiessen wir auch», teilte er mit. «Ich hoffe nur, dass die Demonstranten in Sicherheit sein werden, denn das ist im Moment ein sehr gefährlicher Ort.»