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Staatsbesuch in China Zwischen Pragmatismus und Fussball: Starmers China-Reise

Während drei Tagen hat der britische Premierminister Keir Starmer die Volksrepublik China bereist. Es war der erste Besuch eines britischen Premierministers in Peking seit der von Theresa May 2018. Die Niederschlagung von Protesten in Hongkong und Spionage-Vorwürfe gegen chinesische Akteure in London haben bilaterale Beziehungen in den vergangenen Jahren ziemlich zerrüttet. Starmer nannte den Staatsbesuch eine pragmatische Annäherung im nationalen Interesse.

Wer in vergangenen Jahrhunderten den kaiserlichen Hof in China besuchte, ehrte die jeweiligen Machthaber mit auserlesenen Geschenken. Keir Starmer kam dagegen mit einem gebrauchten Fussball. Mit diesem bestritten Manchester United und Arsenal am vergangenen Wochenende noch ein Spiel in der höchsten englischen Liga. Der Staatspräsident der Volksrepublik China soll ein begeisterter Anhänger von Manchester United sein. Starmer von Arsenal.

Das Präsent war eine warme Geste unter Fussballfreunden zur Entfrostung der Beziehungen zwischen London und Peking.

Peking positioniert sich als besonnene Alternative zu Washington

Die chinesisch-britischen Beziehungen hätten einige Wendungen durchlebt und Umwege genommen, die nicht den Interessen der beiden Länder dienten, mahnte Xi Jinping in der grossen Halle des Volkes. In einer instabilen Welt seien stabile Beziehungen wichtig.

Die Botschaft zwischen den Zeilen lautete: China ist ein Leuchtturm der Verlässlichkeit inmitten der Flut launenhafter Eruptionen des aktuellen Bewohners des Weissen Hauses. Selbst Trump-Flüsterer Starmer wurde jüngst regelmässig Opfer der Zornesausbrüche des US-Präsidenten.

Grossbritanniens Balanceakt zwischen den Mächten

Doch nicht allein die Suche nach neuen Freunden und warmen Worten, auch ökonomische Interessen führten den britischen Premierminister nach China. Die britische Wirtschaft schwächelt. Grossbritannien trianguliert deshalb in stürmischen Zeiten zwischen Washington, Dehli, Brüssel und Peking die Möglichkeit nach neuen Märkten und Investoren. Was wiederum den US-Präsidenten provoziert. Grossbritanniens Annäherungsversuche an China seien sehr, sehr gefährlich, liess Trump aus der Ferne drohend wissen.

Vielleicht zum Trost erhielt Starmer in Peking eine Privatführung durch die verbotene Stadt. Wie viele verbotene Themen er dabei gegenüber seinen Gastgebern zur Sprache brachte, wollte der Premierminister den mitreisenden Journalistinnen und Journalisten nicht verraten. Er liess lediglich verlauten, er habe «bedeutungsvolle Gespräche geführt». Ob dazu auch das Anliegen gehörte, Xi Jinping möge seinen Freund Wladimir Putin bitten, den Krieg in der Ukraine zu beenden, oder pfleglicher mit der uighurischen Minderheit umzugehen, blieb dabei im Dunkeln. 

Wenig Substanz verbleibt

Klar ist dagegen, dass die tiefgreifenden Unterschiede in den Auffassungen über Menschenrechte, Demokratie und Meinungsfreiheit weder durch diplomatische Höflichkeit noch durch einen Fussball überbrückt werden konnten.

Umso erleichterter wirkte Starmer, als er am Ende der Reise doch einen Achtungserfolg verkünden konnte. Britische Staatsbürger benötigen künftig für Aufenthalte in China unter dreissig Tagen kein Visum mehr. Zudem senkt Peking den Importzoll für schottischen Whisky von 10 auf 5 Prozent.

Kein überwältigendes Resultat, aber doch noch besser als was sich auf dem Fussballfeld abspielte: Arsenal, das Team von Starmer, wurde am vergangenen Sonntag von Manchester United 3 zu 2 besiegt.

Patrik Wülser

Grossbritannien-Korrespondent

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Patrik Wülser arbeitet seit Ende 2019 in London als Grossbritannien-Korrespondent für SRF. Wülser war von 2011 bis 2017 Afrika-Korrespondent und lebte mit seiner Familie in Nairobi. Danach war er Leiter der Auslandsredaktion von Radio SRF in Bern.

Echo der Zeit, 31.01.26, 18 Uhr

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