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Katalonien lässt niemanden kalt
Aus Echo der Zeit vom 07.11.2019.
abspielen. Laufzeit 06:20 Minuten.
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Spanien vor den Wahlen Die Wut, die Ohnmacht und der Katalonien-Effekt

Am Sonntag wird in Spanien gewählt, aus der Krise wird das Land kaum finden. Das zeigt sich auf Barcelonas Strassen.

Wenn man die Rolltreppe an der Metro-Station «Diagonal» hochkommt, sieht auf den ersten Blick alles aus wie immer: Passanten eilen vorüber, die Schaufenster der Edelboutiquen sind blitzblank. Aber dann, auf den zweiten Blick: eine gelbe Schleife, das Symbol der Separatisten. Dort, neben dem Fussgängerstreifen, ein Schriftzug: «Raus mit den Kolonialherren.»

Es braucht einiges an Fantasie, um diese Überbleibsel mit den Bildern der letzten Wochen zusammenzubringen: Mit den brennenden Autos, den hunderten Verletzten, der halben Million Menschen, die auf dieser Strasse marschierten – dem Passeig de Gràcia im Zentrum von Barcelona.

Video
Schäden nach den Krawallen in Barcelona (unkomm.)
Aus News-Clip vom 19.10.2019.
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In den Seitenstrassen werden die Zeichen deutlicher: Vor dem Gebäude, in dem die Delegation der spanischen Zentralregierung untergebracht ist, stehen fünf Kastenwagen mit schwer bewaffneten Polizisten. Die freundlich lächeln, wenn man fragt, ob man ein Foto machen dürfe – «Aber natürlich, gar kein Problem» – als wäre alles in Ordnung.

Noch etwas weiter, an der Plaça d' Urquinaona, die zerschlagenen, zugeklebten Schaufenster und die herausgerissenen Pflastersteine. Die Ladenbesitzerin, der Kellner im Restaurant – darüber reden, was passiert ist, möchte hier fast niemand. Ausser Miguel.

Herausgerissene Pflastersteine an der Plaça d‘Urquinaona
Legende: Die fehlenden Pflastersteine an der Plaça d‘Urquinaona zeugen von dem, was in den letzten Wochen hier passiert ist. SRF/Melanie Pfändler

Miguel ist Concierge und verbringt seine Tage vor dem Eingang eines der Geschäftshäuser, seit 15 Jahren. Er scrollt durch die Fotos auf seinem Handy und schüttelt ungläubig den Kopf: «Schau, wie das hier ausgesehen hat vor drei Wochen.»

Polizeiwagen in Barcelona
Legende: Die Lage hat sich beruhigt auf den Strassen Barcelonas, aber für wie lange? Noch immer sind die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft. SRF/Melanie Pfändler

Die Demonstranten hatten eine brennende Barrikade errichtet, aus den Sonnenschirmen und Terrassenmöbeln des Restaurants nebenan. Wenigstens sei keiner der Mitarbeiter verletzt worden. Aber was hier passiert sei, sei richtig krass.

Slogan auf dem Boden
Legende: «Raus mit den Kolonialherren»: Die Schreie der Demonstranten sind verhallt. Ihre Forderungen nicht. SRF/Melanie Pfändler

Kiko Llaneras drückt sich etwas anders aus – aber im Kern meint er dasselbe. Er arbeitet für «El País», die grosse spanische Tageszeitung – und ist quasi deren Hausstatistiker, der Mann für Zahlen und Analysen.

Die Urteile gegen die katalanischen Separatistenführer und die darauffolgenden Proteste hätten zwei Effekte, sagt Llaneras. Erstens: In Katalonien dürften die separatistischen Parteien deutlich zulegen am Sonntag. Zweitens: Im Rest von Spanien seien es die rechten Parteien, die vom «Katalonien-Effekt» profitierten – insbesondere die Rechtsaussen-Partei Vox.

Vox – das Zünglein an der Waage?

Vox – das Zünglein an der Waage?

Vox wurde bei den Wahlen im April zum ersten Mal ins nationale Parlament gewählt. Die Partei hat Katalonien – beziehungsweise die unverhandelbare Einigkeit Spaniens! – von Anfang an zu ihrem Kernthema gemacht.

Im April gaben ihr zehn Prozent der Wählerinnen und Wähler ihre Stimmen. Dieses Mal könnten es 14, 15 Prozent sein, sagen die Umfragen. Das klingt nach einem kleinen Unterschied – doch er könnte die Dynamik im Parlament entscheidend verändern.

