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Scharia in Indonesien Drakonische Strafe für eine öffentliche Liebesbezeugung

Kuss auf Tiktok mit schmerzhaften Folgen: Ein unverheiratetes Paar wurde deswegen in Aceh mit Stockschlägen bestraft.

Worum geht es? In Indonesien wurde ein unverheiratetes einheimisches Paar öffentlich mit Stockschlägen bestraft, weil es sich quasi öffentlich – konkret in den sozialen Medien – geküsst hat. Wie SRF-Südostasien-Korrespondent Martin Aldrovandi sagt, sind solche Bestrafungen in der Provinz Aceh nicht unüblich. In Aceh gilt das Recht der islamischen Scharia.

Die öffentlichen Auspeitschungen sollen dazu dienen, andere von Verstössen gegen die religiösen Vorschriften der Provinz abzuschrecken.
Autor: Bobbi Sandri Leiter der Staatsanwaltschaft in Aceh

Wie kam es dazu? In einem Livestream auf Tiktok im Februar hat sich das Paar öffentlich in einem Auto geküsst. Der Vorfall wurde den Scharia-Behörden gemeldet, worauf diese Ermittlungen einleiteten. Das Paar wurde in der Folge zu 25 Stockschlägen mit einem Rattanstock verurteilt. Nach vier Monaten Untersuchungshaft wurden den beiden je vier Stockschläge erlassen.

Warum wurde das Paar so drakonisch bestraft? «Die Stockschläge sollen dazu dienen, andere von Verstössen gegen die religiösen Vorschriften der Provinz abzuschrecken», zitierte das Nachrichtenportal Serambinews.com den Leiter der Staatsanwaltschaft, Bobbi Sandri.

Wird die Scharia auch auf Touristen angewendet? Eigentlich gelte die Scharia auch für Nicht-Muslime und Nicht-Musliminnen, wie SRF-Südostasien-Korrespondent Martin Aldrovandi sagt. «Man sollte sich anständig kleiden.» Die meisten Menschen in Aceh seien sehr gastfreundlich und würden sich mehr Tourismus wünschen. «Aber man muss die örtliche Kultur und die Gepflogenheiten respektieren.»

Was ist die Scharia? Die Scharia enthält das moralische und rechtliche System, das im Islam vorgeschrieben ist. Das Recht der Scharia wird je nach Auslegung der islamischen Quellentexte in verschiedenen islamischen Ländern auf unterschiedliche Weise angewendet. Einige Länder setzen die Scharia vollständig um, während andere Elemente der Scharia in ihr Rechtssystem integrieren.

Wie sehen es Menschenrechts­organisationen? Amnesty International kritisiert öffentliche Stockschläge in Aceh seit Jahren als grausame, unmenschliche und entwürdigende Strafe und fordert ihre Abschaffung.

Eine Person in einem braunen Gewand hält einen Stock.
Legende: Dem Paar wurden je vier Stockschläge erlassen, weil es vor der öffentlichen Bestrafung bereits vier Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte. Keystone/Reza Saifullah

Gilt die Scharia in ganz Indonesien? Nein. Aceh ist die einzige Provinz im mehrheitlich muslimischen Indonesien, in der das islamische Recht offiziell angewendet wird. «Aceh geniesst eine relativ hohe Autonomie gegenüber dem Rest von Indonesien», sagt der Korrespondent. Im Rahmen eines Friedensabkommens habe die indonesische Regierung den Behörden der Provinz 2006 zugestanden, religiöses Recht anzuwenden. Dies, nachdem ein langwieriger Krieg um Unabhängigkeit beigelegt worden war.

Was sagen die Einheimischen zur Scharia? «Der grosse Tsunami 2004 hat ganze Landstriche verwüstet. Viele Menschen sind ums Leben gekommen, viele andere haben alles verloren», so der Korrespondent. «Der Tsunami wurde von vielen als Strafe Gottes angesehen.» Die Zustimmung zur Scharia ist hoch, wie Aldrovandi in persönlichen Gesprächen erfahren hat. Allerdings könnten kaum unabhängige Umfragen durchgeführt werden. Öffentlich trauen sich viele Menschen nicht, die Scharia zu kritisieren.

Wie leben Angehörige anderer Religionsgemeinschaften in Aceh? Dazu sagt Martin Aldrovandi: «Es gibt Christen, Buddhisten und Anhänger von anderen Religionen. Sie sind aber eine kleine Minderheit. Sie leben ihre Religion zurückhaltend.»

SRF 4 News, 6.7.2026, 6:15 Uhr ; 

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