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Russland als Bedrohung Europas «Überfall»: das Szenario, vor dem alle Angst haben

Der Militäranalytiker Franz-Stefan Gady hat sich überlegt, was wäre, würde Österreich von Russland angegriffen.

Russische Panzer wie seinerzeit bei der Eroberung Wiens durch die Rote Armee im Frühling 1944 tauchen in Gadys Szenario nicht auf. «Es geht vielmehr darum, die Drehscheibe Österreich lahmzulegen», sagt Gady. Denn das kleine Österreich ist im Falle eines Krieges zwischen der Nato und Russland deshalb interessant, weil es eine Drehscheibe des Nachschubs der Nato nach Osteuropa bildet.

«Überfall» – eine Analyse bezogen auf Österreich

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Der bekannte österreichische Militäranalyst Franz-Stefan Gady hat in einem Buch analysiert, was passieren würde, wenn Russland Österreich militärisch angreifen würde. Sein Fazit: Österreich müsste sich unter den Schutz der Nato stellen und könnte ohne Hilfe nicht mehr funktionieren.

Das Werk heisst «Überfall» und erscheint Ende März.

Der wichtigste Nachschubkorridor der Nato aus den USA nach Osteuropa führt zwar über die norddeutschen Häfen. Wichtige Alternativrouten führen von italienischen Häfen über Österreich und Süddeutschland oder Österreich und die Slowakei nach Osten.

«Unabhängig von unserer Neutralitätspolitik werden wir Ziel von russischen Angriffen werden, weil wir geografisch zu wichtig sind für Russland und auch zu wichtig für die Nato», analysiert Gady. Um Österreichs Armee und Infrastruktur lahmzulegen, bräuchte es nicht viel. «Um die Nato-Logistik über Österreich zu unterbinden, würden mehrere Hundert Drohnen genügen, einige Hundert Raketen und eine kleine Gruppe von russischen Saboteuren.»

Wir als Staat Österreich wissen nicht, wie wir diese Ressourcen effektiv in ein Konzept integrieren können.
Autor: Franz-Stefan Gady Militäranalyst

Nach 48 Stunden müsste sich die österreichische Armee der Nato unterstellen, aus militärischen Gründen, aber auch, weil die Infrastruktur lahmgelegt wäre. Diese Armee ist mit 21’000 aktiven Militärangehörigen personell unterdotiert. 30’000 Reservisten müssten nach der Mobilisierung zuerst zwei Monate ausgebildet werden.

Dazu kommt: Werden Reservisten einberufen, fehlen sie in Spitälern oder beim Zivilschutz. «Wir als Staat Österreich wissen nicht, wie wir diese Ressourcen effektiv in ein Konzept integrieren können. Das ist mit ein Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe.»

Was ist mit der Neutralität?

Ein Problem ist auch die Neutralität. Österreich ist Mitglied der EU, die im Falle eines Angriffs auf eines ihrer Mitglieder eine Beistandspflicht kennt, wie die Nato. Zwar gibt es eine Ausnahme für Neutrale, die keine militärische Unterstützung leisten müssen. Doch Gady sagt: «Aus rein militärischer Perspektive ist es unmöglich für einen Kleinstaat, sich in einem Kriegsfall alleine zu verteidigen.»

Altmodische Schuhe, Gewehre und Mäntel einer Armee in Reih und Glied
Legende: Die österreichische Armee bei einer Zeremonie zum Tag der Wachtmeister (27.2.2026). Imago / Wolfgang Simlinger

Österreich und die Schweiz brauchen Daten und Informationen der Nato, um Raketenangriffe überhaupt rechtzeitig abwehren zu können. Und wie die EU auf ein Abseitsstehen Österreichs reagieren würde, bleibt offen.

Die Neutralität war tatsächlich in der Geschichte Europas im Grossen und Ganzen immer nutzlos.
Autor: Franz-Stefan Gady Militäranalytiker

Zudem sind 23 von 27 EU-Mitgliedern in der Nato. Und, so Gady, 2025 habe Österreich 5000 militärische Überflüge und Durchfahrten im Rahmen der sogenannten EU-Mobilitätsklausel erlaubt. Für Moskau ist Wien also kaum neutral. «Die Neutralität war tatsächlich [...] in der Geschichte Europas im Grossen und Ganzen immer nutzlos», so Gady.

Einsatz von Atomwaffen

Gady erinnert an den Kalten Krieg: «Wir kennen mittlerweile die Pläne des Warschauer Pakts für Österreich. Sie hätten den Einsatz von Nuklearwaffen inkludiert und gleichzeitig wäre die Nato in Österreich aktiv geworden.»

Neutralität gewissermassen als Lebenslüge? Gady sagt dazu: «Ich würde nicht sagen eine Lebenslüge. Es wird nicht gut genug differenziert, was Neutralität wirklich erreichen kann im militärischen Ernstfall und was die Grenzen der Neutralität sind. Neutralität schützt uns im 21. Jahrhundert nicht vor militärischen Bedrohungen. Das sind die Fakten.»

Gadys Urteil ist differenziert, denn er weiss, dass die Neutralität zum österreichischen Selbstverständnis gehört und zur Schweizer DNA sowieso.

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Rendez-vous, 12.5.2026, 12:30 Uhr; schc;wyss

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