Forscherinnen und Forscher rechnen schon länger mit einem schweren Erdbeben in Venezuela. Weil sich im Untergrund tektonische Platten bewegen und Druck entsteht. Venezuela liegt an der Grenze der karibischen und der süd-amerikanischen Platte. ETH-Professor Stefan Wiemer leitet den Schweizerischen Erdbebendienst und erklärt, wie es zu den Erdbeben gekommen ist.
SRF News: Weshalb hat sich der Druck gerade jetzt entladen?
Stefan Wiemer: Das kann man nicht wirklich sagen. Dieser Prozess, dass sich Spannungen an Verwerfungen aufbauen, läuft eigentlich kontinuierlich überall in der Welt. Die Spannungen bauen sich langsam auf.
Solche Erdbebenpaare sind nicht ungewöhnlich. Wenn ein Beben auftritt, dann verschiebt das in der Erdkruste viele Dinge.
Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es dann wirklich bricht. Oftmals gibt es viele andere kleine Beben die ganze Zeit vorher, aber die grossen lassen sich einfach nicht vorhersagen.
In Venezuela haben sich im Abstand von nur 39 Sekunden gleich zwei starke Erdbeben ereignet. Wie geht das?
Solche Erdbebenpaare sind nicht ungewöhnlich. Wenn ein Beben auftritt, dann verschiebt das in der Erdkruste viele Dinge. Es verschiebt die Platten gegeneinander und es sendet starke seismische Signale aus. Es ändert auch Flüssigkeiten, die im Erdkörper drin sind.
Wenn dann in der Nähe eine Verwerfung ist, die selbst schon nahe dran ist, irgendwann loszubrechen, dann wird die in diesem Moment losgetreten. Das führt direkt danach zu einem zweiten Beben. Genauso kann in einem Nachbeben-Prozess manchmal Tage oder Wochen später ein zweites, ähnlich grosses Beben auftreten.
Es gab auch Beben in Australien und Japan. Gibt es einen Zusammenhang?
Da kämpft die Wissenschaft ein wenig damit. Wahrscheinlich ist es Zufall. Denn die Wellen sind in dieser Zeit nicht unbedingt angekommen, und auch die seismischen Wellen, die von Venezuela bis nach Australien laufen, haben eine winzige Amplitude. Man geht davon aus, dass solche Sachen keinerlei Effekt haben können.
Die Spannungen bauen sich rund 15 Kilometer unter unseren Füssen auf. Wir können nicht durch die Erdkruste durchschauen, anders als durch die Atmosphäre.
Es gibt jedoch leichte statistische Häufungen, sodass nach einem grossen Beben in anderen Regionen auch mehr Beben auftreten können. Ganz ausgeschlossen ist es also nicht, dass es einen Effekt hat, aber sehr wahrscheinlich ist es Zufall. Es gibt auf der Erde jeden Tag grosse Beben. Meistens berichten die Medien nicht darüber. Erst wenn es katastrophale Auswirkungen gibt, dann schaut man viel genauer hin.
Forscherinnen und Forscher überwachen erdbebengefährdete Gebiete intensiv. Weshalb ist es dennoch nicht möglich, die Menschen unmittelbar vor einem Beben zu warnen?
Die Spannungen bauen sich rund 15 Kilometer unter unseren Füssen auf. Wir können nicht durch die Erdkruste durchschauen, anders als durch die Atmosphäre. Wir wissen nicht mal ganz genau, wo diese Verwerfungen sind, wie gross die Spannungen und wie die Materialeigenschaften sind. Damit sind solche Vorhersagen schwierig.
Ist es in Zukunft dereinst möglich, Erdbeben genauer vorherzusagen?
Es ist ein sehr aktives Forschungsgebiet. Immer mal wieder gibt es neue Ideen, wie man das machen könnte. Wir machen auch in der Schweiz hier im Labor Experimente, wo wir genau solche Dinge besser verstehen wollen. Es ist etwas, das wir versuchen, weil es notwendig ist. Wir hoffen, dass wir irgendwann noch bessere Vorhersagemodelle haben werden und mit noch besseren Daten in der Lage sind, zu sehen, wann sich so ein Beben abzeichnet. Aber ich kann natürlich nicht garantieren, dass wir da Erfolg haben werden. Wir bewegen uns noch im Bereich der Grundlagenforschung.
Das Gespräch führte Iwan Lieberherr.