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«Wir Libanesen sind erfinderisch, unser Land ist es nicht»
Aus Echo der Zeit vom 03.05.2021.
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Spuren des Bürgerkrieges Libanon: Anbauschlacht auf einstigen Schlachtfeldern

Die Not treibt Libanesen in die Dörfer zurück, aus denen die Vorfahren im Bürgerkrieg vertrieben wurden. Besuch in Brih.

Über die Vergangenheit erzählen die Bäume im idyllischen Bergdorf Brih mehr als die Menschen. Auf Elie Hassouns gepflügtem Land steht ein uralter, fast astloser Olivenbaum. «Hier standen einst viele Olivenbäume. Sie haben sie im Krieg niedergebrannt», sagt der 33-jährige Christ.

Mit «sie» meint er die Drusen, die in den 1980er Jahren rund eine Viertelmillion Christinnen und Christen aus der Region vertrieben, darunter auch seine Grosseltern und Eltern aus Brih. Bis heute sind die meisten Vertriebenen nicht zurückgekehrt.

Nach fast 40 Jahren heilen die Wunden des Bürgerkriegs in Brih langsam: Drusen hatten 1983 die gesamte christliche Bevölkerung aus dem Dorf vertrieben oder umgebracht.
Legende: Nach fast 40 Jahren heilen die Wunden des Bürgerkriegs in Brih langsam: Drusen hatten 1983 die gesamte christliche Bevölkerung aus dem Dorf vertrieben oder umgebracht. SRF

Zwar handelte die libanesische Regierung 2014 ein Versöhnungsabkommen zwischen Drusen und Christen in Brih aus, das den Vertriebenen die Rückkehr ermöglicht. Mit den Mördern ihrer Angehörigen im gleichen Dorf zu wohnen, ist für viele jedoch unvorstellbar. Gesühnt sind die Kriegsverbrechen von damals nämlich nicht: Es gab für alle Kriegsbeteiligten eine Amnestie.

Elie Hassoun kehrte erst vor zwei Jahren aufs Land seines Grossvaters zurück. Der Bürgerkrieg ist für ihn Vergangenheit. «Würde ich darüber nachdenken, könnte ich nicht zurückkehren», sagt er. Auf seinem Land arbeiten ein Druse und ein Muslim. «Wir arbeiten alle zusammen. Wir denken anders als unsere Grosseltern, deren Einstellung zum Bürgerkrieg führte.»

Eine der beiden neugebauten Kirchen in der libanesischen Ortschaft Brih. Nach ihrer Zerstörung in den 1980er-Jahren im Bürgerkrieg war der Neubau Teil des Friedensabkommens zwischen Drusen und Christen.
Legende: Eine der beiden neugebauten Kirchen in der libanesischen Ortschaft Brih. Nach ihrer Zerstörung in den 1980er-Jahren im Bürgerkrieg war der Neubau Teil des Friedensabkommens zwischen Drusen und Christen. SRF

Elie Hassoun ist Fotograf und hat einen Master in audiovisuellen Medien. Bis vor vier Jahren verdiente er umgerechnet 5000 Franken im Monat. Doch die Kriegsgeneration, die noch immer an der Macht ist, hat Libanon mit ihrer Korruption in den Ruin getrieben. Heute hat der Frischverheiratete kaum mehr Aufträge.

Wir Libanesen sind erfinderisch, unser Land ist es nicht.
Autor: Elie Hassoun

Bestes Trinkwasser fliesst vom Berg Barouk hinunter ins Dorf: Damit bewässert Elie Hassoun seine 2000 Quadratmeter Land. Er will Selbstversorger werden. Denn Löhne sind wegen der horrenden Inflation fast nichts mehr wert. «Meine Frau ist Physikprofessorin. Sie verdient jetzt weniger als 250 Dollar im Monat. Davon können wir nicht leben.»

Verdienen lässt sich als Hobbybauer nicht viel: Wegen der horrenden Inflation kann ein Ersatzteil für den Minitraktor mehr kosten als sich mit dem Verkauf von Gemüse und Obst einnehmen lässt.
Legende: Verdienen lässt sich als Hobbybauer nicht viel: Wegen der horrenden Inflation kann ein Ersatzteil für den Minitraktor mehr kosten als sich mit dem Verkauf von Gemüse und Obst einnehmen lässt. SRF

Mit dem eigenen Obst- und Gemüseanbau lässt sich kaum etwas verdienen, wie Elie Hassoun anhand junger kranker Olivenbäume erklärt. «Diese vier Bäume sind krank. Um Baumschutzmittel zu kaufen, brauchen wir Dollar. Weil Libanon alles importiert, können wir nichts in libanesischen Pfund bezahlen.»