An der zentralen Rolle von Vox hat Enric Juliana keine Zweifel. Er ist stellvertretender Chefredaktor von «La Vanguardia», der grössten katalanischen Tageszeitung. Wenn man nach den interessanten, klügsten Kommentatoren fragt zum Katalonien-Konflikt, fällt oft sein Name.

Katalonien lässt niemanden kalt.
Autor: Enric JulianaChefredaktor von «La Vanguardia»

Die Sozialisten, die Sieger der Wahlen im April, und ihr Chef, Premier Pedro Sánchez, hätten einen Fehler begangen. Statt sich zusammenzuraufen und mit «Unidos Podemos», der Protestpartei, die noch weiter links steht, eine Koalition zu bilden, habe man es darauf ankommen lassen: Neuwahlen, drei Wochen nach den Urteilen gegen die Separatistenführer, eine Wahlkampagne, parallel zu den Protesten.

Gelbe Schleife auf dem Boden
Legende: Eine gelbe Schleife: Für den Durchschnittstouristen ist das Symbol schwer zu deuten, für die Einheimischen eine Art Kampfansage – zumindest, wenn sie hinter den Separatisten stehen. SRF/Melanie Pfändler

«Katalonien lässt niemanden kalt», sagt Juliana; das Problem habe eine ganz eigene Temperatur. Abzuschätzen, welchen Effekt die Wut in einer solchen Konfliktsituation habe, sei so gut wie unmöglich. Die Sozialisten seien ein enormes Risiko eingegangen.

Wenn Spanien etwas nötig hätte im Moment, wäre es Stabilität. Eine funktionierende Regierung. Ein Ausweg aus der Blockade. Doch dass die Wahlen diesen Weg weisen werden, ist sehr unwahrscheinlich.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Da haben einige Mächtige die Neuzeit noch nicht erkannt. Nebst Ausbildung fördert die moderne Kommunikation das Individuum Mensch zu Selbständigkeit, Eigenverantung und individuelle Sicherheit. Nicht nur in Katalonien sind es die Menschen satt, von zentralistischen, korrupten Machtzentren für deren Luxus ausgebeutet zu werden. Frau Pfändler hat da eine haarscharf Analyse beschrieben. Sie gilt auch, in ähnlichem Sinne, für: Chile, Bolivien, Ecuador, Libanon, Irak, Algerien und Hongkong.
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    1. Antwort von A. Gasser  (Alga)
      Wenn sie hier Spanien als zentralistischen Staat beschreiben bedeutet dies, dass sie keine Ahnung von Spanien haben.
      Spanien besteht aus 16 autonomen Gemeinschaften. Eine davon ist Katalonien. Jede dieser Gemeinschaften kann seine eigene Polizei, seine eigene Sprache, eigenes Schulsystem usw haben.
      Was ist hier zentralistisch?
      Und bezüglich Korruption, glauben sie ernsthaft dass die Katalanen weniger korrupt sind?
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    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Über eine Unabhängigkeit Kataloniens muss der spanische Stimmbürger befinden.
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    3. Antwort von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
      @Gasser: Lieber Herr Gasser. Die formellen Rechte der Regionen sind das Eine. Das Zweite, weit wichtigere ist der Geldfluss. Und genau hier stimmt vermutlich etwas nicht. Wenn einige Wenige protestieren, können diese eine Minderheit von Unzufriedenen sein, wenn aber die Hälfte einer Region rebelliert, ist einiges im Argen. Und - in Spanien hat es immer noch Anhänger von Franco!
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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Warum fällt mir an solchen Plätzen immer Laotze und Wen Zu ein. Verschiedene Meinungen gab es hier schon immer aber das Geschirr wurde eigentlich mit den Ursachen der Finanzkriese und nachfolgenden überspannen des Bogen von Vorschriften völlig zerschlagen. Neu töpfern ginge gar nicht so lange wenn da nicht die alten Gefühle wären. Wen zu meint dazu: Die Tatsache, dass Weise regieren können, ohne sich von den Stühlen zu erheben, hat ihren Grund darin, das Gefühle weiter reichen als Wort...
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    1. Antwort von Hans Anreiner  (Hans.Anreiner)
      Hochspannend ihr Beitrag. Musste ein paar Mal lesen. Die grosse Frage scheint also zu sein: Wie verändert man Gefühle? Durch Worte verändert man Gefühle und entsprechend andere Taten folgen. Wenn aber keiner mehr reden/zuhören will, folgen nur noch Taten nach alten Gefühlen. Ein Teufelskreislauf.
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