Brih und der libanesische Bürgerkrieg (1975-1990)

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Während Generationen lebten Drusen und Christen im Distrikt Chouf, zu dem auch das Dorf Brih gehört, zusammen. 1977, zwei Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges, verübten Drusen ein Massaker in einer Dorfkirche in Brih. Die ersten Christinnen und Christen flohen aus dem Dorf.

Nach einigen Jahren relativer Ruhe begann 1982 der Bergkrieg, als Israel in den libanesischen Bürgerkrieg eingriff, um Kämpfer der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO zu vertreiben. Die christlichen Bürgerkriegskämpfer witterten ihre Chance, die Drusen zu vertreiben.

1983 zogen sich die israelischen Kräfte jedoch zurück, die christlichen Kämpfer unterlagen den Drusen. 1983 wurden innert weniger Wochen 250'000 Christinnen und Christen aus der Region vertrieben.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges dauerte es Jahre bis zur Aushandlung von Friedensabkommen, die eine Rückkehr der christlichen Bevölkerung ermöglicht. Noch ist die Mehrheit nicht zurückgekehrt. In Libanon sind rund 48 Prozent der Bevölkerung muslimisch, 45 Prozent christlich und 5 Prozent Drusen.

Dollar sind in Libanon jedoch kaum erhältlich, und teuer: Ein US-Dollar kostet heute rund zwölfeinhalb Tausend libanesische Pfund, achtmal mehr als vor zwei Jahren. Ein Baumschutzmittel oder ein Ersatzteil für einen Kleintraktor kostet mehr, als der Hobbybauer mit dem Verkauf von Obst oder Gemüse verdient.

Elie Hassoun, 33, ist Christ und von Beruf Fotograf. In seiner wirtschaftlichen Not ist er aufs Land seines Grossvaters zurückgekehrt, der im Bürgerkrieg vertrieben wurde.
Legende: Elie Hassoun, 33, ist Christ und von Beruf Fotograf. In seiner wirtschaftlichen Not ist er aufs Land seines Grossvaters zurückgekehrt, der im Bürgerkrieg vertrieben wurde. SRF

Elie Hassoun will sich trotz allem nicht entmutigen lassen: Bauern macht ihm Spass, gibt seinem Leben einen Sinn. «Wir Libanesen sind erfinderisch, unser Land ist es nicht», lacht er. Während die Politiker der Bürgerkriegsgeneration Libanon weiter in den Abgrund treiben, will er auf den Trümmern ihres Krieges ein kleines Haus bauen.

Im Dorf, in dem das Haus seines Vaters zerstört wurde, will Eli Hassoun nun wieder bauen.
Legende: Im Dorf, in dem das Haus seines Vaters zerstört wurde, will Eli Hassoun nun wieder bauen. SRF

«Das Haus meines Vaters wurde im Krieg zerstört - überall im Dorf liegen noch Trümmer zerstörter Häuser», sagt er. Von konfessionellen Spannungen in seinem Dorf Brih und von Politikern, die solche Spannungen schüren, will er nichts wissen. «Wir wollen keinen Krieg und auch nicht, dass unsere Kinder einen Bürgerkrieg erleben», sagt Elie Hassoun, der bald zum ersten Mal Vater wird.

Echo der Zeit, 03.05.2021, 18:00 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Die Hisbllah und andere Kriegstruppen merken mit ihrem Tun nicht, dass sie ihre eigen Grundlage zerstören und zuletzt genau so weinig haben als das ausgeblutete Volk. Da sterben tausende Menschen und wofür?
  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    Ja kenne die Gegend. Im Bekha Tal produziert Schloss Musst fantastische Weine. Weltweit gesucht. Moslem trinken keinen Wein mehr, somit wird es schwierig wie im Bericht gut erzählt von Brih. Hoffe, dass ich bald Libanon und Jordanien besuchen kann. Christen haben es sehr schwer im Libanon. Dass Iran im Libanon Truppen hat ist seit langem Fakt. Diese schiessen auf Israel regelmässig Raketen.
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Die Hisbollah ist eine schwere Hypothek für den Libanon. Sie verhindert jede positive Entwicklung.